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Der Trotz des Max Hartung : „Dickes Tape und ein bisschen Spucke“

Engarde: Säbelfechter Max Hartung (rechts) ist bereit für die EM. Bild: dpa

Angeschlagen in den Wettkampf: Im Eifer der EM-Gefechte will Max Hartung seine Fußverletzung vergessen. Denn für die Zukunft hat er einen ganz bestimmten Plan.

          Ein, zwei Schritte rückwärts im Trainings-Gefecht, über den hinteren Fuß gestürzt und auf den Hintern gefallen. Was zunächst nur etwas tapsig aussah, hatte schmerzhafte Folgen für Säbelfechter Max Hartung: Eine Kapsel im Sprunggelenk seines linken Fußes ist eingerissen. Sieben Tage Trainingspause. Alles andere als optimal für den Kämpfer aus Dormagen vor der Heim-Europameisterschaft in Düsseldorf, die am Montag begann und bei der Hartung als doppelter Medaillenkandidat gilt.

          Zunächst gilt es für ihn, an diesem Mittwoch seinen 2017 gewonnenen und 2018 bestätigten EM-Titel abermals zu verteidigen. Zudem ist er gemeinsam mit seinen Dormagener Teamkollegen Favorit auf den Mannschafts-Titel. „Derzeit bin ich mehr beim Physio als auf der Planche“, räumte der 29-Jährige allerdings wenige Tage vor der EM ein. „Die Vorbereitung ist nicht optimal.“ Andererseits glaubt er, erfahren genug zu sein, die Fehlzeiten kompensieren zu können. „Fechten ist vielschichtig“, so Hartung. „Dickes Tape und bisschen Spucke, dazu Adrenalin im Wettkampf und die Schmerzen sind weg“, so überspielt er das Problem pragmatisch.

          Trotz des Missgeschicks kann er bis jetzt auf eine sehr gute Saison zurückblicken. Die Weltcup-Turniere in Budapest und Madrid hat Hartung gewonnen. In Warschau, Padua, Seoul und zuletzt in Moskau wurde er jeweils Dritter. In der Weltrangliste seiner Waffengattung hat er sich auf den zweiten Platz nach vorne geschoben. „Ich habe das Fechten bisher richtig genossen: Alle zwei, drei Wochen auf höchstem Level zu kämpfen“ – das sei es, was ihn antreibe. Sich messen mit den Besten. Seine Fähigkeiten unter Hochdruck abrufen können. Kühlen Kopf bewahren. Möglichst erfolgreich aus den Gefechten hervorgehen.

          Fechter schauen zu ihm auf

          Das Olympia-Qualifikations-Ranking für 2020 führt Max Hartung bereits an. Doch mit der verfrühten Frage nach den Tokio-Spielen kann er nicht viel anfangen. „Leistungssport ist etwas, das regelmäßig stattfindet“, sagt er. „Natürlich ist ein Olympiasieg eine großartige Leistung. Aber für mich bedeutet Olympia nicht das einzige Kriterium.“ Sich über lange Zeit oben zu halten, im Weltcup erfolgreich zu sein – das zähle für ihn, den Sportler, mehr als für Medien und Öffentlichkeit, die sich stark, seines Erachtens zu stark, auf singuläre Ereignisse konzentrierten.

          Schon das tägliche Training mit seinen „Waffenbrüdern“ Benedikt Wagner und Matyas Szabo unter Bundestrainer Vilmos Szabo in Dormagen genießt Hartung. Als „großes Vorbild“ nennt er Nicolas Limbach; nicht etwa, weil der 2009 Weltmeister wurde, sondern weil Limbach „über Jahre hinweg an der Spitze der Weltrangliste stand“. Von ihm habe er in Dormagen im Alltag jede Menge Lektionen erhalten, sehr viel lernen können – auch „wenn Nico nie Olympiagold gewonnen hat“.

          Aktuell ist Max Hartung derjenige, zu dem Fechter aufschauen. Dank einiger Erfolge, aber nicht zuletzt auch, weil er jenseits der Planche Gefechte mit den Mächtigen wagt. Als Athletensprecher des Deutschen Fechter Bundes und im Deutschen Olympischen Sportbund sowie als Gründer der Vereinigung Athleten Deutschland e.V. kämpft er für die Rechte der Sportler sowie ihre Absicherung – jenseits der Umwegfinanzierung über Bundeswehr, Zoll oder Polizei. Zudem verlangt er eine angemessene Beteiligung der Olympiateilnehmer an den Gewinnen, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit den Spielen erzielt.

          Termine, Sportarten, Medaillen: Olympia-Zeitplan 2020 in Tokio

          Dabei fordert er auch schon mal den ehemaligen Florettfechter Thomas Bach in dessen Eigenschaft als IOC-Präsident zum Duell der Argumente auf. Zuletzt hat sich Hartung allerdings etwas aus dem sportstrategischen Geschäft zurückgezogen, forciert mit knapp 30 Jahren seine eigene Wettkampf-Karriere noch einmal stärker. Seit er nicht mehr ganz so viele Präsidiumssitzungen besucht, nicht mehr ganz so oft „in Konferenzen Kuchen isst“, wie er sagt, hat sich sein sportlicher Erfolg signifikant gesteigert. „Die größere Fokussierung ist ein Vorteil“, sagte Hartung. Der Faktor Zeit spricht sogar doppelt für ihn, da er auch sein Politik-, Wirtschafts- und Soziologie-Studium abgeschlossen hat – und jetzt neben dem Training auch mal Zeit für Yoga hat und regelmäßige Physiotherapie hat.

          Bleibt die Sache mit der Kapselverletzung. Doch trotz eingeschränkter Vorbereitung geht Hartung die EM optimistisch an: „Ein großes Highlight“ nennt er die Meisterschaft in der Düsseldorfer Messehalle: „Ich freue mich, da aufzutreten.“ Titelkämpfe in Deutschland, noch dazu vor seiner Haustür, das entspricht dem Geschmack des Rheinländers: „Ich will die Gefechte genießen, die Leute mit meinem Sport unterhalten – und am Ende auf dem Treppchen stehen.“

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