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French Open : Thomas Haas zeigt sein besseres Gesicht

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„Wir kennen uns gut, ich bin mit Roger gut befreundet”: Thomas Haas freut sich auf Federer Bild:

Erst mit leichter Hand, dann mit zittrigem Arm: Tennisprofi Thomas Haas besiegt den Franzosen Chardy und steht im Achtelfinale von Paris. Plötzlich findet er den Sandplatz nicht mehr so schlimm. Doch der nächste Gegner ist ein Schwergewicht.

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          Die späten Erfolge, noch dazu die unerwarteten, sind vielleicht die schönsten. Im Alter von 31 Jahren schaffte Thomas Haas noch einmal überraschend den Sprung ins Achtelfinale der French Open - sieben Jahre nachdem er zum ersten und einzigen Mal beim wichtigsten Sandplatzturnier der Welt in Paris die Runden der letzten 16 erreicht hatte und dann am Rumänen Andrei Pavel gescheitert war. Mit dem 16. Ass beendete der Deutsche nach 2:37 Stunden mit 7:5, 6:3, 4:6 und 6:3 am Samstag in der „Stierkampfarena“, dem Court 1 im Stade Roland Garros, die Partie gegen den Franzosen Jeremy Chardy. „Das ist verdammt gut für mich“, beschrieb der Wahlamerikaner seinen Höhenflug, aber seine Ansprüche beim ungeliebten Grand-Slam-Turnier haben sich nicht verändert: „Ich schaue immer nur auf den nächsten Gegner. Ich denke jetzt nicht daran, dass ich mit einem Sieg im Viertelfinale stehen könnte.“

          Dies schien auch vernünftig. Denn als er sein Tagewerk vollendet hatte, rechnete nicht nur er damit, dass ihm am Pfingstmontag der Schweizer Weltranglistenzweite Roger Federer, der erst am späten Abend gegen den Franzosen Paul-Henri Mathieu gewann, gegenüberstehen würde: „Wir kennen uns gut, ich bin mit Roger gut befreundet. Aber gegen ihn bin ich der Underdog. Wir hatten schon viele gute Matches, aber er hat mich auch einige Male vorgeführt. Am liebsten erinnere ich mich an unsere Schlachten bei den Australian Open.“ In Melbourne hatte Haas 2002 im Halbfinale seinen letzten Erfolg gegen den langjährigen Primus aus Basel gefeiert und hatte sich ihm im Achtelfinale 2006 erst nach fünf Sätzen geschlagen gegeben.

          Aber Paris ist nicht Melbourne - und Haas macht aus seiner Abneigung gegen das „langsame“ rote Ziegelmehl, die französische „terre battu“, kein Hehl. „Wir Deutschen fühlen uns auf schnellen Böden viel wohler. Das einzige Turnier, auf das wir uns freuen, ist Halle. Ansonsten wird in Deutschland ja nur auf Sand gespielt, in München, Stuttgart und Hamburg. Wenn jemand ein Hallenturnier in Deutschland organisieren will, helfe ich ihm gerne.“

          „Tennis ist ein mentales Spiel. Es geht darum, die Ruhe zu bewahren“

          In Paris kam ihm in diesem Jahr entgegen, dass Sonne und Wind die Plätze trocken hielten - und ganz besonders die „Stierkampfarena“ sich mehr wie ein Hartplatz anfühlte. Entsprechend souverän trumpfte Haas gegen den 22 Jahre alten Franzosen in den ersten beiden Sätzen auf, einen Mann, dem er noch im Frühjahr beim Hartplatzturnier in Delray Beach in seiner Wahlheimat Florida glatt in zwei Sätzen unterlegen war. Aber diesmal beherrschte Haas mit seinem vorzüglichen Aufschlag und seinen sicheren Grundschlägen Chardy in den ersten beiden Sätzen zwar nicht sicher, aber er hatte, um einen Vergleich aus dem Boxen zu bemühen, immer eine Hand mehr im Ziel.

          Aber als alles schon nach einem locker-leichten Erfolg aussah, zeigte Haas wieder sein zweites Tennisgesicht: Aus heiterem Himmel gab er seinen Aufschlag zum 5:4 ab - und plötzlich war es mit der Spielkunst erst einmal vorbei. Er verlor den dritten Satz. Zwar durchbrach er zum Auftakt des vierten Satzes Chardys Aufschlag, gab dann aber drei Spiele in Folge ab. „Aber Tennis“, sagt Haas, „ist, ganz besonders wenn es über drei Gewinnsätze geht, auch ein mentales Spiel. Es geht darum, die Ruhe zu bewahren.“

          Das gelang ihm, auch weil Chardy durch den unerwarteten Vorsprung sich zu sehr aufputschte, zu viel riskierte, mit noch mehr Wucht mit seiner Vorhand auf den Ball einprügelte und oft über das Ziel hinausschoss. So half er Haas mit vielen leichten Fehlern, die nächsten vier Spiele zu gewinnen. Aber die Zitterpartie war damit nicht vorbei. Beim ersten Matchball beim Stand von 5:3 verkrampfte Haas: „Da habe ich eine Rückhand mit drei Stundenkilometern ins Netz gehauen.“

          „Paris ist die schönste Stadt der Welt

          Und auch als er zum Matchgewinn aufschlug, wackelte Haas und musste Breakbälle abwehren. Nachdem er Chardy, der in diesem Jahr nach seiner bisher besten Saison bis auf Platz 39 der Weltrangliste vorrückte, beim zweiten Matchball den Ball mit 200 Kilometern pro Stunden unerreichbar ins Feld gedroschen hatte, hob Haas kurz die Arme: Geschafft! Vielleicht noch ein Match auf Sand, dann ist für Haas der unangenehmste Teil der Saison vorbei.

          In Paris half ihm sein ehemaliger schwedischer Coach Thomas Hogstedt, der Cheftrainer der Tennis-Base in Unterhaching bei München. Und wer weiß: Vielleicht werden die beiden auch wieder zusammen arbeiten. Die French Open sind ihm zwar durch die Siege gegen Andrei Pavel, den argentinischen Qualifikanten Leonardo Mayer und nun gegen Chardy nicht sympathischer geworden, aber zumindest hat er damit seinen Aufenthalt in der Stadt an der Seine ausgedehnt, auch zur Freude seiner amerikanischen Verlobten: „Paris ist die schönste Stadt der Welt.“ Umso schöner, wenn man in dieser Stadt auch noch erfolgreich Tennis spielt.

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