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Frauenhandball : Der Extremist

In der Liga werden Projekte wie in Thüringen skeptisch beäugt. Der Vorsitzende der Frauenhandball-Bundesliga, Berndt Dugall, sagt zwar, es gebe bislang keine Anhaltspunkte, dass Auflagen dort nicht befolgt würden, meint aber auch: „Wir sehen uns alles ganz genau an.“ Nicht wenige vermuten, beim THC könne bald eine weitere Handball-Blase platzen, wie es früher bereits mehrmals der Fall war (siehe Kasten). „Als Sportverein lebt man immer mit einem gewissen Risiko“, sagt THC-Präsident Karsten Döring. Als Mathematiker hat Müller jenes Risiko mit seinen Vereinen zumindest indirekt ausgereizt: Anfang der neunziger Jahre führte Müller die DJK Augsburg-Hochzoll aus der sechsten fast bis in die erste Liga. Als das Geld für eine sportliche Weiterentwicklung fehlte, wechselte er zum 1. FC Nürnberg, die Augsburger zogen ihre Mannschaft wenige Jahre später zurück.

In Nürnberg verlor Müller mit seiner Mannschaft in vier Jahren kein Spiel, das Team marschierte aus der Verbandsliga in die Bundesliga, gewann Meisterschaft und Pokal. Finanziert wurde es dabei ab 2006 allerdings von dem Schwarzgeld des damaligen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger, Wilhelm Schelsky. Schelsky, der über Jahre hinweg mehrere Millionen Euro Schmiergeld vom Siemens-Konzern kassierte, nutzte einen Teil dieses Geldes, um als spendabler Sponsor unter anderem für die Nürnberger Handballfrauen aufzutreten.

Fast die gesamte Mannschaft wurde von diesen Geldern bezahlt, Lohnsteuern und Sozialversicherungsbeiträge wurden nicht entrichtet. Als Schelsky im Februar 2007 verhaftet wurde, brach der Klub wirtschaftlich ein. Der damalige Sportmanager wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt, Trainer und Spielerinnen blieben unbezahlt, einige meldeten sich arbeitslos. Der Verein wurde trotzdem Meister. „Das Arbeitsamt hat denen teilweise den Titel finanziert“, sagt Renate Wolf. Sie glaubt, Herbert Müller hätte von diesen Machenschaften gewusst, und denkt, solche Methoden würden auch heute noch praktiziert. „Es wäre schön, wenn sich die Liga, die Politik oder das Arbeitsamt dem einmal annehmen würden.“

Müller verspricht Kontinuität

Müller beteuert unterdessen seine Unschuld: „Wenn ich höre, dass Siemens dahintersteht, frage ich doch nicht nach, woher das Geld kommt.“ Er wechselte damals lieber zu Rulmentul Brasov nach Rumänien. Zuvor hatte er eine Beschäftigung in Trier platzen lassen, weil der Verein die Mannschaft nicht nach seinen Vorstellungen zusammenstellte. Doch auch das Gastspiel in Rumänien endete in einem Fiasko: Der Klubbesitzer lockte internationale Ausnahmespielerinnen sowie den Trainer aus Deutschland mit utopischen Gehältern und dem Ziel, so schnell wie möglich die Champions League zu gewinnen. Ein Traum, der schnell platzte. „Nach zwei Monaten hat sich das als absolute Seifenblase erwiesen“, sagt Müller heute. Hinterfragt hat er damals nichts. Er sah nur das Geld und schloss den Vertrag überhastet ab.

In Thüringen will Herbert Müller die Mannschaft kontinuierlich aufbauen. Titel seien im ersten Jahr noch nicht notwendig. Sagt er. Die wirtschaftlichen Belange seines Vereins will er in Zukunft trotzdem weiterhin anderen überlassen. „Dafür haben wir einen Vorstand und einen Aufsichtsrat“, sagt er. „Ich bin hier, um die Mannschaft zu trainieren. Mehr nicht.“

Auf den Titel folgt die Pleite - Vier Beispiele aus der Handball-Bundesliga der Frauen:

TuS Walle Bremen: Die Norddeutschen wurden zwischen 1991 und 1996 fünfmal deutscher Meister. 1998 folgte der Abstieg in die zweite Liga. 2007 meldete die TuS Insolvenz an.

TV Lützellinden: Zwischen 1988 und 2001 wurde der TV siebenmal deutscher Meister. 2005 kam es zur Insolvenz.

1. FC Nürnberg: 2005, 2007, 2008 feierten die Nürnbergerinnen drei Meisterschaften. Die Insolvenz wurde 2009 angemeldet.

Bayer 04 Leverkusen: Der DHB-Pokal-Sieger 2010 konnte in diesem Winter nur durch eine Zahlung des Bayer-Konzerns vor der Insolvenz gerettet werden.

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