https://www.faz.net/-gtl-82373

Schwimm-Meisterschaft : Terence Hill als neue deutsche Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Gestatten, Terence Hill: Bei den Schwimm-Meisterschaften trat er als Florian Vogel an Bild: dpa

Die Deutsche Schwimm-Meisterschaft macht Mut für die Zukunft. Ein Hoffnungsträger ist Florian Vogel. Er trainiert mit Paul Biedermann, kann ziemlich frech sein – doch manchmal braucht er unerwartet Hilfe.

          3 Min.

          Ziehen, zielen, feuern - so gebärdete sich Florian Vogel nach seinem Sieg über 800 Meter Freistil bei den deutschen Meisterschaften in Berlin. Schließlich musste der schmale Zwanzigjährige doch seinem Spitznamen Terence Hill Ehre machen. Sein Bud Spencer: Muskelpaket Paul Biedermann.

          Als Nutznießer des Aufbauprojekts, das der strauchelnde Deutsche Schwimmverband (DSV) ins Leben gerufen hat, trainiert der junge Nachwuchssportler mit dem Spitzenschwimmer für die lange Freistilstaffel. Er schaut zu ihm auf, das hört man aus jedem Satz. „Mit einem Weltrekordler trainieren, was will man mehr“, sagte der Münchner, der ziemlich frech sein kann, aber auch nervös.

          Im vergangenen Jahr vor seinem ersten Start bei einer Europameisterschaft soll er so gezittert haben, dass ihm der Bundestrainer die Badehose zubinden musste. Hat er jedoch erst die Erwartungen an sich selbst erfüllt, wie nach den Titelgewinnen über 400 und 800 Meter Freistil, hört man ihn auch mal frotzeln: „Ich hoffe doch, dass Paul sich das angeschaut hat!“

          Schließlich war Vogel über 400 Meter in 3:46,53 schneller geschwommen als Biedermann, der sich in Berlin auf die kurzen Kraulstrecken konzentrierte, bei dessen Sieg im vergangenen Jahr (3:47,89). „Die letzten Meter bin ich mit einem Lächeln geschwommen“, sagte Vogel.

          Und das ist Bud Spencer, besser bekannt auch als Paul Biedermann
          Und das ist Bud Spencer, besser bekannt auch als Paul Biedermann : Bild: dpa

          Nicht nur Vogel hob ab. Die deutschen Meisterschaften als erste Etappe auf dem Weg zur WM im Sommer in Kasan (Russland) begannen so ermutigend wie lange nicht mehr. Biedermann schwomm über 200 Meter Freistil in 1:46,50 Minuten Weltjahresbestzeit. Und die junge zweite Reihe zeigte Stärke. Die Strukturreform, die Bundestrainer Henning Lambertz nach den medaillenlosen Spielen von London mit eingeleitet hatte, scheint Früchte zu tragen.

          So schwang sich gleich zu Beginn der zwanzigjährige Jacob Heidtmann mit der weltweit zweitbesten Zeit des Jahres zum Sieger über 400 Meter Lagen auf. Im Sog des Hamburgers blieb der erst 15 Jahre alte Johannes Hintze unter der WM-Norm und war fast so schnell wie ein gewisser Michael Phelps im selben Alter - ein Vergleich, den in seinem Umfeld niemand gern hört. „Wir bauen ihn behutsam auf“, sagte sein Trainer Norbert Warnatzsch.

          „WM-Norm hätte selbst mit Fieber drin sein müssen“

          Insgesamt acht Normerfüllungen hatte Lambertz nach Tag eins auf seiner Liste. Doch nach dem starken Start brachen die Leistungen ein: Denn ausgerechnet die jungen Wilden, die bei der Heim-EM noch so viel Spaß gemacht hatten, stießen sich ordentlich die Nase an den für sie eigentlich machbaren WM-Hürden über ihre Paradestrecken.

          Der forsche Christian Diener, 21 Jahre alt, der im vergangenen Jahr bei den Europameisterschaften Zweiter war, hatte sich über 200 Meter Rücken taktisch verpokert. Und Philip Heintz, 24 Jahre, der bei der EM über 200 Meter Lagen ebenfalls eine Silbermedaille holte, war nach dem Finale über seine Paradedisziplin die Enttäuschung anzumerken. Fieber habe er noch kurz vor den deutschen Meisterschaften gehabt, sagte er. Aber auch: „Die WM-Norm hätte selbst mit Fieber drin sein müssen.“

          „Das ist natürlich sehr ärgerlich, gerade bei den beiden, die wir alle so euphorisch auf der Liste hatten“, befand auch Lambertz. Der strikte Bundestrainer sieht zudem „keinen Spielraum“, um diese beiden über die WM-Hürde zu heben. Er lenkte den Fokus lieber schnell auf das, was danach kam - die Frauen auf den langen Distanzen.

          Mit der starken deutschen Meisterin Isabelle Härle, 27 Jahre, kraulten auch die zwanzigjährige Sarah Köhler und die siebzehnjährige Leonie Antonia Beck über 1500 Meter in die Top fünf der Weltrangliste. Angesichts der übrigen überzeugenden Leistungen spreche dieses Ergebnis „vor allem für die Langstrecken, wo wir offenbar gut trainiert und die Defizite der vergangenen Jahre aufgeholt haben.“

          Keine zu hohen Erwartungen bei der WM

          Und die Etablierten, jene Schwimmer im Eliteteam, auf die der DSV seine Medaillenhoffnungen bauen muss, bis der Neustart die erhoffte Rückkehr in die Weltspitze möglich macht? Sie waren entweder krank, wie der Olympia-Vierte Steffen Deibler, oder hielten sich bedeckt. Denn Biedermann und auch Brust-Europameister Marco Koch sind bereits für die Weltmeisterschaft vornominiert, mussten sich in Berlin also nicht allzu sehr strecken. Der selbstbewusste Vogel, Biedermanns Zeit über 200 Meter, ein hoffnungsvoller Teenager, dazu einige vielversprechende Auftritte des Perspektivteams, aus dem die Medaillenkandidaten für Tokio 2020 kommen sollen - es gab Lichtblicke in Berlin.

          Lambertz, der insgesamt „sehr, sehr zufrieden“ war, warnt nach „ordentlichen“ Europameisterschaften vor zu hohen Erwartungen für die Weltmeisterschaften. Dort steigt die starke Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten, Australien, China oder Brasilien in den Kampf ein: „Die Leistungen, die bei der EM zu sechs Medaillen gereicht haben, hätten bei einer WM nur zu einer gereicht“, sagte der 44 Jahre alte Trainer. „Für Kasan hoffen wir auf zwei bis vier Medaillen.“ Und das wären immerhin ein bis drei mehr als bei der WM 2013 in Barcelona.

          Weitere Themen

          Kaviar statt Butterbrot

          Hanks Welt : Kaviar statt Butterbrot

          Es gibt Zeitgenossen, die uns einreden wollen, wir dürften jetzt nicht zurück zur Normalität. Bescheidenheit sei das Gebot der Stunde. Wer das fordert, verfolgt jedoch nur ein Umerziehungsprogramm nach seinen eigenen Normen.

          Das Drama um Christian Eriksen Video-Seite öffnen

          Herzdruckmassage auf dem Platz : Das Drama um Christian Eriksen

          Bei der Begegnung zwischen Dänemark und Finnland war der 29-jährige Christian Eriksen kurz vor Ende der ersten Halbzeit kollabiert. Fans und Spieler zeigten sich fassungslos. Die gute Nachricht: Der Zustand des dänischen Nationalspielers hat sich stabilisiert.

          Topmeldungen

          Auf Tour in Berlin: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet nach seinem Auftritt beim Tag der Deutschen Familienunternehmen

          Bundestagswahl 2021 : CDU will Betriebe steuerlich schonen

          Das Wahlprogramm der Union gewinnt erste Konturen mit einem Belastungsdeckel für Unternehmen. Offen ist, wie Mehrausgaben für Klima und Soziales zur Schuldenbremse passen.
          Eine Schulklasse im Ortsteil Britz in Berlin-Neukölln: Lehrer werden in der Hauptstadt seit 2004 nicht mehr verbeamtet.

          Keine Verbeamtung : Warum viele Lehrer Berlin verlassen

          Seit 2004 werden Lehrer in Berlin nicht mehr verbeamtet. Viele junge Lehrer suchen sich deshalb nach dem Studium einen anderen Arbeitsort. Jetzt schlagen die Schulleiter Alarm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.