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Frauen zu Olympia : In kleinen Schritten nach London

Fürs Foto gleichauf mit den Stars: Noor Al Malki (Mitte) Bild: Kavoura

Noor Al Malki ist die erste Leichtathletin, die für Qatar bei Olympia starten soll. Konkurrenzfähig ist die Sprinterin bei einer Bestzeit von 12,70 Sekunden über 100 Meter nicht. Doch es geht um mehr

          Das prickelnde Gefühl, zwischen zwei Top-Sprinterinnen zu stehen, hat Noor Al Malki schon mal ausgekostet. Vorerst zwar nur bei einem Fototermin unten am Meer vor der glitzernden Skyline ihrer Heimatstadt Doha, aber als kleiner Vorgeschmack ist das ganz wertvoll. Allyson Felix, Olympiasiegerin aus den Vereinigten Staaten zu ihrer Linken, Veronica Campbell-Brown, Olympiasiegerin aus Jamaika, zur Rechten, und dazwischen Noor Al Malki.

          Die direkte Konfrontation einen Tag später auf der Kunststoffbahn im Qatar Sports Club hat man der 17 Jahre alten Sprinterin lieber erspart. In der Diamond League wäre Noor Al Malki noch fehl am Platze, und es hätte auch nicht gut ausgesehen, den 10.000 Zuschauern vor Augen zu führen, wie riesig der Abstand zwischen der Weltelite und Qatars junger First Lady ist: Allyson Felix lief bei ihrem überraschenden Sieg über Veronica Campell-Brown und deren jamaikanische Teamkollegin Shelly-Ann Fraser-Pryce 10,92 Sekunden, Noor Al Malki in ihrem Einlage-Sprint gegen heimische Konkurrenz 12,70 Sekunden.

          Das ist immerhin persönliche Bestzeit. Aber die junge Qatari wäre keiner Erwähnung wert, wenn sie nicht eine Vorläufer-Rolle der besonderen Art spielen würde. Noor Al Malki ist die erste Leichtathletin überhaupt, die ihr Land bei Olympischen Spielen repräsentieren wird. Das Prädikat erste Frau muss sie sich in London allerdings mit der Schwimmerin Nada Arkaji teilen. Davon abgesehen, ist die Schülerin derzeit Qatars Vorzeigefrau im Sport. Natürlich drängt sich schnell der Verdacht auf, dass sie auch eine Alibi- und Quotenfrau sein könnte.

          Zeigen, dass Qatar auf dem richtigen Weg ist

          Das kleine, reiche Land am Persischen Golf unternimmt seit Jahren größte Anstrengungen als Premium-Sportveranstalter, hat überraschend den Zuschlag für die Fußball-WM 2022 erhalten und bewirbt sich auch um Olympia 2020. Da erhöht man seine Chancen beim Internationalen Olympischen Komitee beträchtlich, wenn nicht die halbe Bevölkerung vom Sport ausgeschlossen bleibt. Abdullah Al Zaini, Präsident von Qatars Leichtathletik-Verband, legt aber Wert darauf, dass Noor Al Malki nur der Anfang einer nachhaltigen Veränderung sei. „Frauen sind sehr wichtig im Sport, und Noor ist eine der ersten Früchte unseres Frauen-Trainingscenters. Sie soll der Welt in London zeigen, dass Qatar auf dem richtigen Weg ist.“

          Natürlich präsentiert man solch eine Botschafterin gerne der Weltöffentlichkeit. Die junge Sprinterin selbst macht allerdings nicht den Eindruck, als wäre sie in einer sportpolitischen Mission unterwegs. Im auberginefarbenen Trainingsanzug sitzt sie lässig da, das Haar nur unter einer minimalistischen schwarzen Bandana verborgen, vier Perlen im linken Ohrläppchen, im Mund blitzt bei jedem Lächeln eine Zahnspange. Und sie lächelt viel. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Teenager.  

          Erst mal Arabische Meisterin werden 

          Sie ist auch keiner dieser äußerst beliebten Sport-Importe aus afrikanischen Ländern, sondern Qatari. Sicher, ihre Antworten gibt sie auf Arabisch, und das lässt in der englischen Übersetzung großen Interpretationsspielraum. Aber abseits der Pressemitteilungen, in denen natürlich meist davon die Rede ist, wie stolz sie sei, ihr Land in London repräsentieren zu dürfen, wirkt sie ganz natürlich. Wenn sie erzählt, dass sie aus einer fußballverrückten Familie stammt, sechs Brüder und fünf Schwestern hat, die allesamt Sport treiben.

          Dass sie 2008 in der Schule entdeckt worden sei. Und dass sie mit fünf anderen Mädels in einer Trainingsgruppe angefangen hat. Mittlerweile sind es 15, die im Trainingszentrum in Doha unter der Leitung der früheren Mittelstreckenläuferin Naima Ben Amara trainieren. Die Tunesierin hat Noor zwar großes Talent bescheinigt, aber bemängelt, dass sie anfangs die nötige Einstellung habe vermissen lassen. Und sie sagt auch, dass die nur 1,55 Meter große Sprinterin damals „aus persönlichen Gründen“ für längere Zeit aus dem Training ausgestiegen sei. „Sonst wäre sie jetzt schon besser.“

          Vorbild für die Mädchen im Lande

          Darüber hätte man gerne mehr erfahren. Wo Noor doch beteuert, dass es für sie nie ein Problem gewesen sei, Sport zu treiben, dass sogar ihre Mutter sie stets ermuntert habe. Mittlerweile sind die Probleme überwunden, sie hat nationale und regionale Titel gesammelt und ist sogar als Qatars beste weibliche Athletin ausgezeichnet worden. Natürlich weiß sie genau, dass sie in London keine Chance hat. „Erst mal will ich Arabische Meisterin werden und in London dann persönliche Bestzeit laufen.“

          Aber ihrer besonderen Rolle ist sie sich bewusst. „Natürlich will ich ein Vorbild für die Mädchen hier in Qatar sein.“ Auch ihre Trainerin glaubt, dass Noor der Frauenbewegung am Persischen Golf einen Schub verleihen könnte. Es sei ja schon einiges in Bewegung gekommen, seit sie 2008 nach Qatar gekommen ist. Inzwischen seien die Trainingsbedingungen und die Unterstützung vom Verband vorbildlich. „Wir machen keine Riesenschritte vorwärts“, sagt Naima Ben Amara, „aber wir machen Fortschritte.“

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