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Frankfurt Marathon 2022 : Bis der Hammermann erscheint

Favorit: Martin Kosgey Bild: imago/Hartenfelser

WM, EM und Corona-Folgen: Beim Restart in Frankfurt fehlen Spitzenleute und Breitensportler. Die Veranstalter hoffen dennoch auf ein gutes, schnelles Rennen – mit Spannung bis zum Schluss. Die Streckenführung macht es möglich.

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          Richard Ringer hatte schon zugesagt. Der 33-Jährige wollte starten am Sonntag beim 39. Marathon in Frankfurt. „Wir waren uns einig“, berichtet Renndirektor Jo Schindler. Doch dann kam die Europameisterschaft in München im Au­gust, das eindrucksvolle Rennen von Ringer mit diesem phänomenalen Ende, das ihn als deutsches Zugpferd für Frankfurt noch mal interessanter gemacht hätte, aber eben auch alle Pläne über den Haufen warf.

          David Lindenfeld
          Volontär.

          Zwei bis drei Wochen zögerte der frisch gekürte Europameister noch, der 2018 als Tempomacher in Frankfurt ein Rennen gelaufen war, das ihn bestärkt hatte, auf die Marathon-Distanz zu wechseln. Würden die Schmerzen im Fuß schnell wieder weggehen? Die Kräfte reichen? Dann war klar, was Schindler heute so beschreibt: „Die Pläne, die schon fertig waren, wurden uns zerschossen.“

          WM, EM, die üblichen Konkurrenz-Läufe im Herbst: Für Schindler und Christoph Kopp, den Sportlichen Leiter des Frankfurt-Marathons, war es in diesem Jahr kein Leichtes, ein Elitefeld zu akquirieren, das mit großen Namen bestückt ist und schnelle Zeiten laufen kann. In den vergangenen zwei Jahren ist der Marathon wegen der Pandemie ausgefallen. Weniger Breitensportler haben sich diesmal angemeldet, Sponsoren sind weggebrochen. „Wir müssen mit einem Budget umgehen, das um 50 Prozent reduziert ist“, sagt Kopp, der die Antrittsgelder verhandelt, mit Blick auf die Akquise der Topläufer.

          Hoffnung der Veranstalter: Übergangsjahr 2022

          „Veranstalter wie Berlin und New York haben aufgrund des großen Überhangs keine Probleme“, sagt Kopp. Aber die zweite Reihe merke schon, dass viele Läuferinnen und Läufer wegen Corona noch ängstlich seien, „in größere Felder reinzugehen“. Die Hoffnung der Verantwortlichen: 2022 soll ein Übergangsjahr sein. Selbst das Oktoberfest habe ja weniger Besucher gehabt, sagt Kopp. Das macht Mut. 2023 und 2024 soll sich alles wieder in Richtung Normalität entwickeln. Wegen der Europameisterschaft in München sind weniger Europäer und weniger nationale Läufer am Start. Aber mit dem Elitefeld ist er „eigentlich durchaus zufrieden“, sagt Kopp. Das klingt zwar nicht so, als sei er das wirklich, ist aber eher im Kontext der Widrigkeiten, die ihn begleitetet haben, zu sehen.

          Infografik Frankfurt-Marathon Streckenverlauf 2022
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          Dass sich mit Filimon Abraham und Hendrik Pfeiffer zwei schnelle Deutsche, die eine Zeit um die 2:09:00 Stunden anpeilen, für Frankfurt entschieden haben, ist ein Glücksfall für Kopp und Schindler. Abraham läuft als eingebürgerter Flüchtling aus Eritrea seinen zweiten Marathon, nachdem er in Hamburg bei Kilometer 35 ausgestiegen war. Olympiateilnehmer Pfeiffer wollte eigentlich in New York starten. „Die wollten mich aber nicht ins Elitefeld aufnehmen“, sagt er. Fünf Minuten später als die Topleute sollte Pfeiffer starten. „Das kommt für mich nicht in Frage. Ich bin Profisportler.“ Jetzt laufe er eben in „Mainhattan statt Manhattan“ – und will es allen zeigen: „Ich glaube, sie werden es in New York bereuen, mich nicht zu haben.“

          Guter Ruf, schnelles Rennen

          Bei den Frauen sind die Deutsche Meisterin im Berglauf, Laura Hottenrott, und Thea Heim die schnellsten Deutschen im Feld. Um die ersten Plätze werden sie aber wohl ebenso wenig konkurrieren wie Abraham und Pfeiffer. Seit 2008 ist das so, dass immer Läuferinnen und Läufer aus Kenia oder Äthiopien gewonnen haben. Das Interesse der Athleten aus diesen Ländern am Frankfurt-Marathon sei groß, sagt Schindler. International habe das Rennen einen guten Ruf. Die Strecke ist mit nur 28 Höhenmetern schnell. Mit 15.000 oder 12.000 Euro – je nach Zeit – gibt es zudem ein ordentliches Preisgeld.

          Viele der Afrikaner verdienen mit Wettkämpfen auf anderen Kontinenten ihren Lebensunterhalt. Oft ist das Laufen die einzige Chance, es aus der Armut zu schaffen. „Es war schon schwer für sie während der Pandemie. Vor allem für die zweite Reihe“, sagt Kopp. Einige mussten wieder als Feldarbeiter ihr Geld verdienen. Häufig kaufen die Athletinnen und Athleten auch ein eigenes Stück Land, bauen zum Beispiel Mais an. „Das ist die Grundabsicherung für sie“, erklärt Kopp, der als Manager Kontakte in die ostafrikanischen Länder hat.

          Morgens Training, mittags auf dem Traktor

          Einer, dem es so erging, ist Martin Kosgey. Während der Pandemie habe der Kenianer morgens trainiert, mittags auf dem Traktor gesessen und abends wieder trainiert, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Jetzt will „Mister Frankfurt“, wie Kosgey hier genannt wird, seine Bestzeit von 2:06:41 Stunden verbessern – und nach zwei zweiten und zwei vierten Plätzen endlich erstmals als Sieger auf dem roten Teppich in der Festhalle die Ziellinie überqueren. Doch der Topfavorit dürfte mit Gebru Redahgne (Bestzeit 2:05:58) ein Äthiopier sein.

          Bei den Frauen hat die Schnellste im Feld, Selly Kaptich (2:21:06), angekündigt, den Streckenrekord attackieren zu wollen. Der liegt bei 2:19:10 Stunden und wurde 2019 von Valary Aiyabei aufgestellt. Die Kenianerin Kaptich ist neben Yeshi Chekole aus Äthiopien (2:21:17) und Helah Kiprop aus Kenia (2:21:27) eine von drei Frauen, die schon mal unter 2:22:00 Stunden gelaufen sind. Doch auch Gladys Chepkurui (2:28:55) ist trotz der Zahlen, die in ihrer persönlichen Bestleistung auftauchen, nicht zu unterschätzen. Bei ihrem ersten Marathon in Paris lief sie die erste Hälfte in 68 Minuten. „Dann ist sie einen Heldentod gestorben“, sagt Kopp, der ihr viel zutraut. Die zehn Kilometer in Valencia ist sie in 30:48 Minuten gelaufen.

          Kopp trat am Freitag immer wieder als Mahner auf: Alle sollten sich an die Vereinbarungen mit den Tempomachern halten, nicht überdrehen. Er hofft, dass die Gruppen lange zusammenbleiben. Gemeinsam arbeiten. Bis der Hammermann erscheint. Und dann ein Sprint ins Ziel – das wären tolle Bilder. Der Frankfurt-Marathon könnte sie zum Re-Start gut gebrauchen.

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