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Flandern-Rundfahrt : Glanz, Schmutz – und pure Faszination

„Immer Action“, sagt Schmidt, „hier ist Männersport.“ Er ist in seiner Mannschaft, bei der neuerdings Tony Martin unter Vertrag steht, zuständig für die Flandern-Wochen, und er weiß genau, dass sich auf diesen Strecken ein unvergleichliches Schauspiel entzündet, immer wieder. In Frankreich, sagt Schmidt, sei der Radsport zwar ebenfalls Volkssport, „aber in Belgien ist er das absolute Nonplusultra“. In Flandern vor allem, dessen Wappentier der Löwe ist und für das auch der Radsport ein Mittel war, um Identifikation und Kultur zu schaffen und sich gegen die Wallonen zu behaupten.

Die Ronde, das populärste Radrennen Belgiens, findet am kommenden Sonntag zum 101. Mal statt. Nicht ohne Misstöne, weil es nicht mehr in Brügge gestartet wird, sondern nun in Antwerpen. Mancher der Traditionalisten rümpft die Nase. Antwerpen? Ausland für uns! Und gleich noch der Hinweis, dass die Verlegung rein kommerziell begründet sei. Aber sei’s drum: Die Ronde löst trotzdem wieder ein Fieber aus. Manifestiert auch in der „Radsport-Bibel“ der Paterskerk: „Das Publikum wird in der heiligen Woche davor nahezu ekstatisch. Die Fans feiern während der Rundfahrt ihre Eucharistie im Freien.“

Überhöhung und Übertreibung aus tiefster Überzeugung. Der Radsport hat Flandern groß gemacht, und umgekehrt gilt das auch. Aber vom Radsport in diesem Land geht auch eine zerstörerische Wirkung aus, eine Kette von Betrügereien und Manipulationen, dunkle Momente. Belgien bietet eine Menge in dieser Hinsicht, den Pot belge zum Beispiel, einen explosiven Doping-Cocktail, der vor der Epo-Ära Leistungsbereitschaft und Leidensfähigkeit steigerte; etliche Todesfälle im Radsport werden mit ihm in Verbindung gebracht. Eddy Merckx, der „Kannibale“, der in der Paterskerk sozusagen auf den Altar gehoben worden ist, wie eine Erleuchtung, war bereits vor seinem ersten Tour-Sieg auffällig geworden: verbotene Beschleuniger.

Einer, der ebenfalls ein belgischer Held hätte werden können, Frank Vandenbroucke, als James Dean des Radsports gepriesen, starb im Alter von 34 Jahren an einer Lungenembolie; bei der Autopsie wurde jahrelanger Drogenkonsum festgestellt. Ein Belgier, der Masseur Willy Voet, hatte 1998, kurz vor der Tour de France, den Festina-Skandal ausgelöst. Sein Landsmann Johan Bruyneel betreute den texanischen Über-Doper Lance Armstrong, und belgische Fachkräfte, Walter Godefroot und Rudy Pevenage, begleiteten den Aufstieg und den Absturz des Rostockers Jan Ullrich.

In der Paterskerk von Roeselare ist eine Ecke eingerichtet, in der Doping als Todsünde gegeißelt wird. Mit einem Beichtstuhl, an dem ein schwarzes Trikot mit dem Schriftzug „Armstrong“ hängt. Und vom Band ist zu hören, wie der Amerikaner gegenüber der Moderatorin Oprah Winfrey ein Teilgeständnis ablegt. Im Prinzip aber ist für die Belgier das Übel ein Teil des Faszinierenden, Extreme, die zusammengehören, und nichts kann ihre Liebe zum Radsport wirklich beeinträchtigen. „Doping spielt für uns keine Rolle“, sagt einer der Enthusiasten im Schatten der Paterskerk. Sie wissen, dass der Radsport nicht sauber ist. Und honorieren dennoch, dass er – über den Einsatz unerlaubter Substanzen hinaus – von seinen Protagonisten enorme Anstrengungen erfordert.

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