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Freistilschwimmen : Biedermann und die Jäger

Viel hat sich verändert: Biedermann hat gelernt, die Konstellation für sich zu nutzen Bild: dpa

Der deutsche Freistilschwimmer ist bei der WM in Schanghai der Gejagte - eine Rolle, die den Doppelweltmeister über 200 und 400 Meter von Rom anspornt. Obwohl die Ausgangssituation erheblich schlechter geworden ist, geht Paul Biedermann in die Offensive.

          Manchmal kann man fast den Eindruck bekommen, der Schwimmer Paul Biedermann sei seit etlichen Jahren fest in der Weltspitze zu Hause. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Biedermann der zurzeit erfolgreichste deutsche Schwimmer ist, oder damit, dass er diese Erfolge in den besonders prestigeträchtigen Freistil-Wettbewerben errang, oder auch damit, dass er bei der WM 2009 in Rom gleich ganz oben einstieg in den Kreis der Elite: Er gewann zweimal Gold, stellte zwei Weltrekorde auf und schwamm dabei auch noch dem Amerikaner Michael Phelps, achtmaliger Olympiasieger 2008 in Peking, auf und davon. Viel mehr ging nicht.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Noch vor knapp drei Jahren in Peking aber waren das Erreichen des Olympia-Finales über 200 Meter Freistil und der dortige fünfte Platz ein großer Erfolg gewesen für Biedermann. Seither hat sich viel verändert, seither ist er, wo er hinkommt, der Star, der Doppel-Weltmeister, der Mann, der Phelps geschlagen hat. „Er ist jetzt der Gejagte“, sagt sein Trainer Frank Embacher, „diese Rolle muss er annehmen.“ Biedermann hat das getan, er hat gelernt, mit der Konstellation fertigzuwerden, sie auch für sich zu nutzen. In diesen Tagen aber wird aus der bisher meist ideellen Jagd auf Biedermann nun handfeste sportliche Realität - bei der WM 2011 in Schanghai.

          „Ich möchte beide Titel verteidigen, auch wenn es sehr hart und schwer wird“

          Biedermann geht dort als Titelverteidiger und Weltrekordhalter in die erste Entscheidung der Beckenschwimmer am Sonntag, die 400 Meter Freistil. Seit seinem Doppelschlag in Rom ist die Ausgangssituation für ihn aber erheblich schlechter geworden. Vorbei ist die Ära der Ganzkörper-Kunststoffanzüge, von denen er stark profitiert hatte, mehr als manche anderen Schwimmer. Zudem hat sich die Konkurrenzsituation auf den 400 Metern mächtig verschärft: Da ist nicht nur der Franzose Yannick Agnel, der Biedermann bei der Europameisterschaft 2010 in Budapest bezwungen hatte, da sind auch der koreanische 400-Meter-Olympiasieger Park Tae-hwan oder der Chinese Sun Yang, der bisher Schnellste im WM-Jahr mit 3:41,48 Minuten. Und das ist nur die Spitze.

          „Die besten drei 400-Meter-Zeiten in diesem Jahr sind ein richtiger Hammer“, sagt Embacher. Biedermann hat es in der Weltrangliste mit seinen 3: 47,44 Minuten von den deutschen Meisterschaften in Berlin Anfang Juni gerade mal auf Rang zehn geschafft. Der Koreaner Park kündigte im Mai vor einheimischen Medien schon an, über 400 Meter Freistil Weltrekord schwimmen zu wollen, der Chinese Sun Yang sagte unmittelbar vor der WM, er lege besonderen Wert auf die 400 Meter, weil die sein erster Wettbewerb in Schanghai seien.

          Und Biedermann? Die 400 Meter Freistil sind eigentlich seine Nebenstrecke, und angesichts der flotten Zeiten und forschen Ziele seiner Rivalen könnte er mit einiger Berechtigung darauf verweisen, dass er diesmal wohl eher einer unter vielen Medaillenanwärtern sei. Tut er aber nicht. Biedermann geht in die Offensive. „Ich möchte meine beiden Titel verteidigen, auch wenn es sehr hart und schwer wird“, sagt er. Und meint damit auch die 200 Meter Freistil, seine Spezialstrecke, denn dort stoßen neben den starken Russen auch noch die amerikanischen Top-Stars Phelps und Ryan Lochte zum ohnehin schon erlesenen Feld hinzu. Für viele ist das 200-Meter-Finale am kommenden Dienstag deshalb schon jetzt das Rennen der WM.

          Aus schwierigen Situationen schöpft Biedermann seine Motivation

          Biedermann weiß, in der internationalen Schwimm-Szene werden sie in Schanghai alle auf ihn schauen und fragen: Wie wird sich dieser Biedermann ohne die Kunststoffanzüge schlagen? Bei der EM 2010 tat er das mit Bravour: mit Silber über 400 und Gold über 200 Meter Freistil. Bei der WM wird das ungleich schwerer. Bundestrainer Dirk Lange äußerte sich im Hinblick auf Biedermanns Perspektiven mit auffallender Zurückhaltung, sprach vorsichtig davon, dass er „mindestens um eine Medaille mitschwimmen kann“.

          Doch der 24 Jahre alte Biedermann ist auch einer, der sich an schwierigen Situationen hochziehen kann, der daraus seine Motivation, seinen Antrieb schöpft. Und er hat nicht nur einmal bewiesen, dass er es versteht, auf den Punkt da zu sein, alles auf den einen Höhepunkt, auf Europameisterschaften, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele, auszurichten. Bei den Titelkämpfen in Berlin beschrieb er das so: „Je stärker die Gegner, desto stärker bin ich.“ Gute Voraussetzungen für Biedermann: an starken Konkurrenten mangelt es in Schanghai nicht.

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