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French Open : Herrentennis verkehrt: Kohlschreibers Nachterlebnisse

  • -Aktualisiert am

Durchgesetzt: Philipp Kohlschreiber steht in der dritten Runde - trotz einer schlechten Nacht Bild: AFP

Mit Novak Djokovic hat Philipp Kohlschreiber in der dritten Runde in Paris nicht nur einen Gegner, der zu den besten vier Spielern der Welt gehört, sondern der „ein netter Typ“ ist. Sagt Kohlschreiber - schließlich hat er zuletzt sogar gemeinsam mit Djokovic trainiert.

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          Auch wer wie Philipp Kohlschreiber dem Wandergewerbe Tennisprofi schon acht Jahre nachgeht, erlebt noch Neues: ein Match, das nach vier Sätzen und einem 2:2-Satzgleichstand am Donnerstagabend wegen Dunkelheit auf Freitag vertagt wurde - und ihm eine unruhige Nacht bescherte. „Das hatte ich nie gehabt. Das war wie ein Unentschieden. Am Freitag hat ein ganz neues Match begonnen. Ich habe deshalb gestern mindestens zwei Stunden gebraucht, bis ich einschlafen konnte. Ich habe ganz schlecht geschlafen und habe mich die ganze Nacht mit dem Match beschäftigt und alle Ergebnisse durchgespielt: 6:1, 1:6, ganz knapp 14:12, das ist alles in meinem Kopf vorgegangen. Das war schon komisch.“

          Das richtige Resultat kam in seinen Träumen nicht vor: Der Augsburger behauptete sich am Freitagnachmittag im letzten, vierzig Minuten währenden Akt der Zweitrundenpartie bei den French Open in Paris gegen den Spanier Juan Carlos Ferrero 6:3. So hieß es nach insgesamt 3:33 Stunden Spielzeit 6:4, 2: 6, 6:4, 6:7 (3:6) und 6:3 für den Deutschen.

          „Djokovic ist haushoher Favorit“

          Damit sind in Paris noch zwei deutsche Profis im Wettbewerb. Thomas Haas (siehe: Tennisprofi Thomas Haas: „Das ist ein totaler Zoo“) hatte sich am Donnerstagabend gegen die argentinischen Qualifikanten Leonardo Mayer ebenfalls in fünf Sätzen behauptet. Der 31-jährige Wahlamerikaner trifft an diesem Samstag auf den Franzosen Jeremy Chardy, dem er im bisher einzigen Duell in Delray Beach glatt in zwei Sätzen unterlegen war.

          In bestechender Form: Novak Djokovic

          Kohlschreiber bekommt es an diesem Samstag mit einem der „großen Vier“ der Branche zu tun, mit dem Weltranglistenvierten Novak Djokovic. Der Bayer, in der Vergangenheit nie um kecke Sprüche verlegen, gab sich diesmal ausgesprochen bescheiden: „Ich freue mich auf das Match. Und es ist schön, dass ich nach zwei Siegen in diese Partie gehe. Ich erwarte ein ganz schweres Match. Er ist haushoher Favorit.“ Dass er sich als krasser Außenseiter sieht, ist nach den Eindrücken der vergangenen Tage nur allzu verständlich (siehe auch: French Open kompakt: Nadal einzigartig - Ivanovic weiter - Safina schnell).

          Breakfestival auf Platz 17

          Während der Serbe seine Pflichtaufgabe gegen den Ukrainer Sergej Stachowski am Freitag so souverän beendete wie er sie tags zuvor begonnen hatte (6:3, 6:4 und 6:1) quälte sich Kohlschreiber gegen den Spanier über die Runden. Auch am Freitag bot sich auf dem Nebenplatz 17 noch einmal ein Spiegelbild einer Partie, die man unter die Rubrik „Herrentennis verkehrt“ einordnen kann: Nicht der Auf- sondern der Rückschläger schien über weite Strecken der Partie im Vorteil. Sowohl der Augsburger als auch sein spanischer Widersacher hatten ihre liebe Müh' und Not, die eigenen Aufschlagspiele zu gewinnen. Insgesamt 19 Breaks (zehn für Kohlschreiber, neun für Ferrero), davon allein fünf im fünften Satz, registrieren die Statistiker bei den Männern nicht alle Tage.

          Kohlschreiber wollte trotzdem die Qualität des Gebotenen nicht abwerten: „Wir sind beide keine Aufschlagriesen. Der Aufschlag ist nicht unsere beste Waffe. Wir haben beide einen sehr guten Return - und dann gibt es schon einmal viele Breaks.“ Fast zwangsläufig gewann am Ende der Spieler das Match, der am Freitag als erster sein Service durchbrachte: Nach vier Aufschlagverlusten in Folge schaffte Kohlschreiber das 3:2 und war damit auf dem Weg, sich erstmals auf den Sandplätzen im Pariser Stade Roland Garros in die dritte Runde vorzukämpfen.

          „Ich weiß, er ist ein netter Typ“

          „Es war ein Schlagabtausch von hinten. Ich war froh, dass ich meine Beine, meinen Kopf und meine Schläge als erster zusammengebracht habe.“ Der 31. der Weltrangliste schaffte das gegen einen Kollegen, der im Alter von 29 Jahren nach vielen Verletzungen seine besten Tage weit hinter sich hat. 2003 hatte „Moskito“ Ferrero nicht nur die French Open gewonnen, sondern sich im Herbst dieses Jahres auch für wenige Wochen an die Spitze der Weltrangliste gesetzt. Doch mittlerweile rangiert er nur noch auf Rang 103 - und auch auf seinem einzigen Lieblingsboden ist er nur noch ein Schatten vergangener Tage.

          Djokovic dagegen steht auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Seine knappe Halbfinalniederlage gegen den Branchenprimus und viermaligen French-Open-Sieger Rafael Nadal in Madrid hat seine Stärke auf Sand unterstrichen. Kohlschreiber hat sich davon nicht nur bei vielen Trainingseinheiten während des Turniers in Monte Carlo überzeugen können, sondern sogar noch am Freitagmorgen: Die beiden schlugen sich für die Fortsetzung ihrer Matches gemeinsam ein. „Wir kennen uns. Ich weiß, er ist ein netter Typ. Aber er wird mir nichts schenken. Ich hoffe, dass ich gut von hinten mithalten kann und die Partie offen gestalten kann.“ Aber so einen Tag zu erwischen, das wäre für Kohlschreiber der absolute Glücksfall: „Wie ein Lottogewinn.“

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