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WM-Gold für Florian Wellbrock : Härter, stärker, Weltmeister

  • -Aktualisiert am

„Unbeschreiblich. Ich brauche, glaube ich, erstmal ein bisschen dafür“: Florian Wellbrock Bild: Reuters

Florian Wellbrock holt als erster Schwimmer der Welt sowohl im Freiwasser als auch im Becken eine Goldmedaille bei einer WM. Sein Titel über 1500 Meter Freistil ist ein bemerkenswertes Comeback.

          Als die Flagge hochgezogen, als die deutsche Hymne gespielt wurde und Florian Wellbrock bewegt ins Halbrund der Schwimmarena zu Gwangju schaute, da musste er doch einmal schlucken. Sein Fabelrennen war zwar schon eine Weile vorbei, er durfte sich bereits rund eine Dreiviertelstunde Weltmeister über 1500 Meter Freistil nennen, hatte bereits an vielen Interview-Stationen auf Deutsch und Englisch zu erklären versucht, wie er sich fühle. Doch angekommen war dieser WM-Erfolg wohl erst, als er dort stand, ganz oben auf dem Podest, dort, wo der Weltmeister in Szene gesetzt wird.

          Wellbrock hat zum Abschluss dieser Schwimm-WM Gold gewonnen. Das allein ist schon eine starke Leistung. Es ist das erste WM-Gold für die deutschen Beckenschwimmer seit Marco Koch 2015, das erste auf den 1500 Metern seit Jörg Hoffmann anno 1991. Doch mit diesem Erfolg hat Wellbrock auch international Schwimm-Geschichte geschrieben: Als erster Schwimmer, der bei einer WM im Freiwasser und im Becken Gold gewinnen konnte. Und diese Geschichte hat alles, was eine gute Sportstory braucht. Es geht um große Hoffnungen, goldene Momente, deprimierende Rückschläge und eine triumphale Genugtuung.

          Es war ein packender Krimi, dieses 1500-Meter-Rennen. Zwar waren Wellbrock, Gregorio Paltrinieri und Mykhailo Romanchuk früh davongezogen, die Medaillen schon nach 500 Metern vergeben. Doch auf den Bahnen drei, vier und fünf lieferten sich die drei schnellsten Langstreckenschwimmer einen 30 Bahnen andauernden Kampf. Schulter an Schulter zogen sie auf und ab, stets nur um Hundertstel an den Wenden getrennt. Dabei galt es für Wellbrock zunächst, an Paltrinieri dranzubleiben. „Ich wusste, dass er schnell angehen würde, weil er hinten raus nicht der Schnellste ist“, sagte Wellbrock später. Meist hatte der Olympiasieger als Erster die Füße an der Wand, manchmal auch Wellbrock. Als Paltrinieri dann nach 800 Metern abermals das Tempo verschärfte, „tat es ganz schön weh“. Doch Wellbrock zog nach. 250 Meter vor Schluss spürte er dann, dass er noch Reserven hat, wusste gleichzeitig, dass er auf den letzten 100 Metern zu den Schnellsten im Feld gehört. „Und dann hieß es: hinten raus der Härteste und der Stärkste sein.“

          Und so war es Wellbrock, der sich nach 14:36,54 Minuten auf die Trennleine schwang und sich feiern ließ. Romanchuk wurde Zweiter, Titelverteidiger Paltrinieri musste sich mit Bronze begnügen. Wellbrock war in diesem Jahr angetreten, um zu beweisen, dass sich ein ohnehin selten erprobter Doppelstart zwischen Freiwasser und Becken auch erfolgreich meistern lässt. Und die Mission hatte vielversprechend begonnen. Über die olympischen zehn Kilometer sicherte sich der Mageburger im Hafenbecken von Yeosu mit einer überzeugenden Vorstellung Gold, einen Startplatz für Tokio 2020 inklusive.

          Doch da war eben auch dieser 800-Meter-Vorlauf, den Wellbrock fünf Tage vor diesem 1500-Meter-Finale mit zehn Sekunden über seiner Bestzeit als Gesamt-17. beendet hatte. Ein erstaunlicher Einbruch, der alle Beteiligten rätselnd zurückgelassen hatte. Von Wellbrock selbst war nur übermittelt worden, er sei „ein bisschen verzweifelt“. Glaubt man Trainer und Schwimmer, dann hatte körperlich zuvor nichts darauf hingedeutet, dass Wellbrock so abfallen würde. Die Trainingsergebnisse seien positiv gewesen, zwei Tage vor dem Start habe Wellbrock noch eine Serie im Wettkampfbecken geschwommen, „die sehr gut lief“, wie er selbst später sagte, auch beim Einschwimmen habe er einen starken Eindruck gemacht, sagte Trainer Bernd Berkhahn.

          „Ich konnte das cool über die Bühne bringen“

          War also eher der Kopf das Problem? Das zumindest deutete Berkhahn an, als er sagte: „Für ihn ist das eine komplett neue Rolle. Hier ist er der Hoffnungsträger, soll das deutsche Schwimmen retten. Da muss ein 21-Jähriger erst mal mit klarkommen.“ So wurde in den Tagen nach dem 800-Meter-Aus viel getan, um Wellbrock das üblicherweise durchaus ausgeprägte Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiederzugeben.

          Und tatsächlich wirkte Wellbrock nach dem 1500-Meter-Vorlauf wieder wie der selbstbewusste Freiwasser-Weltmeister, der zum Beginn der Beckenwoche bei einem Sponsorentermin noch locker mit Paltrinieri scherzte. Nachdem er sich mit der zweitschnellsten Zeit hinter dem Italiener souverän für den Endlauf qualifiziert hatte, gab er locker zu Protokoll: „Dass Paltrinieri irgendwann wegschwimmt und mehr Druck macht als nötig, das wusste ich. Dann konnte ich das cool über die Bühne bringen hinten raus.“ Und so, wie für seinen Trainer bei den 800 Metern bereits auf der ersten Bahn sichtbar war, dass das ein verkorkster Vorlauf werden würde, so viel besser glitt Wellbrock über die 1500 Meter durchs Wasser. Zwar sei der Tag des Vorlauf-Aus „kopfmäßig“ schon schwer gewesen, gab Wellbrock zu. „Dann habe ich eine Nacht drüber geschlafen, das Buch zugemacht – und jetzt wird neu geschrieben.“ Und es wurde eine Geschichte, die gerade wegen dieses Rückschlags so beeindruckt.

          „Deswegen war das schon ’ne starke Nummer“

          Für Wellbrock war es zudem eine Genugtuung, all jenen, die in den sozialen Medien bereits an dem Erfolg seines mutigen Ansinnens gezweifelt hatten, zeigen zu können, „dass ich auf großer Bühne schwimmen kann“. Diese große Bühne, dort gehört er hin, das hatte Wellbrock schon früh beschlossen. Er genießt die Anerkennung der Kollegen, dass er akzeptiert wird unter den Großen seines Sports. Doch sosehr sich Wellbrock auch oft hart an der Grenze zur Arroganz bewegt, so überraschend fängt er diesen Eindruck auch gleich mit reflektierten Aussagen wieder ein.

          Gold im Freiwasser, Tiefschlag über 800 Meter, aufgestanden, wieder Gold geholt. Wie ihm dieses Comeback gelungen sei? Das wusste er selbst nicht genau zu sagen. Was er aber wusste, war, dass ihm dadurch Historisches gelungen war. „Deswegen“, sagte Wellbrock später, „deswegen war das schon ’ne starke Nummer.“

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