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French Open : Ein bisschen Krieg muss sein

Und ewig grüßt der Gentleman: Roger Federer in Paris Bild: AP

Immer artig Hände schütteln: Tennisprofi Ernests Gulbis spricht aus, was viele Fans denken: Federer, Nadal, Murray und Djokovic sind zu langweilig, zu rein, zu nett. Ist das wirklich so?

          Es soll Leute geben, die sind dem besten Tennis, das es wohl je zu sehen gab, überdrüssig geworden. Leute, die es für ermüdend halten, wenn 128 Herren in eines der vier großen Turniere starten und am Ende die ebenso fabelhaften wie freundlichen „großen Vier“ die Grand-Slam-Titel unter sich ausmachen. Leute, die es wenig verheißungsvoll finden, wenn das schon klassische Duell der beiden Großmeister Roger Federer und Rafael Nadal in einen Zweikampf zwischen Novak Djokovic und Andy Murray überzugehen scheint.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die meiste Zeit nehmen die Krittler die als öde empfundene Dominanz der vier Ausnahmespieler mehr oder minder murrend hin, aber dieser Tage in Paris sind sie aus sich heraus gegangen und haben ihrer Langeweile Luft gemacht. Und das alles, weil ein junger Mann, der längst nicht an die Stars der Branche heranreicht, an deren Auftreten öffentlich herumnörgelte.

          „Krieg, Blut, Emotionen“

          Ernests Gulbis heißt der agent provocateur. Auch er ist ein Tennisprofi, aber einer, der mit seinem Talent schludrig umgeht und, je nach Laune, spektakulär siegt oder kläglich scheitert. Infolgedessen geht es bei ihm in der Weltrangliste entweder steil nach oben oder unten, im Moment ist er auf Position 40, Tendenz wie immer ungewiss. Die vier weltbesten Spieler der vergangenen Jahre bei den French Open attackierte er mit den Worten, sie seien „langweilige Spieler“, weil sie stets freundlich miteinander umgingen, statt ihre Rivalität offensiv auszuleben, und weil ihre Interviews geradezu einschläfernd wirkten: „Im Tennis ist alles rein und weiß, mit artigem Händeschütteln und einigen netten Schlägen.“ Die Zuschauer aber, so der unnette Lette weiter, wollten Action erleben: „Krieg, Blut, Emotionen. Die Leute wollen zerstörte Rackets und Spieler, die explodieren.“

          Wer ist schon Gulbis, könnte man einwenden, und sein Gerede damit erklären, dass er als verwöhnter Filius des viertreichsten Mannes in Lettland die Besonderheiten des Lebens nicht mehr recht zu schätzen weiß und aus Ennui von einem Tenniskrieg träumt. Doch nach dem Interview des Vierundzwanzigjährigen in der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ stießen anerkannte Autoritäten wie John McEnroe und Mansour Bahrami ins selbe Horn. Auch sie wünschen sich mehr Remmidemmi als Respekt in den Arenen. Früher war alles besser, behaupteten erwartungsgemäß der Amerikaner, dessen einst rüpelhaftes Benehmen auf dem Tennisplatz mitunter verklärt wird, und der Iraner, der inzwischen als Tennis-Clown durch die Weltgeschichte tingelt.

          „Ein bisschen boshafter“ könnten Federer, Nadal, Djokovic und Murray zur Sache gehen, sagt McEnroe, „das bedeutet ja nicht, dass man sich untereinander nicht ausstehen kann“. McEnroe, der seinen Zwist mit Jimmy Connors oder Ivan Lendl früher eruptiv auslebte, hält ein extrovertierteres Gebaren im Sportschaugewerbe von heute für nötig, damit das geneigte Publikum die besten Spieler nicht nur an ihren Schlägen erkennt, sondern sie auch in ihrem Charakter unterscheiden kann.

          Den glatten Gentleman geben

          Ein umgänglicher Schweizer, ein bescheidener Spanier und ein schluffiger Schotte - tatsächlich gehören drei der vier Großen zu jenen, die das Spiel wichtiger nehmen als die Show. Hier eine erhobene Faust, dort ein erschallendes „Come on!“, dann werden am Netz und in den Pressekonferenzen Freundlichkeiten ausgetauscht - das war’s.

          Bloß nicht zu viele Emotionen zeigen: Rafael Nadal Bilderstrecke

          Einzig der Serbe Djokovic ist von Natur aus ein temperamentvoller Typ, hat sich aber als Weltranglistenerster exaltierte Gesten und spitze Bemerkungen weitgehend abgewöhnt. „Die vier stellen wohl die beste Generation, die wir je hatten“, sagte Fabrice Santoro dieser Zeitung. Der vierzig Jahre alte Franzose muss es wissen: Als Rekordhalter mit siebzig Grand-Slam-Turnierteilnahmen hat er viele gute Jahrgänge auf dem Platz erlebt. „Federer, Nadal, Djokovic und Murray sind hervorragende Botschafter unseres Sports - und sie sind alle verschieden.“ Deren jüngere Nachfolger, findet dagegen Gulbis, würden sich aber allzu sehr an Federers Auftreten orientieren und versuchen, den glatten Gentleman zu geben.

          Ständige Beobachtung macht vorsichtig

          Die Stars, die von dem Schnösel angefochten wurden, haben reagiert wie erwartet: mit Respekt und etwas Verständnis. Federer gab zu, dass sich seine Einschätzungen oft wiederholten - weil im Tennisbetrieb so viele Spiele und Pressekonferenzen anstünden, dass unentwegt originelle Antworten unmöglich seien. Außerdem stünden die Stars der Branche ständig unter Beobachtung und seien daher vorsichtig: „Du darfst aber auch gar nichts mehr sagen, wenn dich an jemandem etwas stört, ohne dass dies total kritisiert wird von unzähligen Leuten.“ Auch Djokovic lässt den Rundumschlag an sich abprallen, indem er einer Behauptung zustimmt und den Rest ignoriert. „Vielleicht müssen wir Spieler mehr Unterhaltung und Kreativität bieten“, sagte der Serbe.

          Bei den French Open gibt es dieser Tage reichlich Lust und Leid zu erleben: Tommy Haas, wie er wutentbrannt seinen Schläger auf den Boden schmeißt; der Spanier Tommy Robredo, wie er sich nach vier abgewehrten Matchbällen und einem Fünfsatzsieg gegen Gael Monfils bäuchlings auf den Ascheplatz legt. Oder der Franzose Monfils selbst, der in der zweiten Pariser Runde während eines Seitenwechsels die begeisterten Zuschauer auf den Tribünen mit seinem Smartphone filmte. Großer Sport, große Show - und alles, ohne den Gegner bis aufs Blut zu reizen. Eigentlich könnten alle zufrieden sein.

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