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Rad-Klassiker Paris-Roubaix : Der spezielle Druck des John Degenkolb

  • -Aktualisiert am

Reicht die Form für die Hölle des Nordens? John Degenkolb woll mitmischen. Bild: dpa

2015 gewann John Degenkolb bei Paris–Roubaix die als „Hölle des Nordens“ betitelte Wettfahrt der Radsportler. Zuletzt hat sich die Beziehung des Deutschen zur „Königin der Klassiker“ noch vertieft.

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          Die Trophäe von damals hat daheim noch immer einen gut sichtbaren Ehrenplatz, hinter Glas. Sie ist nicht nur außergewöhnlich, wie so vieles am Rennen Paris–Roubaix, sondern auch sehr schwer. Ein Pflasterstein auf einem Sockel. Optisch kein Schmuckstück, sondern nur etwas für Liebhaber. Wie John Degenkolb einer ist. Der Radprofi hat ein Faible für den Klassiker, die als „Hölle des Nordens“ betitelte Wettfahrt, die ein deftiges Mehr an Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit von den Rennfahrern fordert. Denn die auch in diesem Jahr auf 257 Rennkilometer verteilten 29 Sektoren, in denen das Peloton 54,5 Kilometer lang über das zu Napoleons Zeiten angelegte grobe Pflaster holpert, stellen Mensch und Maschine auf eine extreme Probe.

          2014 wurde Degenkolb bei diesem Monument des Radsports Zweiter, 2015 gewann er den Pflasterstein-Pokal. Im vergangenen Sommer schaffte er exakt auf diesem Terrain den nächsten Triumph, als er dort erstmals eine Tour-de-France-Etappe gewann. „Dort habe ich die größten und emotionalsten Erfolge meiner Karriere erreicht. Es ist eine spezielle Verbindung zu diesem Ort entstanden“, sagt Degenkolb. Für ihn ist Paris–Roubaix weniger „Hölle des Nordens“ als vielmehr „Königin der Klassiker“, wie das Großereignis noch bezeichnet wird. Ist der Rütteltest des Jahres an diesem Sonntag für viele Fahrer ein Schreckensszenario, gerät Degenkolb ins Schwärmen. „Du musst dort so tief gehen, so sehr über den Punkt gehen“, sagt der 30 Jahre alte Degenkolb. „Bei Paris–Roubaix ist alles anders.“

          Defekte und Stürze gehören dazu

          Für dieses eine Rennen steigen die Fahrer auf eigens den enormen Anforderungen angepasste Velos. „Die Reifen sind breiter, der Radstand länger, die Tretlager tiefer, beim Setup des gesamten Rahmens wird mehr Wert auf Komfort als auf Aerodynamik gelegt“, sagt Degenkolb. Defekte und Stürze gehören zum Programm wie das Rennfinale, das in Runden auf der Betonpiste im alten Vélodrome in Roubaix ausgetragen wird. Degenkolb hat alles darauf ausgerichtet, dabei zu sein, wenn die Entscheidung fällt.

          Eine Topplazierung soll her, um zu verhindern, dass seine Klassiker-Kampagne „nur“ von einem zweiten Platz bei Gent–Wevelgem geprägt bleibt. Bei Paris–Roubaix braucht es neben Topform auch eine starke Unterstützung durch das Team. Aber seine auch in dieser Saison abermals hinter den Erwartungen fahrende Equipe Trek-Segafredo kann bislang nicht den Eindruck fehlender Harmonie kaschieren. Auch Degenkolb ist in den knapp zweieinhalb Jahren, die er für die amerikanische Mannschaft fährt, den Hoffnungen nicht gerecht geworden. Auch er blieb – abgesehen vom Tour-Triumph in Roubaix – große Siege schuldig. Nun fährt der in Oberursel heimisch gewordene Profi im letzten Vertragsjahr auch um seine Weiterbeschäftigung in erstklassigem Umfeld.

          Degenkolb, bei dem in diesem Jahr ein Verzicht auf die Tour de France im Raum steht zugunsten voller Konzentration auf die Weltmeisterschaften in Yorkshire, sieht das nach außen hin gelassen. Nach seinem schweren Trainingsunfall im Januar 2016 fuhr er vordringlich gegen die Zweifel an, die um die Frage aller Fragen für ihn kreisten: Kann ich so stark werden wie vorher, wie 2015, als neben Paris–Roubaix auch der Sieg bei Mailand–Sanremo zu Buche stand? Mit dem Tour-Etappensieg in Roubaix hat sich für Degenkolb der Kreis geschlossen, für ihn lautet die Antwort: Ja.

          Zuletzt hat sich seine Beziehung zur „Königin der Klassiker“ noch vertieft. Als er mitbekam, dass das U-19-Rennen dort aus finanziellen Gründen vor dem Aus stand, riefen er und sein Management eine Spendenaktion ins Leben. Innerhalb von fünf Tagen kamen aus aller Welt 15 000 Euro zusammen. 10 000 für den Erhalt des Juniorenrennens und 5000 Euro für die „Les Amis de Paris–Roubaix“, für die Degenkolb als Botschafter wirkt. Der Freundeskreis hat sich dem Hüten und Bewahren der Pavés verschrieben. Die Mitglieder reinigen, glätten und pflegen die Pflasterstein-Passagen in tagelanger mühevoller Handarbeit. Damit helfen sie mit, dass der Radsport am zweiten April-Sonntag zurückgeworfen werden kann auf eine pure, antiquierte, archaische Version seiner selbst.

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