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Ironman auf Hawaii : In der Parallelwelt des Extremsports

Geschafft: Frodeno bei seinem Ironman-Sieg im vergangenen Jahr Bild: Marc Sjoeberg

Wer den Ironman auf Hawaii gewinnen will, muss in eine besondere Welt eintauchen. Jan Frodeno und Sebastian Kienle treffen sich zum größten aller Triathlon-Rennen – und werden wieder in den Abgrund blicken.

          5 Min.

          Der 3.Juli 2016, kurz nach 15 Uhr. Sebastian Kienle aus Knittlingen in Schwaben hat die Ironman-Europameisterschaft in Frankfurt gewonnen. 7:52:43 Stunden war er unterwegs gewesen, 57 Sekunden Vorsprung hatte er am Ende vor dem Freiburger Andreas Böcherer, es war der knappste Ausgang in der Geschichte des Rennens. Kienle, einer der besten Langstreckentriathleten der Welt, Hawaii-Sieger 2014, stand hinter der Ziellinie, das Mikrofon eines TV-Reporters vor dem Gesicht und die Frage, wie er sich fühle nach diesem furchtbar harten Rennen, diesen 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Laufen. „Ich war in einer Parallelwelt“, antwortete Kienle. „Ich dachte, ich hätte an die Himmelspforte geklopft. Ich hasse mich selbst.“

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Der Reporter erschrak, ein Blick in den Abgrund ist nicht vorgesehen innerhalb einer gut gelaunten, freundlich-pathetischen Fernsehübertragung. Aber wenn man in seine Augen blicke, sagte der Reporter versöhnlich, dann sehe man doch Freude und Stolz. Kienle lächelte wie ein sterbenskranker Mann und antwortete: „Wenn Sie genau hinschauen, dann sehen Sie in meinen Augen nur eines: dass ich so etwas nie wieder machen will.“

          „Mein Wunsch- und Angstgegner“

          Am Samstag (18.25 Uhr MESZ) macht er es wieder. Dann steht Sebastian Kienle beim Ironman auf Hawaii am Start, dem größten aller Triathlonrennen. Seine Gegner werden stärker sein als in Frankfurt, allen voran Titelverteidiger Jan Frodeno, der Superstar der Szene, „mein Wunsch- und Angstgegner“, wie Kienle sagt. Erwartet wird ein erbitterter Zweikampf zwischen den beiden Deutschen, ein Kampf, der wieder heranführt an die Himmelspforte, in eine Welt, in der nur Extremsportler manchmal ein paar Minuten oder Stunden verbringen.

          Vor ein paar Tagen hat Jan Frodeno Station in Frankfurt gemacht. Aus seinem Trainingslager in Girona in Spanien war er morgens mit Frau und Kind herübergeflogen, hatte ein paar Presse- und Sponsorentermine erledigt, war am Olympiastützpunkt fünf Kilometer geschwommen und dann am Abend nach Tokio weitergeflogen, seinem letzten Stopp vor Hawaii, dem Ziel aller Triathlonträume.

          Wie ist das mit der Parallelwelt? Kann er Kienles Frankfurter Gefühle nachempfinden? Ist ein Ironman auf diesem extremen Niveau nicht mehr von dieser Welt? „Ja“, sagt Frodeno. „Es gibt eine andere Welt, in die man eintaucht. Ich würde sie als Form der absoluten Konzentration beschreiben, weil in diesen Momenten nichts anderes mehr existiert. Es gibt dann nur noch sich selbst und die Bewegung, das Umfeld verschwimmt.“

          Was ist der Antrieb, in diese Welt einzutauchen? „Der Beste sein zu wollen in dem, was man macht, das motiviert mich extrem“, sagt Frodeno. Etwas Einzigartiges, etwas Neues zu schaffen, sei in vielen Bereichen heute ja fast unmöglich. Frodeno liest mit Begeisterung Autobiographien großer Persönlichkeiten, um zu erfahren, wie es anderen in Ausnahmesituationen erging. „Ich finde bei Top-Performern viele Parallelen“, sagt er, „ob das Steve Jobs ist oder Andre Agassi, das sind alles Menschen, die irgendwo in ihrer Welt gefangen sind und dadurch zu einer Art Genie werden. Das ist etwas, was ich in dem, was ich tue, auch anstrebe, auch wenn ich mittlerweile etwas ausgeglichener geworden bin und mit meiner Familie einen anderen Anker habe als früher.“

          Extrem motiviert: Im Juli stellte Jan Frodeno mit 7:35:39 in Roth eine neue Weltbestzeit über die Langstrecke auf Bilderstrecke

          Die großen Rennen werden auch im Kopf entschieden, das ist eine Platitude, die im Langstreckentriathlon wie selbstverständlich Gültigkeit hat. Deshalb arbeiten viele Spitzentriathleten mit Mentaltrainern zusammen. Frodeno, der 2008 in Peking Olympiasieger auf der Kurzstrecke wurde, hat sich im Laufe seiner Karriere immer weiter davon entfernt. Er hat in all den Jahren - und nach heftigen psychischen Rückschlägen vor seinem Umstieg auf die Langstrecke - ein Level erreicht, das es ihm erlaubt, in der mentalen Vorbereitung mit sich selbst ins Reine zu kommen. „Das Härteste ist, dass man jeden Tag sich selbst gegenüber ehrlich ist und seine Emotionen immer wieder richtig deutet“, sagt er. „Dass man keine Ausreden sucht. Dass man versucht, alles so kühl wie möglich zu analysieren, um auf dieser Grundlage mit seinen Emotionen umzugehen. Dass man die emotionale Seite vom Analytischen trennt und dadurch eine emotionale Intelligenz aufbaut. Dass man eine Art Bibliothek in seinem Kopf erschafft.“

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