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Fitness-Bootcamps : Anschreien nur auf Wunsch

  • -Aktualisiert am

„Booties“ im Schatten des Bankturms: Von Drill ist wenig zu spüren Bild: Waldner, Amadeus

Bootcamps sind im Fitness-Trend, aber der militärische Drill entpuppt sich als moderates Zirkeltraining. Was im Sportunterricht verhasst war, machen die Teilnehmer jetzt freiwillig – und zahlen dafür viel Geld.

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          Jetzt noch einmal quälen. Corinna, 47 Jahre alt, hat zwei Runden im Bootcamp überstanden, nun geht es in die letzte Wiederholung. 20 Mal Wellen mit dem Seil schlagen, zwischendurch laufen, dann wieder Wellen schlagen. Eine Minute insgesamt. Die braungebrannte Frau mit dem rosa Kopftuch gibt alles. Dann verstummt die Musik aus der kleinen Stereoanlage auf dem Sportplatz am Main in Frankfurt und erlöst sie für einen kurzen Moment. Doch die nächste Station wartet schon. Die Stimme zählt unerbittlich. „Three, Two, One, Zero“, und Corinna springt in die Luft und macht den Hampelmann, hier „Jumping Jack“ genannt.

          Bootcamp, das klingt nach amerikanischem Militärdrill, und da kommt es auch her. Doch das, was eine kleine Gruppe – elf Frauen, ein Mann – an diesem sonnigen Abend auf dem Fußballfeld macht, hat bis auf den Namen nicht mehr viel damit zu tun. Jeroen Pons, ein bulliger Mann mit Wikingerbart, treibt seine „Booties“, wie er sie nennt, an, aber eher auf die sanfte Art. „Corinna, mach den Rücken gerade“, ruft er quer über das Feld. Viel rauher wird der Ton nicht. Pons ist Cheftrainer des „Original Bootcamp“ in Frankfurt, er nennt sich selbst „Headcoach“ und gehört zu den vielen Anbietern von Outdoor Fitness, die in den vergangenen Jahren auf den Sportmarkt gedrängt haben.

          „Original Bootcamp“ wurde von Absolventen der Sporthochschule in Köln gegründet und hat sich mittlerweile über das ganze Land verteilt: Berlin, Osnabrück, Ludwigshafen, München. Professionell aufgezogen, mit englischen Begriffen und edlen Homepages haben sie diese Nische für sich erobert. Weitere Anbieter sind ähnlich aufgestellt, mit vergleichbaren Konzepten und entsprechend wohlklingenden Namen.

          Hoch die Kuhglocke!

          Für Stephan Geisler, Professor für Fitnesswissenschaft an der IST-Hochschule in Düsseldorf, ist Outdoor Fitness keine wirkliche Innovation. „Schon bei Turnvater Jahn gab es einige der Übungen“, sagt er. Zudem quälten sich über Jahrzehnte Schüler durch ein ähnliches Zirkeltraining im Sportunterricht. In jedem guten Sportverein dürfte es noch heute ein ähnliches Angebot geben. „Was früher verhasst war, machen die Menschen jetzt freiwillig und zahlen dafür sogar Geld“, sagt Geisler.

          Und das nicht wenig. Acht Wochen mit je zwei Trainings in der Woche kosten bei „Original Bootcamp“ 175 Euro. Auch bei den anderen Anbietern sind die Tarife ähnlich. Dafür bekommen die Teilnehmer kleine Gruppen und professionelle Trainer, viele davon studierte Sportwissenschaftler. Wer gerne früh aufsteht, kann sich vor der Arbeit mit seiner Gruppe um Viertel vor sieben im Park treffen. Wer lieber nach Feierabend Sport treiben möchte, entscheidet sich für einen Termin um acht Uhr abends. Die Anbieter gehen dorthin, wo die Kunden sie wollen. Trainer Pons weiß, dass seine Stunden viel Geld kosten. „Es kann auch ein Anreiz für die Teilnehmer sein, wirklich bei den Stunden zu erscheinen“, sagt er.

          Gemeinsam stark: Die Gruppe erleichtert das Training Bilderstrecke
          Gemeinsam stark: Die Gruppe erleichtert das Training :

          Die Gruppe von Pons trainiert in der Nähe des Neubaus der Europäischen Zentralbank. Pons trägt ein türkises Shirt mit großem Bootcamp-Aufdruck drauf. Wenn dort bald 4.000 Banker täglich an ihren Schreibtischen sitzen, hat bestimmt der ein oder andere Lust auf ein bisschen Sport zwischendurch, so die Kalkulation von Pons. Doch zunächst muss er seine Gruppe durch die letzten Stationen peitschen. Corinna wuchtet eine Hantel in Form einer Kuhglocke hoch, „Kettle Bell“ genannt, ihr Kopf ist rot, die Kräfte sind langsam am Ende, doch Pons feuert sie an: „Stay strong“, ruft er. Nur wer möchte, wird von Pons wirklich wie beim Militär angeschrien. Manche Anbieter nehmen den militärischen Drill aber durchaus ernst und treiben die Teilnehmer bis an ihre Grenzen.

          Ein tolles Gefühl, wenn man es gemeinsam überstanden hat

          „Wenn es wirklich zu einer Überlastung kommt, ist das natürlich nicht optimal“, sagt Fitnessexperte Geisler. Doch darum geht es den meisten Anbietern auf dem Outdoor-Fitness-Markt nicht. Vielmehr sollen Alternativen zum Training in den Fitnessstudios geboten werden. Weder Geräte noch das Training in einer Halle brauche es nämlich, um fit zu werden, so das Credo. Und für die Anbieter ist es viel günstiger, wenn sie nur ein paar Hütchen besorgen und weder eine Halle anmieten noch teure Geräte anschaffen müssen. Für Sportexperte Geisler ist es grundsätzlich eine positive Entwicklung, wenn die Menschen wieder raus in die Natur gehen. „Sonnenstrahlen sind unglaublich wichtig für den Körper“, sagt er. Auch das Trainieren in einer Gruppe sei gut für die Motivation.

          Denn der Grund für den Erfolg sind natürlich nicht nur die markigen Worten der Trainer und das gute Marketing. Schnell finden sich kleine Gruppen, Freundschaften und eine Gruppendynamik entstehen, die die Teilnehmer antreiben. Darüber hinaus bieten die Trainer den „Booties“ Hilfe bei der Ernährungsumstellung an. Es gibt ein Kochbuch und einen Ernährungsratgeber mit kleinen Aufgaben für jede Woche.

          An dem Ernährungsprogramm hat Corinna kein Interesse. Eigentlich wollte sie sowieso nicht in ein Bootcamp, erst als ihre Nachbarin sie überredet hat, schaute sie sich die Show einmal an. Und fand es dann doch so gut, dass sie dabeigeblieben ist. „Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn man die Stunde gemeinsam überstanden hat“, sagt sie. Stolz klatschen sich alle ab, stellen sich in einen Kreis, klatschen auf die Beine, dann in die Hände und schreien „Bootcamp“ in den Abendhimmel. Nur manchmal, wenn es in Strömen regnet, kommen auch Pons’ Trainingseinheiten dem wahren militärischen Bootcamp nahe.

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