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French Open : Nichts ist unmöglich

Andrea Petkovic sagt: „Es ist eine neue Situation, dass ich teilweise mit einer Favoritenrolle in die Turniere gehe” Bild: (c) AP

Die erste Pariser Woche ist vorbei. Bei den French Open scheitern jede Menge Favoritinnen. Und wer gewinnt am Ende? Vielleicht sogar die Deutsche Andrea Petkovic.

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          Man könnte im Kaffeesatz lesen. Oder Karten legen. Oder in eine Kugel gucken. Man könnte die Wahrsagerei auch lassen und es mit knallharter Kalkulation versuchen: Einen Hochleistungsrechner mit den Leistungsdaten aller Profispielerinnen füttern, darauf warten, was die Algorithmen hergeben, und dabei hoffen, dass das System ob dieser enormen Herausforderung nicht zusammenbricht. Der reine Menschenverstand jedenfalls hilft kein Stückchen weiter bei der 1,2-Millionen-Euro-Frage: Welche Tennisdame soll bloß die French Open gewinnen? Wer hat noch nicht, oder will die Vorjahressiegerin Francesca Schiavone noch mal? Oder gar ihre Vorgängerin Swetlana Kusnezowa? Macht Maria Scharapowa ihren Karriere-Grand-Slam perfekt? Oder gelingt gar Andrea Petkovic, die am Samstag durch ein 6:2, 4:6 und 6:3 über Jarmila Gajdosova ins Achtelfinale einzog, eine Weltsensation? „An einem guten Tag kann ich jede schlagen“, sagte die Darmstädterin nach ihrem Sieg.

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mon Dieu! Die erste Pariser Woche ist vorbei, aber schlau geworden ist aus den Tennisspielerinnen wieder einmal niemand. Nur so viel ist klar: Eine Favoritin hatte es schon vor Turnierbeginn nicht gegeben, und jetzt gibt es sie noch viel weniger. Die Williams-Schwestern Serena und Venus, die in den letzten zwölf Jahren zwanzig Grand-Slam-Titel horteten, waren verletzungsbedingt nicht angereist. Die Weltranglistenzweite Kim Clijsters erwischte es in der zweiten, die Branchenführerin Caroline Wozniacki in der dritten Runde. Und weil in der Vorjahresfinalistin Samantha Stosur auch eine andere der üblichen Titelverdächtigen früh ausschied, erscheint das Feld in der diesjährigen Damenkonkurrenz so offen wie die Berliner Mauer am 9. November 1989. Und wie damals ist die Hoffnung groß, zumindest für kurze Zeit groß rauszukommen. „Dass alles so offen ist, zeigt doch nur, wie stark das Damentennis derzeit ist“, sagt die Slowakin Daniela Hantuchova, die am Freitag Wozniacki aus dem Wettbewerb warf: „Im Grunde kann jede Spielerin jedes Turnier gewinnen.“

          Schwäche der besten Damen

          Anders als zu Zeiten einer überragenden Steffi Graf, der erdrückenden Dominanz der Williams-Schwestern oder der Spielintelligenz einer Justine Henin ist die Damenwelt mittlerweile eng zusammengerückt. In den drei Jahren seit Henins erstem Rücktritt hat es vierzehn (!) Wechsel an der Spitze der Weltrangliste gegeben. Ein „Generationenwechsel“ vollziehe sich, sagte Andrea Petkovic, deshalb herrsche „Unordnung“. Die meisten Spitzenkräfte von heute sind topfit, alle beherrschen harte Grundschläge, ihr oft fintenarmes Powertennis ähnelt sich jedoch mitunter zum Verwechseln. „Die Leistungsdichte ist vom ersten Ballwechsel an sehr hoch“, sagt die Russin Maria Scharapowa, die drei Grand-Slam-Turniere gewann, nur in Paris noch nie: „Vor jeder Spielerin, egal auf welchen Ranglistenplatz, muss man auf der Hut sein.“

          Einige Favoritinnen sind schon ausgeschieden: Kim Clijsters...
          Einige Favoritinnen sind schon ausgeschieden: Kim Clijsters... : Bild: (c) AP

          Die aktuelle Schwäche der besten Damen ist in die Geschichtsbücher des Tennis eingegangen. Schwarz auf weiß wird demnächst dort zu lesen sein, dass zum ersten Mal seit 1968, als die Trennung von Amateuren und Profis aufgehoben wurde, die an Position eins und zwei gesetzten Damen ein Grand-Slam-Achtelfinale verpassten. Die Weltranglistendritte Vera Swonarewa wusste gar nicht, wie ihr geschah, als sie am Freitag plötzlich zur Topspielerin von Roland Garros avancierte; ausgerechnet die Russin, die im vorigen Jahr in Wimbledon und bei den US Open von ihren Finalgegnerinnen Serena Williams und Kim Clijsters vorgeführt wurde. „Es ist einfach unglücklich, bei einem Grand-Slam-Turnier zu verlieren“, sagte Caroline Wozniacki: „Aber dass Kim Clijsters und ich die Nummer eins und zwei sind, heißt doch, dass wir einiges richtig gemacht haben müssen.“ Zugleich scheint bei der Dänin einiges falsch zu laufen, weil sie schon fast jedes Turnier gewonnen hat, nur eben keines der vier großen. Eine Weltranglistenerste ohne wichtigen Titel - zeugt das von Mittelmaß oder von Missplanung auf höchstem Niveau? „Ich weiß, dass ich eine großartige Spielerin bin“, wiederholt Wozniacki fast trotzig.

          Von Gajdosova gejagt

          Keine andere Dame drängt sich derzeit auf, jede behauptet, nur von Spiel zu Spiel zu denken und die weiteren Ansetzungen gar nicht zu kennen. Und eine mögliche Favoritin, das ist sowieso immer die andere. Spannung schürt man anders. Ein bisschen so wie Andrea Petkovic, der die Tenniswelt nicht nur deshalb gerne zuhört, weil sie gut Englisch spricht, sondern auch weil sie ihre Ansprüche freimütiger äußert als viele Kolleginnen. In den vergangenen Wochen, zuletzt bei ihrem Turniersieg von Straßburg, hatte sich die Weltranglistenzwölfte schon einmal an ihre herausgehobene Position als Mitfavoritin gewöhnen können: „Aber wenn man nach ganz oben will, muss man damit umzugehen lernen“, sagte die Dreiundzwanzigjährige, die am Samstag beim dritten Grand-Slam-Turnier nacheinander ins Achtelfinale einzog.

          Bei ihrem Pariser Drittrundenspiel fühlte sich Andrea Petkovic diesmal von Jarmila Gajdosova gejagt, die in der Rangordnung 14 Positionen tiefer notiert ist. Doch ließ sich die Hessin nach dem ersten Satzgewinn nur vorübergehend von der wuchtigen Vorhand der Australierin verunsichern. Als Andrea Petkovic nach 1:57 Stunden ihren zweiten Matchball verwandelt hatte und die Faust ballte, wirkte es wie eine Kampfansage in der „Stierkampfarena“ von Roland Garros.

          Aus England kam einst die launige Definition, wonach Fußball ein Spiel sei, bei dem 22 Männer hinter einem Ball her rennen und am Ende Deutschland gewinnt. Damentennis in Paris könnte bedeuten, dass 128 Spielerinnen im Hauptfeld antreten und am Ende Andrea Petkovic den Pokal bekommt. Ein neues deutsches Fräuleinwunder bei den French Open? Nichts ist unmöglich. (siehe auch:Tennis: Ergebnisse und Ranglisten)

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