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Fifa, Uefa und IOC in der Schweiz : Tiefes Loch in der Korruptionsbekämpfung

Sportkameraden, Leidgenossen: Michel Platini und Sepp Blatter (rechts) Bild: AP

Sportverbände wie die Fifa haben leichtes Spiel in der Schweiz: Sie führen praktisch keine Steuern ab und, noch bedeutender derzeit, sie unterliegen nicht der Gerichtsbarkeit. Angesichts der Skandale ist eine Gesetzesänderung aber notwendig.

          Die Schweiz ist stolz auf ihre Internationalität. Sie sieht sich als Hort der Toleranz und will einen neutralen Boden bieten. Im Sport äußert sich dies in zahlreichen Verbänden, die ihren Sitz in der Alpenrepublik haben, so das Internationale Olympische Komitee (IOC), der Weltfußballverband (Fifa) und die Uefa als dessen Europa-Ableger. Aber die Eidgenossen zahlen einen hohen Preis. Die Sportverbände führen praktisch keine Steuern ab. Und sie regeln die Korruptionsbekämpfung selbst – oder auch nicht. Da stellen sie sich sogar besser als die anderen internationalen Organisationen – allen voran die UN-Gremien in Genf –, bei denen im Fall des Falles die normale Gerichtsbarkeit greift.

          Jürgen Dunsch

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Angesichts der Milliardenbeträge, die im Sport umgesetzt werden, mutet die offizielle Begründung für die Sonderstellung der Verbände schlitzohrig an. Sie seien nicht gewinnorientiert, heißt es. Steuern und ordentliches Geschäftsgebaren landen so in einem schwarzen Loch. Wie schwer sich alle tun, die Missstände in den Sportverbänden ausmisten wollen, hatte sich 2008 gezeigt.

          Geschmierte Fifa-Funktionäre zahlen 5,5 Millionen Franken

          Damals wurde in Zug sechs Managern der einst größten, aber 2001 in Konkurs gegangenen Sportvermarktungsagentur International Sports Media & Marketing (ISMM/ISL) der Prozess gemacht. In dem Strafverfahren ging es nicht zuletzt um ein Schmiergeldsystem der ISMM, von dem auch Fifa-Funktionäre profitiert haben sollen. Im Juli 2008 verhängten die Richter mäßige Geldstrafen gegen drei der Angeklagten für Verfehlungen in Nebenpunkten, und selbst diese wurden zur Bewährung ausgesetzt.

          Der Weltfußballverband als einst größter ISMM-Partner sollte 141.000 Franken zahlen. Der größte Teil davon betraf Kosten für die Ausleuchtung des „Fifa-Komplexes“. Der Verband habe ungenügend kooperiert und die Untersuchungsbehörde in zentralen Punkten falsch informiert, urteilte damals das Gericht. Im Juni dieses Jahres kam es zu einem Nachspiel. In einem Deal mit der Staatsanwaltschaft zahlten geschmierte Fifa-Funktionäre als „Wiedergutmachung“ 5,5 Millionen Franken. Dafür durften sie anonym bleiben und gelten weiter als nicht vorbestraft.

          Fifa und Uefa sehen sich Korruptionsvorwürfen ausgesetzt

          Die Befreiung der Sportverbände vom Schweizer Anti-Korruptions-Gesetz datiert erst aus dem Jahr 2006. „Diese Regelung ist ein großer Fehler“, bekräftigte Anne Schwöbel von Transparency International gegenüber Swissinfo angesichts der jüngsten Vorkommnisse. Sportverbände hätten in der Schweiz allgemein einen sehr großen Freiraum, findet Piermarco Zen-Ruffinen, Experte für Sportrecht an der Universität Neuenburg.

          Nach seinen Worten besteht die einzige Möglichkeit, die Selbstregulierung aufzubrechen, im aktuellen Fifa-Fall (bei dem es um mögliche Korruption im Zusammenhang mit der bevorstehenden Vergabe der WM-Turniere für 2018 und 2022 geht) darin, dass ein nationaler Verband, der sich bei der Vergabe der WM-Rechte übergangen fühlt, vor einem Zivilgericht klagt. Die Fifa hat vergangene Woche insgesamt sechs Funktionäre, darunter zwei Spitzenleute aus ihrer Exekutive, vorläufig suspendiert. Die Uefa, die sich Korruptionsvorwürfen vor dem Hintergrund der EM-Vergabe 2012 an die Ukraine und Polen ausgesetzt sieht, hat noch keine Schritte unternommen.

          Interne Untersuchungen schrumpfen zur Nebensache

          Mark Pieth, Strafrechtsprofessor an der Universität Basel und Leiter der Arbeitsgruppe „Korruption“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), äußert sich ohne Umschweife. Im Strafrecht müsste klargestellt werden, dass auch Sportverbände unter die internationalen Organisationen fallen, bei denen Schweizer Staatsanwälte in Verdachtsfällen von aktiver oder passiver Bestechung von sich aus tätig werden können, fordert er.

          Funktionäre der Fifa würden damit wie Amtsträger behandelt, interne Untersuchungen wie jetzt durch die Ethik-Kommission des Verbandes schrumpften zur Nebensache. Dass die eine oder andere Sportorganisation unter diesen Umständen mit Wegzug droht, müsse man hinnehmen, sagte Pieth im Schweizer Rundfunk.

          Sepp Blatter: „Unsere Gesellschaft ist voller Teufel“

          An dem Sonderstatus der rund fünfzig internationalen Sportverbände in der Schweiz dürfte sich trotz des jüngsten Fifa-Skandals vorerst nicht allzu viel ändern. Das Justizministerium in Bern plant offenbar keine Neuregelung. Das Bundesamt für Sport, das dem Verteidigungsministerium untersteht, hält sich ebenfalls bedeckt. Dessen Direktor Matthias Remund will zunächst einmal eine „breite Analyse“ der Vergabepraktiken in Zürich vornehmen. Wann erste Resultate zur Beratung über das weitere Vorgehen vorliegen könnten, will er nicht abschätzen. Ähnlich äußerte sich Remunds Dienstherr, Verteidigungsminister Ueli Maurer. Bern hält es offenbar lieber mit Fifa-Chef Joseph Blatter und dessen Aussage vor wenigen Tagen: „Unsere Gesellschaft ist voller Teufel, und diese Teufel findet man auch im Fußball.“

          Blatter ließ jetzt über eine Sprecherin ausrichten, eine Gesetzesänderung würde vom Verband und von ihm sicherlich befürwortet. Mehrere Politiker in Bern haben angekündigt, die Regierung zu einer entsprechenden Gesetzesänderung zu drängen. Nichts deutet darauf hin, dass dies mehr als ein Hoffnungsschimmer ist.

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