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Halbfinale der Rugby-WM : Englands Kamikaze-Kids

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Geht dahin wo es weh tut: Englands „Siebener“ Sam Underhill Bild: AFP

Seit 12 Jahren wartet England auf einen Sieg gegen die All Blacks. Nun stehen sich die beiden Teams im Halbfinale der Rugby-WM gegenüber. Auf Seiten der Engländer könnten zwei „sehr nette Studenten“ zum entscheidenden Faktor werden.

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          Wenn es gegen die legendären All Blacks geht, dann schwingt bei jeder Rugby-Nationalmannschaft die Wahrnehmung eines nahen Scheiterns gegen einen eigentlich nicht zu bezwingenden Gegner mit. Auch deshalb konnte der englische Trainer Eddie Jones die Aura der All Blacks in den vergangenen Tagen nicht unangetastet lassen. Überraschend erschien er am Dienstag auf einer Pressekonferenz und warf dem Gegner im Halbfinale der Rugby-WM in Japan vor, dass sein Training von den Neuseeländern ausspioniert worden sei. Zudem lästerte er über die neuseeländischen Journalisten; das seien doch nur „Fans mit einer Tastatur“. Und überhaupt liege der Druck vor der Partie an diesem Samstag (9.30 Uhr auf Pro7 Maxx) ohnehin auf den Schultern des Weltmeisters. „Auf uns gibt hier keiner einen Pfifferling“, sagte der Australier mit stechendem Blick: „Aber wir werden das Drehbuch für dieses Match selbst schreiben.“

          Und wer die Helden in dieser Underdog-Geschichte sein sollen, das schienen zumindest die englischen Medien in den vergangenen Tagen ziemlich genau zu wissen. „Jones lässt seine ,Kamikaze-Kids’ von der Leine“ heißt es da: „Sie haben den Auftrag, alles zu vernichten, was schwarz ist und sich bewegt.“ Hinter dem Vergleich mit den berüchtigten japanischen Kampfpiloten verstecken sich der 21-jährige Tom Curry und sein zwei Jahre älterer Partner Sam Underhill. Beide spielen auf der sogenannten „Doppel-Sieben“. Es sind die Spieler, die am flexibelsten auf veränderte Spielsituationen reagieren können. Sie müssen Tackling und Passspiel beherrschen, sind die größten Allrounder auf dem Spielfeld und vor allem die Könige in der sogenannten „Breakdown-Area“. Dort werden die Angreifer getackelt, dort wird gerungen und getreten. Und dort liegt das Königreich von Curry und Underhill.

          Es ist noch kein halbes Jahr her, dass Trainer Eddie Jones dieses Duo Infernale zum ersten Mal in einem Länderspiel aufbot und ihnen prompt ihren mittlerweile berühmten Spitznamen verpasste. Der Presse erklärte er damals: „Wenn sie zupacken, treffen sie alles, was sich bewegt. Außerhalb des Spielfeldes sind die beiden sehr nette Studenten.“

          Trotz ihres jungen Alters haben die beiden schon einige beeindruckende Statistiken vorzuweisen. So liegt zum Beispiel die gemeinsame Erfolgsquote bei den Tacklings bei 90 Prozent, besser waren bei dieser WM nur die „Doppel-Siebener“ der All Blacks, Ardie Savea und Sam Cane. Tom Curry, der nach dem Sieg gegen die Australier im Viertelfinale zum „Man of the Match“ gewählt worden war, ist mit 21 Jahren der jüngste Stürmer, der England jemals bei einer Rugby-Weltmeisterschaft vertreten hat. Und Underhill war vor vier Jahren noch Student in Cardiff, als England sein WM-Auftaktspiel gegen Wales verlor und wenig später aus dem Turnier flog. Jetzt sind Curry und Underhill ein Symbol dafür, was sich in England seit dem beschämenden Vorrunden-Aus bei der Heim-WM geändert hat.

          „Sie machen diesen schmutzigen Job für England“

          Trainer Jones hatte den Posten auch deshalb übernommen, weil die Mannschaft sehr jung war, zahllose Talente hatte und deshalb ideal für die Modellierung zu einem ernsthaften Titelanwärter schien. Eine seiner wichtigsten Entdeckungen sind Curry und Underhill. „Wenn jemand bei einem Rugby-Länderspiel mit Flügelläufen glänzt, dann liegt das oft daran, dass ein anderer Spieler harte Arbeit geleistet hat, die nicht unbedingt besonders gut aussieht“, sagte Jones zur Rolle der beiden: „Sie machen diesen schmutzigen Job für England.“ Den 1,86 Meter großen und 103 Kilogramm schweren Sam Underhill bezeichnete der erfahrene Coach kürzlich als einen der „kämpferischsten Siebener“, die er seit langem gesehen habe. Auch Tom Curry, mit 1,85 Metern und 106 Kilo etwa gleichen Formats, hat schon das ein oder andere außergewöhnliche Kompliment erhalten.

          Doch für beide geht es nun gegen den Weltmeister. Und auch wenn die Auftritte der Engländer bisher überzeugend waren – vor ihnen steht nun ein riesiger Berg an entmutigenden Statistiken. Neuseeland hat 18 WM-Spiele in Folge gewonnen. Gegen England traten sie bisher dreimal an – und gewannen jedes Mal. Der letzte Länderspielsieg Englands gegen die All Blacks liegt schon zwölf Jahre zurück.

          Der Einzige, der also wirklich weiß, wie man die Neuseeländer schlägt ist Jones. Zwischen 2002 und 2005 gewann er als Trainer von Australien fünf von elf Begegnungen gegen den Erzrivalen. „Gegen eigentliche überlegene Artillerie hat sich Jones immer wieder als listiger Scharfschütze erwiesen“, schrieb die Zeitung „Guardian“ über dessen Fähigkeit, die Männer in Schwarz zu überraschen. Und nun bekommt er mit Sicherheit die tatkräftige Unterstützung seiner „Kamikaze-Kids“.

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