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Freistil-Ringen : „Für mich, für uns, für Deutschland“

Kämpfer für Deutschland: Davyd Bichinashvili (Rot) Bild: picture-alliance/ dpa

Die bislang letzte deutsche WM-Medaille hat Freistil-Bundestrainer Leipold noch selbst gewonnen. Zeit, dass einer seiner Schützlinge zeigt, dass Deutschland mithalten kann. Wobei das Starter-Land nicht viel über die Herkunft der Athleten aussagt.

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          „Es gibt keine schwachen Nationen mehr“, sagt Alexander Leipold. Und beschreibt mit dieser Anleihe aus der Fußball-Sprache die enger gewordene Leistungsdichte in der Ringer-Welt. An diesem Freitag beginnen die Freistil-Kämpfe bei der WM in Moskau, und selbst wenn es für einen deutschen Kämpfer dank einer vermeintlich glücklichen Auslosung gegen einen Engländer oder einen Monegassen geht, kann sich dahinter ein Exilrusse oder ein ausgewanderter Aserbaidschaner verbergen. Dort - das ist bekannt, seit Berti Vogts seine Lehren im Kaukasus verbreitet - hat Ringen Volkssport-Charakter, während Fußball so eben als Randsportart durchgeht.

          Weil bei Großereignissen im Ringen in jeder der sieben Gewichtsklassen pro Nation nur ein Athlet antreten darf, hat sich eine ausgeprägte Wanderbewegung der osteuropäischen B-Besetzungen ins westliche Ausland entwickelt. Auch die deutsche Mannschaft profitierte davon.

          Egal, ob hessisch-bayrischer oder deutsch-iranischer Abstammung

          So ist für den in Tiflis geborenen Davyd Bichinashvili Deutschland bereits die dritte sportliche Heimat. Bis 1994 startete er für Georgien, danach für die Ukraine, seit 2003 für Deutschland. Der Sportsoldat mit neuer Kampfadresse Schifferstadt gewann mit dem Adler auf der Brust sogar schon eine EM-Medaille. In Moskau vertritt der routinierte Bichinashvili die deutschen Farben in der Klasse bis 84 Kilogramm. Andry Shyyka (Köllerbach), der in der 74-Kilo-Klasse antritt, hat ukrainische Wurzeln. Zudem gehören Tim Schleicher (Nürnberg/55 kg), der EM-Dritte Marcel Ewald (Weingarten/60 kg), Martin Daum (Seeheim/66 kg) und Johannes Kessel (Weingarten/96 kg) zur WM-Truppe.

          Davyd Bichinashvili ging auch schon für Georgien und die Ukraine auf die Matte

          Für den Bundestrainer spielt die Herkunft seiner Athleten keine Rolle: „Wir sind die deutsche Nationalmannschaft, bei uns wird deutsch gesprochen, und mir ist völlig egal, ob einer hessisch-bayrischer oder deutsch-iranischer Abstammung ist“, sagt Leipold: „Sport ist die beste Integrationshilfe, die ich kenne.“ Mit dem passenden Slogan „für mich, für uns, für Deutschland“, schwören sich die Individualisten bei jeder Trainingseinheit auf gemeinsame Ziele und Teamgeist ein.

          „Reisen, wiegen, ringen“ in möglichst kurzer Folge

          Der aus dem Juniorenbereich aufgestiegene Leipold ist seit vergangenen Oktober Cheftrainer der Freistilringer. Seine Feuertaufe am Mattenrand hat er im April bei der EM in Baku bestanden, als Marcel Ewald die Bronzemedaille gewonnen hatte. Zur ersten WM unter seiner Verantwortung ist der Aschaffenburger mit seinen Schützlingen erst am Mittwoch geflogen. Je knapper die Anreise vor dem Wettkampf, desto besser die Aussichten, hat der frühere Weltklasseringer festgestellt, und deshalb den Dreiklang „reisen, wiegen, ringen“ in möglichst kurzer Folge gebucht.

          Leipolds langfristige Zielsetzung sind die Olympischen Spiele 2012 in London. Die Reise zur WM in die russische Hauptstadt ist auf diesem Weg nur ein Zwischenschritt, als nächster Höhepunkt wartet schon im Frühjahr 2011 die EM in Dortmund. „Natürlich freue ich mich drauf“, sagt der 41-Jährige: „Meisterschaften in Deutschland geben jeder Sportart einen neuen Impuls. Und bei Europameisterschaften haben wir auch realistische Chancen auf ein gutes Abschneiden. Aber trainingsmethodisch ist das noch sehr weit weg.“

          „Eine Medaille in meinem Bereich wäre gigantisch“

          Alljährlich müssen sich die Ringer auf zwei Saisonhöhepunkte pro Jahr einstellen. Leipold hat den Saisonaufbau so gelöst, dass er nach der EM mit seinem zwanzig Mann starken Nationalkader wieder ins Grundlagentraining eingestiegen ist. Trainingslager im In- und Ausland schlossen sich an, dann Vergleichskämpfe, schließlich die spezielle und unmittelbare Wettkampfvorbereitung. Das Ranking innerhalb der Riege hat sich durch den Maßnahmenkatalog neu sortiert. Nur zwei EM-Kämpfer von April sind auch jetzt bei der WM aufgestellt. Neben dem EM-Dritten Ewald noch Fliegengewicht Schleicher. Der ist gerade Anfang 20 und gilt gemeinsam mit Daum und Kessel als Mann der Zukunft.

          Vor der Moskauer Meisterschaft, bei der die griechisch-römischen Kollegen leer ausgingen und seit Mittwoch die Freistil-Frauen ihre Kämpfe austragen, hatte der deutsche Verbands-Präsident Manfred Werner eine Medaille als Ziel ausgegeben - wobei Prognosen in einem Wettbewerb mit K.o.-System und ohne relevante Setzliste schwierig sind. „Eine Medaille in meinem Bereich wäre gigantisch“, fasst Leipold das Ziel enger - und der sonst so leistungsorientierte Asket stellt für den Erfolgsfall eine krachende Feier in Aussicht. Die letzte WM-Medaille eines deutschen Freistilringers hat Leipold noch selbst gewonnen. Das war 1999. Es wird also langsam Zeit, zu beweisen, dass es keine schwachen Ringer-Nationen mehr gibt - oder zumindest, dass Deutschland nicht dazu gehört.

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