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Felix Baumgartner : Zwischen Himmel und Hölle

Große Freude nach dem gelungenen Sprung: Felix Baumgartner (l.) mit Art Thompson, dem Technischen Direktor des Projekts Bild: dapd

Felix Baumgartner durchbricht als erster Mensch im freien Fall und ohne technische Hilfsmittel die Schallmauer. Mit seinem spektakulären Sprung aus rund 39.000 Metern Höhe verbessert der österreichische Extremsportler zwei weitere Rekorde.

          Und dann hebt der Ballon wirklich ab. Lange hatten sie gewartet, mehrmals den Start verschoben wegen aufziehenden Windes. Jetzt, um 9.30 Uhr Ortszeit, 17.30 Uhr europäischer Sommerzeit, ist es so weit: In Roswell steigt der schmale Heliumballon mit der Kapsel in die Höhe. Felix Baumgartner, der Österreicher, der zwischen Himmel und Erde Rekorde brechen will, hatte kurz zuvor gesagt, er sei „ausgeruht und bereit zum Start“. Dem Aufstieg mit dem Ballon, für den gut zwei Stunden kalkuliert waren, soll nichts entgegenstehen: Der Himmel ist an diesem Tag frei von allen anderen Flugkörpern, Vögel ausgenommen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Felix Baumgartner schaut auf seine Checkliste, die an einem Fenster hängt. Wenn er hinausschaut, sieht er die Erde, die sich zu drehen scheint, weil sich die Kapsel dreht. Die Erde krümmt sich immer mehr, weil er ihr langsam entrückt.

          In jeder Hinsicht Druck

          Ständig ist er in Kontakt mit Joe Kittinger, der in der Kommandozentrale sitzt. Kittinger, 84 Jahre alt, hat vor 52 Jahren, am 16. August 1960, aus einer Höhe von 31 332 Metern drei Weltrekorde aufgestellt, die noch immer gelten: höchste Ballonfahrt mit offener Gondel, höchste Geschwindigkeit eines Menschen ohne besondere Schutzhülle, längster Fallschirmsprung eines Menschen. Zumindest die beiden letzten Rekorde könnte Baumgartner brechen an diesem schönen Tag. Und noch eine Reminiszenz erlaubt sich der Sponsor „Red Bull“: Genau vor 65 Jahren, am 14. Oktober 1947, hatte der Pilot Chuck Yeager mit einem experimentellen Raketenflugzeug als erster Mensch überhaupt Überschallgeschwindigkeit erreicht. Genau das will nun auch Baumgartner schaffen, aber ohne Flugzeug.

          In dieser Kapsel herrscht also in jeder Hinsicht Druck. Die Stimme von Felix, wie Kittinger ihn nur nennt, klingt etwas unsicher. Oder ist es nur die Entfernung? Die verzerrte Funkübertragung? Die Angst, in der Aufregung die falschen Daten abzulesen und auf die Erde zu melden? „Bitte wiederholen“, mahnt Kittinger einmal. Und Felix wiederholt es. Einmal meint Kittinger erleichtert: „Roger, roger, roger, jawohl!“ Jetzt geht es zwei Stunden lang nach oben, ganz ruhig, ohne Turbulenzen. So sanft ist wohl noch nie ein Abenteurer in die Stratosphäre aufgestiegen.

          Felix Baumgartner, 43 Jahre alt, aus Österreich, ist schon aus 21 800 Metern und aus 29 600 Metern herabgesprungen, zum Test. Jetzt will er noch höher hinaus. Das Ziel liegt 36 Kilometer über der Erde. „Good job“, sagt Joe. Der Ballon driftet, während er aufsteigt, Baumgartner atmet reinen Sauerstoff, fast 10 000 Meter, dann bricht die Übertragung auf der Website zusammen, vielleicht unter den Datenmassen all der perfekten Bilder. Aber n-tv bleibt live dran.

          Joe Kittinger arbeitet die Checklisten ab. Ob das Messer zum Abschneiden des Fallschirms im Notfall an der richtigen Stelle ist, wie er die Sauerstoffschläuche zu verstauen hat, wie er die Nabelschnur löst, wie er auf die Schwelle tritt. „O.K., Felix, das war die Checkliste. Hast Du noch irgendwelche Fragen?“ Ein rotes Licht leuchtet, es scheint Probleme mit der Belüftung seines Visiers zu geben, dann sieht man nur noch die „Mission Control“. Baumgartners Mutter Eva wird eingeblendet, sie lacht. Angeblich ist sie zum ersten Mal außerhalb Europas - noch eine Grenze also, die hiermit überschritten worden ist.

          Eisernes Gesicht - die Mutter weint

          Da der erste Ballon bei einem vorherigen Versuch beschädigt worden war, ist das hier der letzte. Einen weiteren zu besorgen wäre aufwendig und würde wochenlang dauern. Auch das wird den Druck in der Kapsel erhöhen. Auch all die Checks erhöhen die Spannung. Dabei sollen sie Felix Baumgartner wahrscheinlich davon abhalten, in diesem Moment wirklich existentielle Fragen zu stellen.

          Aus einem Hubschrauber wird die Kapsel gefilmt, die schon jenseits von 20.000 Metern ist. Eine Rückblende zeigt, wie sie am Morgen das Helium im Tanklastzug brachten, wie Baumgartner schon vor drei Uhr morgens Ortszeit zum Startplatz kam, zeigt sein eisernes Gesicht, als er festgeschnallt und gesichert wird. Beim Start wird wieder die Mutter gezeigt, wie sie weint und die Hand vor die Sonne hält.

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