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Leichtathletik : Nichts geht über Olympia

Plötzlich Weltklasse: Tatjana Pinto besticht in Leipzig mit der drittbesten 60-Meter-Zeit der Hallensaison. Sie will nach Portland. Bild: Imago

Die Hallen-Weltmeisterschaft in Oregon kommt den deutschen Leichtathleten ziemlich ungelegen. Denn sie stören die Vorbereitung auf die großen Ziele in diesem Jahr – EM und olympische Spiele. Das hat Konsequenzen.

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          Als wollte sie ihre Entschlossenheit zur Reise nach Amerika beweisen: Weitspringerin Alexandra Wester, der aufgehende Stern der deutschen Leichtathletik, steigerte sich im Weitsprung-Wettbewerb auf 6,75 Meter, die Qualifikations-Weite für die Hallen-Weltmeisterschaften. Der Titel bei den deutschen Hallen-Meisterschaften in Leipzig war ihr damit sicher, und die Qualifikation hatte sie in der Tasche, seit sie sich in Berlin mit 6,95 Metern an die Spitze der Jahresbestenliste gesetzt hatte. Die 21 Jahre alte Kölnerin will endlich einmal im Nationaltrikot starten.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Womit sie in diesem speziellen Fall zu einer Minderheit zählt. Auf „zehn plus x“ hatte Chef-Bundestrainer Idris Gonschinska die deutsche Auswahl für die Hallen-WM in Portland im amerikanischen Bundesstaat Oregon beziffert. Wie schnell selbst ein so kleines Team schrumpfen kann, zeigte ausgerechnet Raphael Holzdeppe. Der Stabhochsprung-Weltmeister von Moskau 2013 und designierte Anführer der Expedition, stürzte beim Einspringen und verletzte sich am rechten Knöchel.

          Auf einen Schlag Medaillen-Kandidat

          Von der Diagnose an diesem Montag wird abhängen, ob er in Amerika fliegt oder vorerst am Boden bleibt. Dreispringer Max Heß rückte mit einem Sprung von 17 Metern in die Mannschaft. Auf einen Schlag ist er damit Medaillen-Kandidat: Weiter als er ist in diesem Winter nur ein einziger Dreispringer gekommen.

          Noch spektakulärer war die Qualifikation von Tatjana Pinto. Nach drei Jahren zurückgekehrt, steigerte die 23 Jahre alte Sprinterin aus Paderborn sich von 7,29 Sekunden, die sie bei einem Wettkampf in Gent lief, über Vor- und Zwischenläufe (7,19 und 7,12) auf 7,07 – plötzlich Weltklasse. Hinter Dafne Schippers aus den Niederlanden und Marie-Josée Ta Lou von der Elfenbeinküste ist sie die Nummer drei dieses Winters. „Eigentlich war gar keine Hallen-Saison geplant“, sagte sie und entschied sich spontan für die Reise nach Portland: „Solche Rennen sollte man mitnehmen. Das ist eine gute Generalprobe für den Sommer.“

          Die erfahrenen Athleten brauchen keine Generalproben, schon gar nicht so spät im Jahr und damit zu Beginn ihrer Vorbereitung auf den Olympia-Sommer. Cindy Roleder, die Zweite der Weltmeisterschaft von Peking im Hürdensprint, nahm die Meisterschaft in ihrer Heimatstadt als Kehraus für den Winter. In 7,88 Sekunden nahm sie souverän den Titel mit, vor Nadine Hildebrand, die nach einem Jahr Pause Zweite wurde (8,01). Damit liegt sie auf Platz vier der Jahresbestenliste, doch statt in der Halle von Portland zu starten, trainiert sie Kugelstoßen, Hochsprung und was sonst noch zum Mehrkampf gehört.

          Seit Cindy Rohleder Siebenkämpferin geworden ist, spurtet sie im Weltklasse-Tempo über die Hürden. Dabei soll es bleiben – „weil es mir guttut“, sagt sie. Der Plan ist: in Rio im Hürdensprint zu starten und eine Zeit um 12,59 Sekunden zu erreichen, mit der sie in Peking die Silbermedaille gewann.

          Auch Arthur Abele tut das Zehnkampf-Training gut, kein Wunder, er ist schließlich Zehnkämpfer. Im Hürdensprint kam er in 7,82 Sekunden auf Platz vier, gut zwei Zehntel hinter Champion Erik Balnuweit (7,61). „Wenn ich erzähle, wie oft ich Hürden trainiere“, amüsierte er sich, „dann fallen die Spezialisten vom Glauben ab und fragen sich, was sie eigentlich jeden Tag machen.“

          Auf einen Schlag Medaillenkandidat: Dreispringer Max Heß
          Auf einen Schlag Medaillenkandidat: Dreispringer Max Heß : Bild: dpa

          Bundestrainer Gonschinska war beeindruckt – nicht nur vom Ergebnis. „Dass er so kurz nach einem Archillessehnenriss den Mut hat, voll drauf zu gehen“, schwärmte er. „Arthur ist auf einem phantastischen Weg zurück Richtung Rio.“ Keine Frage, auch sein Weg führt nicht über Portland.

          Auch Julian Reus, der sportlich neue Höhen erreicht, verzichtet auf die Hallen-WM. „Wir träumen von einer erfolgreichen Olympia-Saison“, sagt Gonschinska. „Die Statik des Ereignisses ordnet alles dem großen Ziel unter.“ Will sagen: Nichts zählt außer Olympia.

          Marie-Laurence Jungfleisch, mit ihren 25 Jahren bereits dreimal deutsche Meisterin draußen, gewann nun mit 1,95 Metern zum vierten Mal in der Halle. Als Siegerin einer Hallen-Serie wäre sie zwar für Portland qualifiziert, doch auch sie akzeptiert das Primat der Ringe: Statt nach Oregon zu reisen, fliegt sie zum Training nach Südafrika.

          Der X-Faktor

          David Storl und Christina Schwanitz, die besten Kugelstoßer des Landes und der Welt, Nummer zwei und Nummer eins der Weltmeisterschaft von Peking, machen Pause in diesem Winter. Beide kurieren ihre Kniereizungen aus. Das Ziel? Keine Frage.

          Vielleicht ist er der X-Faktor: Immerhin Clemens Prokop wird international aktiv. Der Präsident des deutschen Verbandes fordert, im Verein mit anderen europäischen Verbänden, einen außerordentlichen Kongress des Weltverbandes (IAAF) einzuberufen. Es gelte, alle Mitgliedsverbände in den Erneuerungsprozess einzubeziehen, sagte er in Leipzig. Womöglich zielt der Vorstoß auch darauf ab, IAAF-Präsident Sebastian Coe zur Vertrauensfrage zu zwingen.

          Schon vorher erwartet Prokop eine Antwort auf die Frage, warum die Ethik-Kommission des Verbandes eine Reihe von Funktionären wegen ihrer kriminellen Machenschaften suspendiert hat, ausgerechnet ihr Anführer Lamine Diack aber, der im August ausgeschiedene IAAF-Präsident, gegen den die französische Justiz wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt, immer noch Ehrenpräsident des Weltverbandes ist.

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