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Football : Die Faszination Super Bowl

  • -Aktualisiert am

Schlüsselfigur beim Super Bowl: Peyton Manning ist Quarterback der Denver Broncos Bild: AP

Football hat allen Sportarten in den Vereinigten Staaten den Rang abgelaufen. Die Manie gipfelt jedes Jahr im Super-Bowl-Finale. Was finden die Amerikaner eigentlich so toll daran?

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          Es ist ein Spektakel der großen Zahlen. Und das beginnt schon mit dem durchschnittlichen Preis für eine Eintrittskarte: ein halbes Monatsgehalt. Rund 2500 Dollar. Die Gebühr für eine 30 Sekunden lange Werbeeinblendung im Fernsehen ist geradezu exorbitant. Sie liegt bei 3,8 Millionen Dollar. Doch das viele Geld scheint gut investiert. Etwa 150 Millionen Amerikaner verfolgen an jedem ersten Sonntag im Februar den Super Bowl. Ein Rekordwert. Keine Sendung erzielt mehr Publikum. Und nicht wenige von denen gehen bei der Gelegenheit einer sehr amerikanischen Passion nach: Sie zocken. Schätzungen von Experten besagen: Es stehen jeweils mehrere Milliarden Wett-Dollar auf dem Spiel. Genug, um einen Teil des Washingtoner Haushaltsdefizits auszugleichen.

          Das Geschehen drumherum und der Medienrummel, der das alles anheizt, wirkt denn auch so, als sei der sportliche Wettstreit – das Saisonfinale in der National Football League (NFL) mit den beiden besten Mannschaften des Jahres – so etwas wie eine reizvolle Nebensache. Football ist beim Super Bowl eine Art Katalysator. Das eigentliche Produkt ist eine gigantische Unterhaltungsshow für ganz Amerika. So wird es auch in der Nacht zum Montag sein, wenn im eiskalten MetLife Stadium in East Rutherford vor den Toren von New York die Denver Broncos und die Seattle Seahawks den Super Bowl mit der laufenden Nummer 48 austragen (live in Sat 1, 0:05 Uhr). Auch das eine ziemlich große Zahl, die allerdings nach dem barocken Stilempfinden der National Football League in römischen Ziffern geschrieben werden muss. Selbst auf die Gefahr hin, dass kaum jemand im Land die Buchstabenkombination XLVIII auf den ersten Blick zu entschlüsseln vermag.

          Das Spektakel, das die NFL entfacht, würde allerdings nicht seit Jahren immer wieder verfangen, gäbe es nicht im Kern eine gigantische Faszination der amerikanischen Sportanhänger für das Spiel selbst. Die Mannschaftssportart, die unter ihrer brutalen Oberfläche ein reizvolles Tauziehen zwischen Machismo und Mathematik, zwischen Schach und Schinderei verbirgt, ist so populär wie keine andere. Das hat zunächst ganz erhebliche kommerzielle Auswirkungen. So erzielt die Liga inzwischen pro Jahr knapp zehn Milliarden Dollar Umsatz, so viel wie keine andere in der Welt. Knapp die Hälfte stammen aus dem Verkauf von Fernsehrechten. Die NFL sei „eine Geldmaschine“, titelte die Website des Magazins „Sports Illustrated“ vor einer Weile. Das Prädikat ist auch deshalb passend, weil die 32 Klubs den größten Teil der Einnahmen ohne irgendwelche Eitelkeiten zu gleichen Tranchen untereinander aufteilen. Die genossenschaftliche Treue zueinander hatte einen nachhaltigen, wenn auch sicher nicht beabsichtigten Effekt: Die Liga wurde ein Musterbeispiel für das Prinzip sportlicher Chancengleichheit. Anders als etwa in der Fußball-Bundesliga gibt es kein Gefälle zwischen reichen und armen Klubs. Was der Hauptgrund dafür ist, dass die letzten zwölf Super-Bowl-Entscheidungen von acht unterschiedlichen Teams gewonnen wurden. Ein Trend, der sich beim Super Bowl XLVIII fortsetzen wird, egal wer gewinnt.

          Diese Abwechslung mag einer der Faktoren für das stetig gewachsene Interesse an der NFL sein. Doch ganz offensichtlich hat der Zuwachs an Sympathie sehr viel mehr Gründe. Denn Football boomt auch außerhalb der Arenen der Profiliga. Neben drei Millionen Amerikanern im Teenageralter, die – hart im Nehmen und Geben – bereits an den High Schools dem körperlich harten Spiel mit dem Lederei nachgehen, zeigt sich quer durchs ganze Land auch an den Universitäten ein ungebrochener Enthusiasmus. In jener gesellschaftlichen Sphäre, in der die Sportart als Abart des Rugby-Spiels einst ihren Anfang nahm, gehen die Football-Gesamtumsätze inzwischen ebenfalls in die Milliarden. Haupteinnahmequelle: Fernsehlizenzen.

          Dabei sein ist alles: Fans der Denver Broncos fotografieren sich am Times Square
          Dabei sein ist alles: Fans der Denver Broncos fotografieren sich am Times Square : Bild: AFP

          So stark die Sportart historisch verankert ist, so verblüffend ist doch dieser unwiderstehliche Aufstieg an die Spitze der Popularitätsskala. Denn es gibt starke Konkurrenz: Baseball, Basketball, Eishockey und zunehmend auch Fußball. Doch tatsächlich liegt der Gezeitenwechsel schon eine Weile zurück. Er begann vor 40 Jahren, als Baseball, einst die unbestrittene Traditionssportart Nummer eins, bei Umfragen ihren Spitzenrang einbüßte. Seit 1985 geht die Schere kontinuierlich auseinander. Nach der letzten demoskopischen Untersuchung ist die NFL für 35 Prozent aller Fans der klare Favorit. Nur noch vierzehn Prozent nennen Major League Baseball als Nummer eins. Addiert man den Umfragewert für College-Football (elf Prozent) dazu, wird die ungebremste Football-Manie noch deutlicher.

          Über die Gründe für den Sympathiezuwachs gibt es unterschiedliche Meinungen. Eine sehr plakative Analyse bot vor ein paar Jahren Mariah Burton Nelson an. Die ehemalige Basketballerin formulierte bereits im Titel ihres Essaybandes die Essenz des Phänomens: „The Stronger Women get, the More Men Love Football“. Die wachsende Rolle von Frauen in der Gesellschaft treibe Männer in ein rituelles Macho-Refugium, in dem Frauen allenfalls als Cheerleader vorkommen. Mag sein. Aber das würde keineswegs den Pendelausschlag weg vom Baseball und hin zum Football erklären. Der hat womöglich mehr mit einem sich ändernden Sinn für die Ästhetik von Mannschaftssportarten zu tun. In seinem vor wenigen Wochen erschienenen Buch „The King of Sports“, das den wachsenden Einfluss von Football auf die amerikanische Gesellschaft und die damit verbundenen, oft verharmlosten negativen Auswirkungen erörtert, gab der Washingtoner Journalist Gregg Easterbrook dazu einen markanten Hinweis. Baseball, ein langsam dahinplätscherndes Spiel, für das die Profis pro Begegnung gut und gerne vier Stunden verplempern, habe besser in eine gemütlichere Zeit gepasst. Football hingegen sei so etwas wie das Spiegelbild einer komplexen Industriegesellschaft mit ihrem Bedarf für eine „choreographierte Zusammenarbeit innerhalb größerer Gruppen“. Nicht etwa demokratische Gruppen, versteht sich, sondern von starken Trainerpersönlichkeiten diktatorisch und widerspruchslos geführte Gruppen, in denen eine männerbündische Fron gepflegt wird. So wie sie der Weinheimer NFL-Profi Markus Kuhn von den New York Giants mal beschrieben hat: „Diesen unglaublichen Einsatz, dieses einfach Füreinander-Da-Sein, zusammen kämpfen, schwitzen, bluten, sich übergeben. Es ist ein brutaler Sport, aber auch ein sehr emotionaler Sport.“

          Auf dem Platz schenken sich die Akteure nichts
          Auf dem Platz schenken sich die Akteure nichts : Bild: AFP

          Viele Betrachtungen verkennen allerdings einen sehr viel simpleren Sachverhalt: Tatsächlich wurde Football von der Liga und den Sendern im Laufe der Jahre zur perfekten Fernsehsportart ausgeformt. Ein Spiel mit vielen Unterbrechungen, in denen sich jedoch mit Hilfe einer Flut von Kameras und gezielten Zeitlupenwiederholungen das Live-Geschehen kontinuierlich nacharbeiten lässt. Vor ein paar Jahren begann man etwa damit, das Spielfeld mit computergenerierten, nur auf dem Schirm sichtbaren Linien auszustatten, die zeigen, wie viele Yards die angreifende Mannschaft noch überwinden muss, um den nächsten ersten Down zu erzielen. So plastisch und situationsgerecht wird Zuschauern in keiner anderen Sportart eine der Kerninfos des Spiels nahegebracht. Obendrein gab man den Schiedsrichtern die Videotechnik an die Hand, um wichtige Entscheidungen noch einmal zu überprüfen. Auf diese Weise werden krasse Fehler vermieden.

          Doch für einen anhaltenden Erfolg gibt es keine Garantie, sagt Buchautor Gregg Easterbrook. Der Grund: die wachsende Sensibilisierung der Öffentlichkeit angesichts massiver gesundheitlicher Langzeitschäden von Footballspielern. Das Risiko droht der NFL nicht unmittelbar, glaubt der Journalist, der für die Onlineseite des Fernsehsenders ESPN eine Football-Kolumne unter dem Titel „Tuesday Morning Quarterback“ schreibt. Denn die Liga scheint wirtschaftlich in der Lage, alle Ansprüche von ehemaligen Spielern bezahlen zu können. „Aber wenn Schulen aufhören, Football zu spielen, weil ihnen das Risiko teurer Schadensersatzprozesse zu groß wird, kann die Profiliga nicht mehr diese für sie kostenlose Jugendarbeit in Anspruch nehmen. Von dort droht die größte Gefahr.“

          Geldmaschine und „Super Bowlitis“

          Der Super Bowl ist die kommerziell erfolgreichste Einzelsportveranstaltung der Welt. Ein 30-Sekunden-Werbespot kostet während des Finales in diesem Jahr fast vier Millionen Dollar. Zum Vergleich: Im Jahr 1967 waren nur 42.000 Dollar fällig. Die Firmen produzieren ihre oft aufwendigen Werbungen eigens für diesen Tag. Vergangenes Jahr wurden 70 Videos während der Werbepausen abgespielt.

          Angeblich schalten 30 Prozent der Super-Bowl-Zuschauer den Fernseher sogar nur wegen der Werbung an. Die Reichweite ist enorm. Im vergangenen Jahr sahen weltweit rund 800 Millionen Menschen das Finale – 150 Millionen davon waren Amerikaner. In den Top 10 der TV-Übertragungen mit den meisten Zuschauern in den Vereinigten Staaten finden sich neun Super-Bowl-Spiele.

          Ein Bomben-Geschäft macht auch die Nahrungsmittelindustrie. Etwa 50 Millionen Dollar werden am Super-Bowl-Sonntag für Lebensmittel ausgegeben. Für die Konzerne ist es somit nach Thanksgiving der zweitwichtigste Tag im Jahr. Pizza-Lieferdienste machen ein Drittel ihres Jahresumsatzes am Tag des Super Bowl. Auch der Bierkonsum ist gewaltig: 120 Millionen Liter werden getrunken. Die Nebenwirkungen: Etwa 20 Prozent mehr Kopfschmerztabletten werden am Montag nach dem Finale verkauft, und sechs Prozent mehr Amerikaner als üblich melden sich krank. In den Vereinigten Staaten hat die Malaise nach dem großen Finale sogar einen Namen: „Super Bowlitis“.

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