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Rollstuhl-Basketball-WM : Eine Weltmesse in Wilhelmsburg

  • -Aktualisiert am

Mindestens ins Viertelfinale: Der Deutsche Philip Schorp (links) auf dem Weg zum Korb in der Hamburger Inselparkhalle. Bild: WITTERS

Zum ersten Mal spielen Männer und Frauen ihre Rollstuhl-Basketball-WM gemeinsam aus. Der Hamburger Süden ist dafür ein guter Ort. Und die Deutschen haben hohe Ziele.

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          Maya Lindholm fällt auf in der Rollstuhl-Basketball- Nationalmannschaft, nicht nur wegen ihrer großflächig tätowierten Arme. Zum einen ist sie ein bekanntes Gesicht, weil sie seit sieben Jahren im deutschen Trikot spielt. Zum anderen geht die Aufbauspielerin der BG Baskets Hamburg dahin, wo es weh tut. „ZA-DONK!“, der seit Monaten weithin sichtbare Slogan der Weltmeisterschaft, wirkt wie auf sie zugeschnitten. Die 27 Jahre alte Lindholm hat vor sechs Jahren die Goldmedaille von den Paralympics in London und aus Rio die Silbermedaille mitgebracht; 2010 und 2014 war sie Zweite bei den Weltmeisterschaften. Jetzt soll die Party richtig losgehen – bei der am Donnerstag gestarteten WM in der Wilhelmsburger Inselparkhalle konnte Lindholm gar nicht alle Fans und Freunde begrüßen, sonst wäre sie zu spät zum ersten Hochball gerollt.

          87:24 gewann das Team von Bundestrainer Martin Otto zum Auftakt gegen Algerien. Und wenn der Afrikameister auch keine echte Prüfung war, bekam Lindholm doch einen ersten Eindruck, wie schön so eine Heim-WM sein kann: „Ich habe viele Veranstaltungen erlebt und mit dem Rollstuhlbasketball die Welt gesehen. Zu Hause zu spielen ist aber etwas ganz anderes. Ich hoffe, dass uns das Publikum pusht und wir ganz weit kommen.“ Es ist die erste Weltmesse des Rollstuhl-Basketballs, bei der Frauen und Männer gemeinsam ihren Champion küren, und es ist die erste auf deutschem Boden. Fünf Millionen Euro beträgt der Etat; die Stadt Hamburg hat drei Millionen beigesteuert.

          Rund um die moderne Halle im Süden der Stadt ist ein attraktives und lässiges Eventgelände aufgebaut; eine Hauptattraktion ist das 150 Meter lange rote Sofa zum Abhängen. Es steht draußen und nimmt die ganze Länge der Halle ein. Hier spielen sonst die Zweitligaprofis der Towers und die Erstliga-Spitzenmannschaft der BG Baskets. Para-Basketball hat in Hamburg einen hohen Stellenwert; Edina Müller, die inzwischen vom Rollstuhl ins Parakanu gestiegen ist, war 2012 Hamburgs Sportlerin des Jahres. Insofern ist die Hansestadt eine gute Wahl, und die Zuschauerzahlen waren am ersten Spieltag ermutigend.

          Nicht nur Nicolai Zeltinger, der Männer-Bundestrainer, setzt auf eine Wechselwirkung: „Ich hoffe, dass der Funke zwischen uns und den Zuschauern hin- und herspringt und wir von den Fans getragen werden“, sagte er. Sein Team siegte im ersten Spiel ebenfalls deutlich: 84:40 gegen den Afrikameister Marokko. Das war ein Start, der auch Friedhelm Julius Beucher begeisterte. Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes dirigierte anschließend munter die Aufstellung des deutschen Teams für das Siegerfoto.

          Im Rollstuhl-Basketball spielen Menschen mit unterschiedlich schweren körperlichen Einschränkungen zusammen. Jedem Spieler wird nach dem Grad seiner persönlichen körperlichen Einschränkung eine Punktzahl zugeordnet. Eine geringe Einschränkung erhält eine hohe Punktzahl. Bei einem größeren Handicap gibt es eine niedrigere. Zusammengerechnet dürfen die fünf Spieler eines Teams maximal 14 Punkte aufs Spielfeld bringen. Wer das erste Mal beim Rollstuhlbasketball zuschaut, muss sich also nicht wundern, wenn jemand im Spiel oder danach aus dem Sportgerät steigt und losgeht: Fußgänger dürfen mitmachen, gelebte Inklusion, einer der Gründe, warum Rollstuhl-Basketball innerhalb des Para-Sports zu den Kernsportarten gehört und besonders beliebt und erfolgreich ist – mit Profiligen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, zum Beispiel. Ein anderer Grund ist die sportliche Ausgeglichenheit. Die deutschen Frauen sind den Männern ein gutes Stück voraus, was die Erfolge betrifft.

          Das nächste große Ziel der Mannschaft um Kapitänin Mareike Miller und die routinierte Rückkehrerin Marina Mohnen (Jahrgang 1978) sind die Paralympischen Spiele in Tokio 2020. Anfang 2017 hatte Martin Otto den Job des Bundestrainers vom sehr erfolgreichen Holger Glinicki übernommen. Stammspielerinnen hatten nach der Silbermedaille von Rio aufgehört; Otto baut ein neues Team auf, eine gute Mischung aus Jung und Alt. Er legt den Schwerpunkt auf konzentrierte Defensivarbeit – das war gegen den Außenseiter aus Algerien schön zu sehen, denn die Frauen in Grün kamen gar nicht erst zu vielversprechenden Würfen, weil die Deutschen weit vor dem eigenen Korb schnell eine Wagenburg errichteten: Durchfahrt verboten!

          „Das Niveau dieser WM wird sehr hoch sein“

          Doch die stärkeren Gegner in der Sechsergruppe, China, Amerika und Frankreich, werden das zu umfahren wissen, und dann muss Ottos neuformierte, aber trotzdem erfahrene Mannschaft zeigen, was sie kann. So lange wie möglich möchte der Bundestrainer dem großen Favoriten Niederlande aus dem Weg gehen. Insgeheim hofft Otto, am nächsten Freitag noch dabei zu sein, wenn die Halbfinals beginnen, und begründet das mit dem bekannten Satz: „An einem sehr guten Tag können wir jede Mannschaft schlagen.“

          Sein Kollege bei den Männern hat andere Voraussetzungen. Achter in Rio, Elfter bei der vergangenen WM in Südkorea vor vier Jahren – aber dann kam ein dritter Platz bei der Europameisterschaft 2017, der Mut machte. Viele, viele Testspiele hat Zeltingers Team absolviert; auch, um die Gruppengegner und mögliche weitere Kontrahenten kennenzulernen. Am Donnerstag zahlte sich das schon mal aus – gegen Marokko lief alles nach Plan. Vor allem der Dreier-Schütze Thomas Böhme überzeugte mit 22 Punkten. Doch schon gegen Iran am Samstag und Kanada am Sonntag warten schwerere Gegner. Zeltinger sagt: „Das Niveau dieser WM wird sehr hoch sein, und hinter den Favoriten Vereinigte Staaten, Großbritannien und Australien wird es ein gigantisch großes Mittelfeld geben, in dem jeder gewinnen kann.“ Mindestens ins Viertelfinale wollen die Deutschen kommen. Das größte Plus auf diesem Weg könnte sein, dass Zeltinger einen ausgeglichen starken Kader hat und nicht nur eine gute erste Fünf.

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