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Flandern-Rundfahrt : Glanz, Schmutz – und pure Faszination

Immer in Richtung Himmel: Die Muur von Geraardsbergern ist der berüchtigste Anstieg der Flandern-Rundfahrt Bild: Imago

Zwischen Volksfest, Doping und Heiligtum: Wie jedes Frühjahr zieht die Radsport-Karawane auch diesmal durch Flandern. Fahrern und Zuschauern bietet die Rundfahrt seit jeher ein elektrisierendes Spektakel.

          Delaerestraat 33, Roeselare, Westflandern. Eine gute Adresse, um dem Radsport nahe sein zu können mit allen Sinnen. Ein ungewöhnlicher Ort allerdings: ein Gotteshaus, die Paterskerk. Umfunktioniert zu einer Schatzkammer des Radsports, für eine gewisse Zeit zumindest. Das eigentliche Wielermuseum von Roeselare, nur ein paar Schritte entfernt, wird gerade renoviert. Aber in der Paterskirche, der Ausweichstätte, gibt es keine Berührungsängste, im Gegenteil. Eine prächtige Kulisse für den Radsport und für all das, was er Flandern bedeutet. Der Radrennsport, heißt es hier, ist Religion, Koers is religie. Eine Art Heiligtum, fest verwurzelt in der Region, Lebensinhalt, mythisch verklärt, seit jeher schon.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          „Wir waren die Götter für die Menschen, die einzigen Götter, die sie aus der Nähe sehen konnten und mit denen sie sprechen konnten.“ So hatte einst Briek Schotte geschildert, wie der Radsport in Flandern wahrgenommen wird. Schotte, ein Idol von früher, Schotte, der Eiserne, verehrt für sein Geschick, Widerständen zu trotzen auf dem Rad, ein Liebling der Massen.

          Ein Monument des Radsports

          Und nun zieht die Karawane wieder durch Flandern, und vielleicht ist tatsächlich nirgendwo anders die Hingabe an den Radsport so groß wie in dieser belgischen Provinz. Ein Hotspot, ein heißes Pflaster, das war in der vergangenen Woche so, das setzt sich jetzt fort bis zum kommenden Sonntag, bis zum Höhepunkt der Radsport-Feiertage, bis zur Flandern-Rundfahrt. Vlaanderens Mooiste! Flanderns Feinste! Ein Monument des Radsports, schaurig-schön. Mit schmalen, holprigen Wegen, engen Kurven, ruppigen Anstiegen, und manche sagen, diese Ronde sei noch anspruchsvoller als Paris–Roubaix, die Königin der Klassiker.

          In der Paterskerk ist zu lesen: „Für viele ein Leidensweg. Nur einer erreicht das Allerhöchste und wird in den Himmel gehoben. Auf dieses Hochamt des flämischen Radsportjahres haben sie sich monatelang vorbereitet. Mit Enthaltsamkeit und Mäßigkeit als heiligem Kanon. Mit Training als Dogma.“ Und mit Rennen, deren Namen wie Poesie anmuten: Omloop Het Nieuwsblad, Driedaagse van West-Vlaanderen, Dwars door Vlaanderen, E3 Harelbeke sowie Gent-Wevelgem, wo es am Sonntag einen einheimischen Erfolg durch Olympiasieger Greg van Avermaet gab.

          Radsport ist Religion – sagen die Flamen: Dazu gehören Epo als Espresso und Bier mit Kopfsteinplaster-Motiv. Verboten ist das nicht. Bilderstrecke

          Volksfeste mit Bier und Fritten, Hamburgern und Zwiebeln. Mit Zuschauern, die bodenständige Vehemenz ausstrahlen. Mit beleibten Männern, die Haartolle tragen und auf Stumpen kauen und in der Nähe des Ziels vor Tafeln palavern, auf denen die Wettquoten notiert sind. Sie haben Glück, dass in diesen Tagen die Sonne scheint und sich nicht das Grauen über sie ergießt. Aber es ist frisch und windig, ein Terrain für harte Burschen. „Spezielle Rennen“, sagt Torsten Schmidt, Sportlicher Leiter beim Team Katjuscha-Alpecin, „dafür muss man eigentlich geboren sein.“ Um das Rauhe ertragen zu können, das Unwirtliche, die Hellingen, wie die gefürchteten Hügel genannt werden, oder die Kasseistroken, die Rüttelpisten. All das summiert sich zu einem einzigartigen Spektakel.

          „Immer Action“, sagt Schmidt, „hier ist Männersport.“ Er ist in seiner Mannschaft, bei der neuerdings Tony Martin unter Vertrag steht, zuständig für die Flandern-Wochen, und er weiß genau, dass sich auf diesen Strecken ein unvergleichliches Schauspiel entzündet, immer wieder. In Frankreich, sagt Schmidt, sei der Radsport zwar ebenfalls Volkssport, „aber in Belgien ist er das absolute Nonplusultra“. In Flandern vor allem, dessen Wappentier der Löwe ist und für das auch der Radsport ein Mittel war, um Identifikation und Kultur zu schaffen und sich gegen die Wallonen zu behaupten.

          Die Ronde, das populärste Radrennen Belgiens, findet am kommenden Sonntag zum 101. Mal statt. Nicht ohne Misstöne, weil es nicht mehr in Brügge gestartet wird, sondern nun in Antwerpen. Mancher der Traditionalisten rümpft die Nase. Antwerpen? Ausland für uns! Und gleich noch der Hinweis, dass die Verlegung rein kommerziell begründet sei. Aber sei’s drum: Die Ronde löst trotzdem wieder ein Fieber aus. Manifestiert auch in der „Radsport-Bibel“ der Paterskerk: „Das Publikum wird in der heiligen Woche davor nahezu ekstatisch. Die Fans feiern während der Rundfahrt ihre Eucharistie im Freien.“

          Überhöhung und Übertreibung aus tiefster Überzeugung. Der Radsport hat Flandern groß gemacht, und umgekehrt gilt das auch. Aber vom Radsport in diesem Land geht auch eine zerstörerische Wirkung aus, eine Kette von Betrügereien und Manipulationen, dunkle Momente. Belgien bietet eine Menge in dieser Hinsicht, den Pot belge zum Beispiel, einen explosiven Doping-Cocktail, der vor der Epo-Ära Leistungsbereitschaft und Leidensfähigkeit steigerte; etliche Todesfälle im Radsport werden mit ihm in Verbindung gebracht. Eddy Merckx, der „Kannibale“, der in der Paterskerk sozusagen auf den Altar gehoben worden ist, wie eine Erleuchtung, war bereits vor seinem ersten Tour-Sieg auffällig geworden: verbotene Beschleuniger.

          Einer, der ebenfalls ein belgischer Held hätte werden können, Frank Vandenbroucke, als James Dean des Radsports gepriesen, starb im Alter von 34 Jahren an einer Lungenembolie; bei der Autopsie wurde jahrelanger Drogenkonsum festgestellt. Ein Belgier, der Masseur Willy Voet, hatte 1998, kurz vor der Tour de France, den Festina-Skandal ausgelöst. Sein Landsmann Johan Bruyneel betreute den texanischen Über-Doper Lance Armstrong, und belgische Fachkräfte, Walter Godefroot und Rudy Pevenage, begleiteten den Aufstieg und den Absturz des Rostockers Jan Ullrich.

          In der Paterskerk von Roeselare ist eine Ecke eingerichtet, in der Doping als Todsünde gegeißelt wird. Mit einem Beichtstuhl, an dem ein schwarzes Trikot mit dem Schriftzug „Armstrong“ hängt. Und vom Band ist zu hören, wie der Amerikaner gegenüber der Moderatorin Oprah Winfrey ein Teilgeständnis ablegt. Im Prinzip aber ist für die Belgier das Übel ein Teil des Faszinierenden, Extreme, die zusammengehören, und nichts kann ihre Liebe zum Radsport wirklich beeinträchtigen. „Doping spielt für uns keine Rolle“, sagt einer der Enthusiasten im Schatten der Paterskerk. Sie wissen, dass der Radsport nicht sauber ist. Und honorieren dennoch, dass er – über den Einsatz unerlaubter Substanzen hinaus – von seinen Protagonisten enorme Anstrengungen erfordert.

          Wer gewinnt, hat das auch verdient!

          Die Glorreichen, die Geschundenen: Wer gewinnt, hat das auch verdient, das ist die Devise. So ist das in Belgien auch bei Johan Museeuw gewesen. Ein unerbittlicher Kämpfer, ganz nach dem Geschmack der Flamen, jeweils dreimal Sieger bei der Flandern-Rundfahrt und bei Paris–Roubaix. Museeuw erhielt dadurch den Ehrentitel „Löwe von Flandern“. Nach seiner Karriere gab er zu, gedopt zu haben. In der Radsport-Kampagne der Paterskerk ist Museeuw dennoch eine zentrale Figur. Wegen der Versöhnung zwischen ihm und den Flamen nach seiner Offenbarung, wegen seiner Triumphe, aber auch wegen einer schweren Verletzung, die als Symbol für die Fährnisse des Radsports dient. Museeuw hatte 1998 bei Paris–Roubaix im Wald von Arenberg bei einem Sturz einen Kniescheibenbruch erlitten – und kehrte doch wieder in den Sattel zurück.

          Geschichten, die Flandern, das sich als das Herz des Radsports fühlt, bewegen und berühren, die tief in seinem Inneren verankert sind. Wo jeder seinen Platz bekommen kann, selbst weithin unbekannte Rennfahrer wie der Ire Matt Brammeier, der bei der Ronde 2015 in dem Dorf Sint-Eloois-Winkel – nach 34 Kilometern – plötzlich einen Sprint hinlegte, als ginge es bereits um alles oder nichts. Später stellte sich heraus, dass sich Brammeier einen besonderen Preis sichern wollte: sein Körpergewicht, mehr als 70 Kilogramm angeblich, in Gerstensaft. Nico Mattan, ein ehemaliger belgischer Profi, hatte ihn für den Schnellsten in Sint-Eloois-Winkel ausgesetzt.

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          Tom Boonen dürfte so etwas am 2. April nicht interessieren. Ein belgischer Heros auf Abschiedstournee: Boonen erlebt seinen letzten Frühling auf dem Rad. Ein einziges Mal noch die Flandern-Rundfahrt, die wieder die berüchtigte Muur von Geraardsbergen beinhaltet, ein letztes Mal die Tortur Paris–Roubaix, dann soll Schluss sein, möglichst noch einmal hoch dekoriert. Auch einer, der nicht immer eine gerade Linie verfolgte. Boonen kam durch mehrere Kokainaffären ins Gerede, seiner Reputation in der Heimat schadete das aber kaum.

          Der flämische Sportminister Philippe Muyters würdigte den schillernden Profi kürzlich mit den Worten: „Er ist zweifellos mit jedem Zentimeter ein Anführer. Wie er Verantwortung übernimmt und seine Meinung sagt, macht ihn zu einem inspirierenden Mann.“ Auf dem Bus seiner Equipe Quick-Step Floors ist ein geteilter Boonen abgebildet. Auf einer Seite in Rennfahrermontur und dreckverschmiert, die andere Hälfte zeigt einen Boonen im Anzug, fein herausgeputzt. Schmutz und Glanz, dicht beieinander. Das ist das Leben, das ist der Radsport, Vergnügen und Verwerfung – eine elektrisierende Mischung, das wird nie anders sein in Flandern. Auch wenn die Paterskerk von Roeselare eines Tages wieder leergeräumt ist von den Zeichen des Kreuzzugs auf Rädern.

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