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Volleyball : Wenn Moculescu schweigt

  • -Aktualisiert am

Klare Sache: Friedrichshafen (r.) besiegt Lüneburg Bild: dpa

Einseitiges Volleyball-Pokalfinale: Gegen Friedrichshafen ist Lüneburg so chancenlos, wie es die finanziellen Kräfteverhältnisse erwarten lassen. Bei den Frauen siegen die Stuttgarterinnen nach 0:2-Rückstand.

          2 Min.

          Der Großmeister unter den Volleyballtrainern stand am Spielfeldrand, im dunklen Anzug, mit unbewegter Miene. In den Auszeiten sprach er kaum mit seinen Spielern, sondern ließ sie gewähren. Der Novize dagegen hatte sein Jackett von Anfang an abgelegt, die Hemdsärmel hochgekrempelt und notierte sich unentwegt Bemerkungen auf einer Kladde. In den Auszeiten versuchte er, seine Gedanken an den Mann, seine Mannschaft zu bringen. Ehe er es im dritten Satz aufgab, nur noch zuschaute und zumindest ein bisschen die Atmosphäre zu genießen versuchte.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Am Verhalten von Stelian Moculescu und Stefan Hübner beim deutschen Volleyball-Pokalfinale vor 10.500 Zuschauern im westfälischen Halle ließ sich trefflich ablesen, wie das Duell zwischen Goliath und David ablief: Einseitig. Sehr einseitig. Mit 75:44 Punkten in 3:0 Sätzen (25:13, 25:13, 25:18) deklassierte der VfB Friedrichshafen die SVG Lüneburg deutlicher als erwartet. Bei den Frauen siegte Allianz MTV Stuttgart nach 0:2-Rückstand noch gegen die Ladies in Black Aachen mit 3:2 (17:25, 20:25, 25:19, 25:19, 15:13).

          Übermacht: Stuttgart (r.) ist letztlich zu gut für Aachen
          Übermacht: Stuttgart (r.) ist letztlich zu gut für Aachen : Bild: dpa

          „Großes Kompliment an meine Mannschaft“, sagte Meistertrainer Moculescu nach dem Spiel, bei dem er praktisch nicht eingriff. Druckvolle Aufschläge, sichere Feldabwehr, intelligentes Zuspiel, variantenreiche Angriffe. Ein Spiel, wie es sich der 64-Jährige vorgestellt hatte. Dabei sei es nicht einfach gewesen, „fokussiert zu bleiben, wenn du vorher immer hörst, dass du Favorit bist und sowieso gewinnen musst“. Der Bundesliga-Spielplan hatte dem akribischen Vorbereiter dazu die perfekte Vorlage gegeben. Noch vor Wochenfrist musste der Tabellenführer vom Bodensee beim Newcomer aus dem Norden antreten und konnte sich nur knapp in 3:1 Sätzen durchsetzen. Doch dabei gewann der frühere Bundestrainer die entscheidenden Eindrücke, wie das Spiel des Finalgegners auseinanderzunehmen ist.

          Lüneburger Probleme

          „Leider haben wir nicht so viele Varianten zur Verfügung“, musste Hübner anerkennen. Die Niederlage an sich sei zu erwarten gewesen, meinte Hübner, der zehn Jahre unter Moculescu in der Nationalmannschaft gespielt hatte. Doch etwas mehr Gegenwehr hatte er erwartet: „Schade, dass wir so deutlich verloren haben.“ Seine Mannschaft sei offenbar auch mit der großen Halle nicht klargekommen. Das Timing am Netz stimmte nicht immer, viele leichte Punktverluste waren die Folge. Zu Hause spielt Lüneburg vor 800 Zuschauern, die enge Gellersenhalle weist nicht einmal die vorgeschriebene Deckenhöhe von neun Metern auf. Da kann man sich im Gerry-Weber-Stadion verloren vorkommen. Auf die Frage, warum er nicht mal die Hamburger O2-Arena zur Gewöhnung ans große Maß gemietet hatte, musste Hübner herzlich lachen. Bei einem Saison-Etat von 300.000 Euro sind solche Extras nicht drin. Vor Auswärtsspielen schmieren sich die Lüneburger Brote und picknicken am Kofferraum, um Geld zu sparen.

          Trotz dieser Einschränkungen bestreitet der 245-malige Nationalspieler seine erste Bundesliga-Station als Trainer bislang sehr erfolgreich. Rang vier in der Tabelle und Einzug ins Pokalfinale sind mehr, als er mit dem Team ohne Spitzenspieler erwarten konnte. Trotz der hohen Niederlage am Sonntag überwog bei dem 39-Jährigen letztlich die Freude über das „Riesenerlebnis“, das viele seiner Spieler möglicherweise nie mehr in ihrer Karriere erreichen werden.

          Für Friedrichshafen war es der 13. Pokalsieg seit 1998, was die Spieler mit dem Slogan „Jetzt schlägt’s 13“ auf ihren T-Shirts dokumentierten. Für Moculescu, der in seinem 39. Jahr als Volleyballtrainer seinen 37. Titel gewann, zählen diese Zahlen nichts: „Jeder Sieg ist einzigartig. Es ist der erste Titel in diesem Jahr“, sagt er. Das verleihe ihm Ruhe für die Playoffs und Freude darüber, dass „wir den Briefkopf ändern müssen“. Den verwandelten Matchball quittierte der 64-Jährige mit einem Schlag der geballten rechten Faust in die Luft als Zeichen seiner Freude.

          Über seine äußerliche Ruhe sagte er mit einem Augenzwinkern: „Ich bin älter geworden.“ Doch Nationalspieler Max Günthör konnte die Körpersprache richtig einschätzen: „Wenn er nix sagt, läuft es extrem gut.“ Nur eine Stunde und sieben Minuten dauerte das Finale. Dann gratulierte Hübner ehrlich beeindruckt, und Moculescu, der seinen einstigen Lieblingsschüler herzlich umarmte, dankte mit guten Worten: „Seine Titel-Zeit als Trainer kommt. Musste ja nicht gerade heute sein.“

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