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Formel 1 : Getriebe bockt, Funkgespräch stockt, Getränk bleibt stecken

  • -Aktualisiert am

Barrichellos Pannenquote erreichte den vorläufigen Höhepunkt Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Rubens Barrichello, Michael Schumachers Teamkollege bei Ferrari, gehört eigentlich zu den besseren Piloten der Formel-1-Branche. Doch der Brasilianer zieht nicht erst seit dieser Saison das Pech an wie ein Magnet.

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          Eigentlich glaubte Rubens Barrichello, in der Formel 1 schon alles erlebt zu haben: Geplatzte Motoren in aussichtsreicher Position, eine gebrochene Radaufhängung bei Vollgas, ein Ferrari-Reifenwechsel mit drei statt vier neuen Pneus, eine Panne auf dem Weg zum ersehnten Sieg in der Heimat Sao Paulo, die Order von der Ferrari-Teamleitung beim Rennen in Österreich 2002, dem langsameren Michael Schumacher den Sieg zu schenken.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          "Aber der Auftakt in Montreal ist dann doch eine Premiere in meiner Karriere gewesen", sagte Barrichello am vergangenen Sonntagabend, "es gibt immer etwas neues." Nach 203 Grand Prix für drei Rennställe war der 33 Jahre alte Brasilianer zum Großen Preis von Kanada erstmals aus der Boxengasse losgefahren. Als letzter Mann mit einer zusätzlichen Verzögerung. Er durfte die Verfolgung erst aufnehmen, als alle Kollegen an der Boxenausfahrt vorbeigesaust waren und die Ampel auf grün sprang. Im Ziel umarmte ihn Michael Schumacher, der Technische Direktor von Ferrari, Ross Brawn, klopfte dem Dritten von Montreal auf die Schulter und lobte: "Rubens ist ein phantastisches Rennen gefahren."

          Aber Vorsicht!

          Barrichello gehört zu den besseren Piloten der Branche. Mit neun Siegen liegt er hinter Schumacher (83) und David Coulthard (13) auf Rang drei der erfolgreichsten Fahrer im Feld. Selbst seine Gegner nicken, wenn von der Überholkunst des Paulista an heiklen Stellen die Rede ist. Aber Vorsicht! Sobald einem Formel-1-Fahrer die Wertschätzung eines Kollegen leicht über die Lippen geht, könnte die Sache einen Haken haben. Ist diese Anerkennung vielleicht nur zu ertragen, weil Barrichello ihnen allen Glück bringt? Denn der Mann scheint das Pech anzuziehen wie Magneten Nägel.

          Das ist zwar keine neue Erkenntnis in dieser Formel-1-Vita. Aber in Kanada erreichte Barrichellos Pannenquote den vorläufigen Höhepunkt: Erst warf ihn ein Getriebeschaden beim Zeittraining ans Ende des Starterfeldes. Dann versagte in der Hitze des Grand Prix die Trinkflaschenautomatik. Schließlich mußte er bei voller Fahrt die Sprechtaste wie eine Morsetaste bedienen, weil der Kommandostand über Funk nichts hörte: einmal drücken für ja, zweimal für nein. Zu all dem paßt die Vorgeschichte: Als Barrichello am Vormittag zur Fahrerparade mit einem Oldtimer über den Kurs kutschiert werden sollte, mußte er im letzten Moment zu einem Kollegen umsteigen. Sein kleiner roter Flitzer wollte partout nicht anspringen.

          Merkwürdiges Phänomen

          Barrichello zuckt mit den Schultern. Er hat keine Erklärung für das merkwürdige Phänomen. 58 Rennen fuhr Weltmeister Schumacher zwischen Ende Juli 2001 in Hockenheim und dem Ausfall in Bahrein Mitte April ungestoppt zu Siegen und Titeln. Wenn mal ein Ferrari ausfiel, entstieg ihm stets ein trauriger Barrichello. Traf es aber den Renner des Champions, dann blieb in der Regel Zeit für eine Reparatur - wie am Samstag. Während Schumacher beim freien Training plötzlich nicht mehr in die Gänge kam, bockte Barrichellos Getriebe just in der Einführungsrunde zum einzigen Einzelzeitfahren: Keine Runde, keine Zeit, Letzter.

          Am Fahrstil, sagt Ross Brawn, liege es nicht: "Rubens geht eher sanft mit dem Auto um." Die Mechaniker und Ingenieure rund um die Nummer zwei, beteuert Ferrari, seien auch nicht schlechter. Bestimmt nicht. Chefingenieur Luca Baldisseri berichtet allerdings von Schumachers besonderem Gespür für technische Störungen. Als im vergangenen Jahr beim Großen Preis von Spanien der Auspuff brach und Brawn seinen führenden Chefpiloten entschuldigend auf einen Ausfall vorbereitete, brachte der Rheinländer den fragilen Boliden dennoch vor allen anderen ins Ziel. Es war nicht das erste Mal. "Michael", sagt Baldisseri, "ist in der Lage, um ein Problem herumzufahren."

          Unglückliche Selbstbremsung

          Barrichello spricht darüber; über die gekappte Trinkversorgung, die Verständnisprobleme, quetschende Sicherheitsgurte oder einen schmerzhaft verrutschten Nackenschutz. Nur die Story der unglücklichen Selbstbremsung erzählten andere. Nach dem Rennen in Malaysia entdeckten Ferrari-Mechaniker ein unbekanntes Detail im Heck des F2005. Aus den Flügelelementen des Spoilers zogen sie einen Knieschoner. Was ein Knieschoner in einem Heckflügel zu suchen hat? Die Schaumstoffpolsterung nutzen Piloten, um das Aneinanderschlagen der Knie während der brutalen Schütteltour im kaum gedämpften Auto abzufedern. Barrichello hatte das gute Stück, weil abgerissen, während der Fahrt rücklings aus dem Cockpit geworfen - und gleich wieder eingefangen. Sofort behinderte es die Luftanströmung des Hecks und reduzierte damit den Abtriebswert.

          So einem Wurfpech stehen aber glückliche Momente gegenüber. Am vergangenen Sonntag wäre der millionenschwere Rennfahrer ohne die Saftey-Car-Phase nach dem Unfall des Briten Jenson Button im BAR niemals Dritter geworden. Und am 29. April 1994 hatte Barrichello in seinem Jordan bei einem schweren Unfall in Imola nur leichte Verletzungen erlitten. Sofort glaubte die Formel 1, den Beweis er bracht zu haben: Diese Autos sind sicher. 24 Stunden später starb Roland Ratzenberger beim Qualifikationstraining, im Rennen dann Superstar Ayrton Senna. Barrichello hatte großes Glück. Sonst hätte er sein Pech nicht mehr erlebt.

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