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Flensburg besiegt Kiel : Weinhold zu wertvoll für Pfiffe

  • -Aktualisiert am

Die Kieler können schon einmal sehen, was Steffen Weinhold so alles kann Bild: dpa

Steffen Weinhold wechselt im Sommer von Flensburg-Handewitt zum Rivalen nach Kiel. Zuvor aber verhilft er seinem Noch-Klub zum 34:30-Sieg über die künftigen Mitspieler in der Handball-Bundesliga.

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          Normalerweise ist es keine besonders gute Idee, wenn ein Handballspieler seinen Wechsel von der SG Flensburg zum THW Kiel frühzeitig bekanntgibt. Die wilden SG-Fans auf der Stehtribüne in der Flensburger Arena nehmen so etwas persönlich. Wer zum Erzrivalen nach Kiel geht, gilt als Verräter und wird ausgestoßen – sofort. Steffen Weinhold versuchte gar nicht erst, seine Pläne für den nächsten Sommer zu verheimlichen.

          Als sich beide Klubs geeinigt hatten, wurde Ende September ziemlich schmucklos verkündet, dass er ab der nächsten Saison für den THW spielen werde. Das ist ein Verlust für die Flensburger, denn der 27 Jahre alte Profi hat sich in seinem zweiten Jahr an der Förde zu einem der wichtigsten Spieler der SG entwickelt. Weil er gleichermaßen torgefährlich auf der halbrechten Position wie umsichtig als Regisseur auftritt.

          Er selbst war ziemlich überrascht, als er im ersten Heimspiel nach der Wechsel-Verkündigung relativ normal empfangen wurde – kaum ein Pfiff kam von den Rängen. „Das hat mich gefreut“, sagt Weinhold, „ich glaube, die Fans verstehen mich und glauben mir, dass ich bis zum Ende alles für die SG geben werde.“

          Er hatte vor dem Derby am Sonntag auch den richtigen Satz parat gehabt: „Das Spiel ist besonders, weil Flensburg gegen Kiel spielt und nicht, weil ich wechsle.“ Besonders war dann auch die Leistung der SG: Sie gewann 34:30 gegen den bisherigen Tabellenführer aus Kiel und übernahm die Spitze der Handball-Bundesliga wegen eines mehr ausgetragenen Spiels.

          Mit dem Erfolg übernimmt Flensburg-Handewitt vorerst die Tabellenführung
          Mit dem Erfolg übernimmt Flensburg-Handewitt vorerst die Tabellenführung : Bild: dpa

          Weinhold war einer der prägenden Akteure an einem stimmungsvollen Nachmittag. Der THW allerdings blieb weit unter Normalniveau. In Kiel wird eine Planstelle im Rückraum frei, weil sich Christian Zeitz ab Sommer 2014 beim ungarischen Spitzenklub MKB Veszprem versucht.

          Zusammen mit Marko Vujin soll Steffen Weinhold dann das Kieler Rückraumspiel beleben und gestalten. Es ist sein großes Plus, dass er ohne große Reibungsverluste innerhalb einer Partie von rechts in die Mitte wechseln kann. Er sagt: „Für mich ist das kein gravierender Unterschied. Ich schaue mir sowieso alle Gegner an, um zu wissen, was ich als Spielmacher machen muss.“

          „Ein Kernstück der Nationalmannschaft“

          Der gebürtige Fürther Weinhold ist ein typischer Spätstarter. Er kam erst mit 25 Jahren nach Flensburg. Davor pflasterten ein paar Zufälligkeiten seinen Weg zum Stammspieler der deutschen Nationalmannschaft. 2007 ging er aus Erlangen zur HSG Nordhorn, weil dort wegen Finanzsorgen Holger Glandorf verkauft worden war.

          Doch die HSG rutschte in die Insolvenz, und der TV Großwallstadt interessierte sich für Weinhold. In den drei Jahren dort galt der ruhige Profi immer als Verkaufskandidat. Im Sommer 2011, als Flensburg ihn schon einmal wollte, fehlte der SG das nötige Kleingeld.

          Die Kieler schleichen deprimiert aus der Halle
          Die Kieler schleichen deprimiert aus der Halle : Bild: dpa

          So kam Weinhold ablösefrei einen Sommer später. Sehr zur Freude auch von Bundestrainer Martin Heuberger hatte Weinhold keine Anpassungsprobleme an das gehobene Niveau. Ohnehin hält Heuberger sehr viel von ihm: „Steffen Weinhold ist mit seiner Vielseitigkeit ein Kernstück der Nationalmannschaft.“

          Er kann nämlich auch passabel decken. Heuberger schätzt zudem Weinholds Eigenschaft, sich von Widerständen auf dem Parkett nicht einschüchtern zu lassen. Von diesem Spielertyp könnte die DHB-Sieben ruhig ein paar mehr gebrauchen.

          Am liebsten mit dem Fahrrad zum Training

          Unter Trainer Ljubomir Vranjes hat der Spätberufene große Schritte gemacht. Mit seinem Kampfgeist, seinem Mut und seinem guten Auge für den Nebenmann hat er den verletzungsanfälligen Glandorf verdrängt. Weinhold ist ein Kraftpaket, das sich relativ selten mit Wehwehchen herumplagt. Einer, den man lieber als Mit- denn als Gegenspieler hat. Ohne Allüren lebt er sein Leben als Handballprofi, selbst bei Schnee fährt er am liebsten mit dem Fahrrad zum Training.

          Freche Sprüche und dicke Uhren sind nichts für ihn. In Flensburg ist Manager Dierk Schmäschke bis an die Grenzen der finanziellen Möglichkeiten gegangen, um Weinhold zu halten. Dass Kiel mehr bieten kann, ist normal, aber Weinhold argumentierte auch, dass er einfach gern weiterkommen wolle. Ihm ist auch unter den Kieler Stars eine gute Rolle zuzutrauen. Die SG hat in Johan Jakobsen einen Nachfolger aus Schweden unter Vertrag genommen.

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          Gar nicht zufrieden: THW-Trainer Alfred Gislason : Bild: dpa

          Allerdings dürfte der Verlust Weinholds genauso schmerzen wie der Weggang des Kreisläufers Michael Knudsen. Der 35 Jahre alte Däne geht nach neun Jahren zurück in die Heimat, zu Bjerringbro-Silkeborg. Weil auch für den linken Rückraum ein neuer Spieler gesucht wird, kommt auf Vranjes jede Menge Arbeit zu. Er sagt, er könne sowohl Weinhold als auch Knudsen verstehen. Schwer zu verkraften seien die Abgänge trotzdem.

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