https://www.faz.net/-gtl-8g00q

Sieg in Fed-Cup-Relegation : Ein Ritt auf der Rasierklinge

  • -Aktualisiert am

Gruß aus Cluj: Angelique Kerber bleibt mit den deutschen Tennis-Damen erstklassig. Bild: dpa

Emotionen, Gefahr – und am Ende Umarmungen: Die deutschen Tennis-Damen bleiben nach dem Sieg in Rumänien im Fed Cup in der Weltgruppe. Nach der Gala von Kerber gewinnt auch Petkovic ein am Ende nervenaufreibendes Match.

          3 Min.

          Es war ein Wochenende, an dem alle im deutschen Team gefühlt ein Jahr älter wurden. Ein Wochenende voller Emotionen und Gefahr, mit langen, intensiven Umarmungen zum glücklichen Schluss. Zwei Matchbälle wehrte Andrea Petkovic beim Sieg gegen Monica Niculescu ab (0:6, 7:6, 6:3), danach schenkte sie sich einen der wichtigsten Siege ihrer Karriere, und für die Mannschaft war es ein ebenso großes Geschenk wie die beiden Punkte, die Angelique Kerber vorher souverän zum Erfolg beigesteuert hatte. Nach dem Ritt auf der Rasierklinge gegen Rumänien, der vor dem abschließenden Doppel – das Julia Görges und Annika Beck 6:7 (5:7), 7:6 (7:4), 10:7 gegen Irina-Camelia Begu und Alexandra Dulgheru gewannen – feststand, werden die Deutschen auch im kommenden Jahr im Fed Cup in der Weltgruppe spielen.

          Er hatte es in sich, dieser Sonntag in Cluj. Als Barbara Rittners Assistenz-Trainer Dirk Dier am Mittags beim Einspielen mit Andrea Petkovic und Annika Beck Vorhand-Slice spielte, da konnte man ahnen, was das zu bedeuten hatte. Vorhand-Slice ist die Spezialität von Monica Niculescu, und die beherrscht diesen aus der Mode gekommenen Schlag mit bemerkenswerter Effektivität. Im vergangenen Jahr hatte Serena Williams in Indian Wells nur mit Müh und Not gegen die Rumänin gewonnen, und hinterher hatte sie gesagt: „Mein lieber Mann, das war interessant. Sie spielt nie zweimal den gleichen Ball hintereinander. Und diese Vorhand – mal flach, mal hoch. Du findest einfach keinen Rhythmus.“

          Erfahrung der speziellen Art

          Andrea Petkovic hatte diese Erfahrung der speziellen Art schon viermal gemacht, allerdings nicht unter derart erschwerten Umständen wie diesmal in Cluj. Zum einen steckte ihr das lange, harte Match vom Vortag gegen Simona Halep in den Knochen, in dem sie trotz der Niederlage (4:6, 7:6, 4:6) mit aggressiver Spielweise vor allem im Tiebreak und im dritten Satz überzeugt hatte. „Besser so zu verlieren als zu verlieren, weil du mit zu vielen Zweifeln spielst“, hatte sie hinterher gesagt.

          Und sie hatte Simona Halep müde gespielt. Die wirkte am Sonntag gegen Angelique Kerber bei weitem nicht mehr so giftig und dynamisch, Kerber selbst hingegen machte da weiter, wo sie 24 Stunden zuvor beim souveränen Sieg gegen Irina-Camelia Begu aufgehört hatte. Mit druckvollen, langen Bällen und einer spürbaren Portion Entschlossenheit tat sie das, was man sich von einer Nummer eins im Team wünscht und schenkte der Mannschaft zwei Punkte. Nach dem Sieg gegen Simona Halep (6:2, 6:2), dem ersten ihrer Karriere, führte die deutsche Mannschaft 2:1.

          Andrea Petkovic hatte es also in der Hand, mit einem Erfolg gegen Niculescu die Partie zu entscheiden. Was nicht nur wegen der 7500 leidenschaftlichen Zuschauer in der Halle keine Kleinigkeit war. Im Rucksack, den sie trug, steckten die beiden Niederlagen im Fed Cup Anfang Februar in Leipzig gegen die Schweiz (eine im Einzel, eine im Doppel) und die Niederlage im entscheidenden Doppel vor einem Jahr im Halbfinale gegen Russland.

          Und dann dieser erste Satz. Niculescu, Nummer 31 der Welt, zeigte, dass sie nicht nur eine trickreiche, unberechenbare Gegnerin ist, sie spielte auch perfekt mit dem Publikum. Und wer so was kann, der hat in den heißen Gefühlswelten der Mannschaftswettbewerbe einen Vorteil. Sie erwischte im Gegensatz zu Petkovic einen perfekten Start, die Zuschauer skandierten „Mo-ni-ca, Mo-ni-ca“, die Rufe wurden laut und lauter, und obwohl sie nie unfair waren, wirkten sie doch immer bedrohlicher.

          Geht doch: Andrea Petkovic gewinnt nach hartem Kampf Bilderstrecke

          In 29 Minuten gewann sie den ersten Satz 6:0, und falls die Aufgabe für Petkovic bis dahin nicht schon schwer genug gewesen war – jetzt wog der Rucksack 30 Kilo. Aber sie ließ sich von diesem Gewicht nicht in den Abgrund reißen, und im Moment der größten Gefahr spielte sie genau so, wie sie es am Tag zuvor gesagt hatte: aggressiv, ohne Rücksicht auf Verluste. Mit einem knallharten Return wehrte sie bei Stand von 5:6 Niculescus ersten Matchball ab, mit druckvollem Spiel erzwang sie einen Fehler der Rumänin beim zweiten, glich zum 6:6 aus und gewann den Satz im Tiebreak.

          Bis zum Schluss wogte die Partie hin und her, und jedem Aufschlagverlust von Niculescu folgte einer von Petkovic, doch die ließ sich nicht entmutigen und griff schließlich zu. Mit der Ahnung, dass es diesmal nach diversen Rückschlägen im Fed Cup in diesem und im vergangenen Jahr endlich wieder zu einem Sieg gereicht hatte, sah sie den letzten Ball ihrer Gegnerin ins Aus fliegen. Danach sank sie auf die Knie und kauerte eine ganze Weile am Boden. Geschafft, angekommen.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Weitere Themen

          England und Ronaldo in Torlaune

          EM-Qualifikation : England und Ronaldo in Torlaune

          Im 1000. Länderspiel schießt sich England in einen Torrausch und sichert sich mit einem 7:0 die EM-Quali. Bei Portugal beweist Cristiano Ronaldo zwar ebenfalls seinen Torinstinkt – für das EM-Ticket reicht es aber noch nicht.

          Federer wirft Djokovic raus

          ATP-Finals in London : Federer wirft Djokovic raus

          Erstmals seit 2015 gelingt Roger Federer gegen den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic ein Sieg. Vor ausverkauftem Haus liefern sich die Tennis-Schwergewichte ein packendes Duell bis zum letzten Ballwechsel.

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.
          Der Stoff, aus dem sich viel mehr als eine leckere Suppe kochen lässt: Hokkaido-Kürbis

          Leckeres aus Kürbis kochen : Hitze tut ihm richtig gut

          Die Kürbissaison ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber was anstellen mit den Riesenbeeren? Köche sagen: in den Ofen schieben. Wir stellen ein Rezept von Johann Lafer vor und eines, das auf Paul Bocuse zurückgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.