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Fußball : Der dreiste Griff nach den drei Sternen

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Umstrittener Lorbeer auf breiter Brust: Der DDR-Serienmeister fühlt sich als Drei-Sterne-Klub Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der BFC Dynamo fordert späte Ehre für zehn fragwürdige Meisterschaften in der DDR. Hat der Berliner Fußballklub, einst vom Ministerium für Staatssicherheit getragen, das verdient?

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          Das Trikot mit der Nummer sechs ist schon verschwunden. Zuletzt gesehen wurde es beim Fototermin mit Jürgen Bogs am Rande des Spiels gegen die Amateure von Energie Cottbus. Bogs hat als Trainer zehn Meistertitel in Folge in der DDR-Oberliga mit dem Berliner Fußballclub Dynamo gewonnen. Heute ist er berufsunfähig, beide Knie schmerzen schon beim Stehen.

          Er wirkte glücklich an diesem Tag, als der BFC zwar 0:1 verlor, er aber das weinrote Leibchen mit den drei Sternen über dem Vereinslogo in der Hand hielt. „Das ist die nachträgliche Würdigung meiner Arbeit“, sagt er. Vor lauter Rührung hat er glatt vergessen, wem er das Hemd danach in die Hand gedrückt hat. „Vielleicht finden wir das wertvolle Stück ja bei Ebay wieder“, sagt Christian Backs, der heute Dynamo in der Oberliga Nordost trainiert.

          Das wertvolle Stück bei Ebay?

          Backs, als Spieler an sieben der zehn Titelgewinne zwischen 1979 und 1988 beteiligt, ist einer der wenigen, die humorvoll mit einem Vorgang umgehen, der kommende Woche in einer Vorstandssitzung sogar die Deutsche Fußball-Liga (DFL) beschäftigen wird. Bogs sagt ängstlich: „Wenn uns die Sterne jetzt wieder genommen werden, wäre das beschämend.“ Bogs findet nur gerecht, was kürzlich das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes angeregt hat: daß auch Vereine wie der BFC die Ehrensterne für Meisterschaften tragen dürfen. Das war bis dato nur den Bundesliga-Titelträgern vorbehalten.

          Dynamo war sein Lieblingsspielzeug: Der ehemalige Stasi-Chef Erich Mielke
          Dynamo war sein Lieblingsspielzeug: Der ehemalige Stasi-Chef Erich Mielke : Bild: picture-alliance / dpa

          Für drei Meisterschaften gibt es einen, ab fünf zwei und ab zehn Titeln drei Sterne. Bisher darf sich nur der FC Bayern München mit den drei Sternen dekorieren - für 17 Meisterschaften seit 1963. Gegen die Regelung hatte der BFC Beschwerde eingelegt. „Wir waren uns einig, daß wir die DDR-Meister ernst nehmen müssen“, sagt Hans-Georg Moldenhauer, DFB-Vizepräsident aus Magdeburg: „Ich gehe davon aus, daß die DFL das genauso sieht.“

          „Oberliga? Das ist nicht unser Beritt“

          Allerdings bat er, noch das Urteil abzuwarten. Doch die Berliner beflockten ihre Trikots sofort. Weil sie, die im Schatten dümpeln, Aufmerksamkeit witterten. Aber auch, weil die DFL ihnen mitgeteilt habe, sie sei gar nicht zuständig. Genervt sagt DFL-Sprecher Tom Bender: „Oberliga? Das ist nicht unser Beritt.“

          Doch mittlerweile haben er und die anderen Verantwortlichen erkannt, daß der Griff eines kleinen Amateurvereins nach den Sternen sehr wohl ihr Thema sein muß. Denn bundesweit hat der BFC Diskussionen ausgelöst. Schließlich wären nicht nur die Altmeister wie Schalke oder der 1. FC Nürnberg, sondern auch Ost-Hochburgen wie Dynamo Dresden (acht Titel) begünstigt. „Wir brauchen eine Lösung für den gesamten deutschen Fußball“, betont Bender nun.

          „Schalke kuscht vor der DFL“

          Derweil feiern sich die Dynamos selbst. „Schalke und andere kuschen vor der DFL. Die sind uns jetzt dankbar, daß wir vorgeprescht sind“, glaubt Yiannis Kaufmann, Marketingexperte im BFC-Vorstand. Er ist verantwortlich dafür, daß der Stadionsprecher im Sportforum in Hohenschönhausen, wo das Unkraut zwischen den maroden Betonstehrängen wuchert, mittlerweile „die Bayern des Ostens“ und den „Drei-Sterne-Verein“ ankündigt. Bogs sagt, tief befriedigt: „Eigentlich hätte uns die Ehrung schon gleich nach der Wende zugestanden.“

          Vermutlich wären die Proteste damals noch viel lauter gewesen als heute. Denn der BFC und seine Titel - das ist eine fragwürdige Sache. Der Verein, einst vom Ministerium für Staatssicherheit getragen, wurde als „Schiebermeister“ in den Stadien verhöhnt. „Wir grüßen den DDR-Meister und seine Schiedsrichter“, hieß es auf Plakaten.

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