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Frauen-Radsport : „Die fährt hoch wie eine Göttin“

  • -Aktualisiert am

Nürnberger Frauen-Power: Charlotte Becker, Eva Lutz und Amber Neben Bild: Foto Eder

Radsportler nennen ihn nur „die Mauer von Huy“ - der legendäre Schlussanstieg des Fleche Wallone ist gefürchtet. 24 Teams mit 150 Frauen sind diesmal am Start. Michael Eder hat die deutschen Starterinnen einen Tag begleitet - mit Höhen und Tiefen.

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          Elf Uhr morgens. Auf der Maas schieben sich träge die Frachtkähne dahin, kein Regen, kein Wind, nur Sonne und Wärme, ein Tag, wie gemalt zum Rennradfahren, doch da ist diese Gasse in Huy, sie führt vom Ufer der Maas hinauf, als habe sie es eilig, als wolle sie keine Zeit verlieren, nach oben zu kommen. Es ist die „Mauer von Huy“, der legendäre Schlussanstieg des „Fleche Wallone“, eines der klassischen Radrennen in Belgien. Es ist elf Uhr, und wer sich diese furchtbar steilen anderthalb Kilometer zu Fuß hoch ins Ziel kämpft, der stapft an vielen Fans vorbei, die schon jetzt auf ihren Klappstühlen hocken, um später den besten Blick zu haben. In vier Stunden werden die Profi-Frauen hier um den Sieg kämpfen und noch einmal zwei Stunden später die Männer - Geduld gehört zu den herausragenden Eigenschaften eines Belgiers, Geduld und die Liebe zum Radsport.

          Radrennen sind strategische Prüfungen, keine Kraftproben

          Um halb zwölf steigt Eva Lutz aufs Rad und rollt zum Start. Die Maschinenbaustudentin aus Hannover startet für die Equipe Nürnberger. Die ehemalige Leistungsruderin hatte sich 2003 für 800 Euro bei eBay ein Rennrad gekauft, zum Zeitvertreib - und war innerhalb kürzester Zeit in die deutsche Spitze geradelt.

          Olympiasiegerin aus den Niederlanden: Marianne Vos fährt für das „Team DSB Bank”
          Olympiasiegerin aus den Niederlanden: Marianne Vos fährt für das „Team DSB Bank” : Bild: REUTERS

          Beim Fleche Wallone sind 24 Teams am Start, 150 Frauen insgesamt. Eva Lutz gehört zu den besten, sie liegt auf Platz sechs der Weltcupwertung, hat bei der Qatar-Rundfahrt gerade eine schwere Etappe gewonnen. Was der heutige Tag bringen wird, weiß sie nicht. Radrennen sind strategische Prüfungen, es gewinnt nicht die Stärkste. „Es gewinnt diejenige unter den Stärksten, die unterwegs am wenigsten gearbeitet hat“, sagt Eva Lutz. Die Faulste unter den Besten, die im Finale an der Mauer von Huy die meisten Reserven hat.

          50.000 Euro verdienen die besten Fahrerinnen

          Am Start ist für die Nürnberger die Taktik klar: Abwarten und aufpassen! Keine entscheidende Ausreißergruppe verpassen! Man hat vier Siegfahrerinnen: Die amerikanische Zeitfahr-Weltmeisterin Amber Neben, die Holländerin Suzanne de Goede,Trixi Worrack - und Eva Lutz. Der Plan ist, Amber Neben mit vereinten Kräften vor der letzten Steigung „abzusetzen“.

          Halb zwölf. „Viel Glück“, sagt Jochen Dornbusch, und seine Frauen radeln davon. Nicht nur für sie, auch für den Sportlichen Leiter der Nürnberger beginnt ein harter Arbeitstag. An Position fünf im Konvoi steuert er den Materialwagen über die Rennstrecke. Er wird über Tourfunk den Rennverlauf verfolgen, immer wieder die Taktik variieren, er steht in ständigem Kontakt zu seinen Fahrerinnen. Nebenbei isst er, trinkt, telefoniert, studiert die Karte. Über die Mittelkonsole hat er das Blatt mit der Starterliste geklebt. Die Favoritinnen sind mit einem Leuchtstift rot markiert: die niederländische Olympiasiegerin Marianne Vos (Team DSB Bank), die Deutsche Claudia Häusler (Cervelo), die Schwedin Emma Johansson (Red Sun), die Britin Nicole Cooke (Vision Racing). Der Frauenradsport, sagt Dornbusch, habe in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung genommen, es gebe immer mehr professionelle Teams, an was es noch fehle, sei „die Kohle“ für die Frauen. 800.000 Euro, heißt es, betrage der Etat von Nürnberger, einem der internationalen Vorzeige-Rennställe, das ist kein Zehntel dessen, was bei den Männern üblich ist. 50.000 Euro im Jahr verdienen die besten Fahrerinnen, die Nürnberger haben das Glück, ein paar Frauen im Kader zu haben, die bei der Polizei untergekommen sind, freigestellt sind und für ein Zubrot, für ein Taschengeld Rennen fahren.

          „Wenn der Ullrich sagt, er habe keinen betrogen, dann hat er recht“

          Doping? Natürlich schlägt das Radsportthema Nummer eins auch auf die Frauen durch. Zu Unrecht, wie Dornbusch findet. Warum? „Weil nur die Männer Idioten sind“, sagt er. Warum sollte Doping bei den Frauen keine große Rolle spielen? „Ganz einfach“, sagt Dornbusch, „wegen der Kohle. Die meisten weiblichen Radprofis haben 10.000 Euro im Jahr, wie sollen die Doping bezahlen? Klar wird es ein paar geben, die es ab und zu probieren - wenn der Freund Berufsrennfahrer ist und noch was rumliegen hat.“ Doping im Radsport eine Männerdomäne? „Da brauchen wir nicht zu diskutieren“, sagt Dornbusch, „wenn der Ullrich sagt, er habe keinen betrogen, dann hat er recht, weil keiner da war, der nichts gemacht hat.“

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