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Frankfurt Galaxy in der ELF : Die Bremse im Kopf

Mit Frankfurt Galaxy in der European League of Football auf Titeljagd: Karim Ben El Ghali Bild: picture alliance/dpa/Kessler-Sportfotografie

In einer bemerkenswerten Pressekonferenz spricht Galaxy-Trainer Thomas Kösling über die Schattenseiten der neuen öffentlichen und medialen Präsenz in der European League of Football und die Schwierigkeiten, damit umzugehen.

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          Auf die Tage, die Frankfurt Galaxy nun bevorstehen, freut sich Thomas Kösling besonders. Nicht etwa, weil es dabei in besonderem Maß um American Football geht, dem Sport, in dem Cheftrainer Kösling mit seiner Mannschaft um den europäischen Titel spielt und überhaupt den Großteil seines Alltags verbringt. Sondern, weil genau das Gegenteil der Fall ist.

          Jan Ehrhardt
          Sportredakteur.

          „Ich habe meinen Spielern bis nächste Woche Dienstag frei gegeben. Sie sollen etwas ganz anderes machen, an etwas ganz anderes denken.“ Auch er selbst wolle versuchen, einmal komplett abzuschalten, sich einmal komplett zu lösen vom kräftezehrenden Hin und Her in der European League of Football (ELF).

          „Das kann ziemlich hässlich werden“

          Das alles erklärte Kösling in einer bemerkenswerten Pressekonferenz nach dem wichtigen Heimsieg gegen die Cologne Centurions am Sonntag, die vor allem deshalb bemerkenswert war, weil der Galaxy-Trainer neben den üblichen Analysen und routinehaften Sätzen zu Themen wie Zufriedenheit und Zielsetzungen ein zentrales Thema ansprach, über das er in dieser Form bislang noch nicht gesprochen hatte: Bei seinem Team sei irgendwo noch eine Handbremse angezogen, sagte Kösling, und die sei nicht nur daran schuld, dass der Saisonstart so in den Sand gesetzt wurde, sondern dass sein Team selbst in die Spiele, die es am Ende gewann, meist auch holprig gestartet war, sich schwer getan hatte, in den nötigen Rhythmus zu finden.

          Diese Handbremse, sagte Kösling, „ist irgendwo im mentalen Bereich. Ich hoffe, dass die Jungs die kommenden Tage nutzen, um herauszufinden wo genau. Und dass sie es schaffen, sie zu lösen.“ Denn nur dann, und das war in gewisser Weise Köslings Schlussplädoyer, „werden wir es schaffen, unsere PS auf die Straße zu bringen“. Meint: das hochgesteckte Saisonziel Titelverteidigung zu erreichen.

          Aktuell steht Galaxy bei einer Bilanz von vier Siegen und drei Niederlagen. Beim verdienten 46:14 (20:14) gegen Köln am Sonntag zeigte die Mannschaft einmal mehr, dass sie, wenn zusammenläuft, was zusammenlaufen soll, durchaus in der Lage ist, begeisternden und vor allem erfolgreichen Football zu spielen. Doch weil sich jeweils nur die drei Sieger der jeweiligen Conferences sowie der beste Zweite der gesamten Liga für die Play-offs qualifizieren, ist der Weg zurück ins ELF-Finale immer noch weit und beschwerlich für den Vorjahressieger.

          Play-off-Chance gewahrt: Die Spieler der Frankfurt Galaxy freuen sich über den Sieg gegen die  Cologne Centurions.
          Play-off-Chance gewahrt: Die Spieler der Frankfurt Galaxy freuen sich über den Sieg gegen die Cologne Centurions. : Bild: Huebner

          Die bisherigen Niederlagen, allesamt gegen Konkurrenten um die Play-off-Teilnahme, bleiben eine große Hypothek. Jede weitere Pleite würde wohl das endgültige Aus der Titelträume bedeuten, und zu Gast in Frankfurt werden im weiteren Saisonverlauf unter anderem noch die bislang ungeschlagenen Vienna Vikings sein.

          „Als Meister in die Saison zu gehen, mit dieser großen Erwartungshaltung von allen Seiten, dann direkt vor dieser tollen Kulisse von 7000, 8000 Zuschauern den Auftakt zu verlieren, das hat Unsicherheiten entstehen lassen“, sagte Kösling. Der enorme Druck, die öffentliche und mediale Beobachtung, die Omnipräsenz in den sozialen Medien, damit würde längst nicht jeder seiner Spieler vollumfänglich klarkommen. Insbesondere dann nicht, wenn sie mit Hasskommentaren auf Instagram und Co. konfrontiert würden.

          „Meine Spieler sind alles Amateure, die verdienen keine Millionen, die sind nicht trainiert darin, so etwas konsequent auszublenden. Und das schlägt dann eben bis in die Kabine durch. Da werden plötzlich Sachen hinterfragt, die noch nie hinterfragt wurden.“ Auch deshalb empfiehlt Kösling seiner Mannschaft, in den kommenden Tagen auf die Suche nach der Handbremse im Kopf zu gehen, um dann, wenn möglich, nach dem bevorstehenden spielfreien Wochenende ihr volles Potential zu entfalten. Die footballfreie Zeit dürfte außerdem dem verletzungsgeplagten Galaxy-Kader guttun. Kösling erwartet für die nächste Partie Ende Juli gegen die Panthers Wrocław in Polen einige zu Saisonbeginn ausgefallene Akteure zurück auf dem Feld.

          Einer, der dort gegen die Centurions am Sonntag eine herausragende Figur abgegeben hatte, Verteidiger Daniel Josiah, ein Eigengewächs der Football-Stadt Frankfurt, saß bei dieser Pressekonferenz ebenfalls auf dem Podium, direkt neben Kösling. Ob er die Vermutungen seines Trainers bestätigen könne? Dass der Druck in dieser neuen, vor allem medial deutlich stärker in Szene gesetzten Football-Liga ein anderer ist als das, was viele Spieler bislang gewohnt waren; dass die Bühne im Stadion und vor allem der digitalen Welt eine größere ist mitsamt ihren negativen Begleiterscheinungen?

          „Ja“, sagte Josiah, „das kann ziemlich hässlich werden“. Ihm selbst seien zwar „glücklicherweise“ noch keine Hassbotschaften oder anonyme Beleidigungen geschickt worden, aber er wisse von einigen Teamkollegen, bei denen das der Fall gewesen sei. „Irgendwie muss man da dann seinen Weg finden damit umzugehen, etwa mit seinen Mitspielern und dem Betreuerteam darüber sprechen.“ Damit die Unsicherheiten nicht zu groß werden und die Handbremse am Ende nicht zu fest sitzt.

          „Etwas Positives“ wolle er aber auch noch berichten, meinte der 24-Jährige zum Schluss der Pressekonferenz. „Die Plattform, die uns diese Liga bietet, hat auch ihre schönen Seiten. Meine Oma zum Beispiel kann mich jetzt jeden Sonntag im Fernsehen sehen. Das ist doch etwas Wunderbares.“

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