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Fecht-WM : Tanz auf dem Vulkan

  • -Aktualisiert am

Sein Ziel ist London: Jörg Fiedler Bild: picture alliance / dpa

Degenfechter Jörg Fiedler kämpft bei der WM in Catania um die Medaillen. Dabei wird er auf Gegner treffen, die auf Rosen gebettet sind. Die Italiener lassen sich die WM einiges kosten.

          3 Min.

          "Ein Vulkan an Gefühlen": Am Flughafen in Rom hängen die riesigen Plakate, die nach Sizilien locken, zu einem Ereignis, von dem in Deutschland kaum einer außerhalb einer überschaubaren Fangemeinde Notiz nimmt. "Das große Fechten" heißt es in Italien - und in Catania erleben die Italiener in diesen Tagen diesen Vulkan an Gefühlen. Man stelle sich vor: In einer deutschen Stadt, fernab der politischen oder wirtschaftlichen Metropolen, fänden Fechtweltmeisterschaften statt, und das ganze Land nähme Anteil. Fechter wären die Spitze der Gesellschaft, hochbezahlte Werbepartner der größten Unternehmen, gefragte Gäste auf den Prominentenpartys im ganzen Land, Titelfiguren auf Hochglanzmagazinen. Und auf der Straße drehte man sich nach ihnen um.

          "Meine Eltern erkennen mich, wenn ich durch die Stadt spaziere", sagt Jörg Fiedler grinsend. Er ist Europameister der Degenfechter - und ist doch in seiner Heimat Leipzig nur in Sportkreisen bekannt. Dabei war er vor dem Titelgewinn in Sheffield in diesem Jahr schon Bronzemedaillengewinner mit der Mannschaft bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen und dreimal Mannschafts-Zweiter bei Weltmeisterschaften. Fiedler ist es ganz recht, wenn er nicht erkannt wird, er genießt seine Ruhe. Der 33 Jahre alte Fechter, der seit 15 Jahren in Tauberbischofsheim lebt und trainiert, hat sich eingerichtet in seiner Nische. Doch der Seitenblick auf Italien wirft auch bei ihm Fragen nach dem Stellenwert des Leistungssports auf.

          Unterstützung nötig

          "Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir es schaffen würden, unseren Nachwuchs dazu zu überreden, mal zwei, drei Jahre nach Abitur oder Schule richtig in den Sport zu investieren. Aber selbst das geht schon oft nicht." Mit der Sporthilfe allein, sagt er, sei das Leben nicht abzusichern. Er weiß, dass sich die Athleten im Fechtzentrum Tauberbischofsheim in einer privilegierten Situation befinden, in der kleinen Stadt sind sie wer. Fiedler arbeitet neben dem Leistungssport als Übungsleiter in Würzburg und in Leipzig; nach der Karriere wird er die Trainerakademie besuchen. Bei vielen anderen, kleinen Vereinen stellen schon die Fahrtkosten zu Turnieren ein Problem dar. "Wenn jemand Olympiasieger geworden ist, gibt es ja auch eine Prämie", sagt Fiedler. Man müsse aber schon früher mehr Unterstützung haben. "Wenn ich nicht gewährleisten kann, dass wirklich leistungssportlich trainiert wird und sich Talente entwickeln können, dann gibt es vielleicht einmal zwei, drei gute Leute. Aber so kann man eine Sportart nicht langfristig weiterentwickeln. Das ist kein Projekt, das langfristig Hand und Fuß hat."

          Fiedler, der an diesem Mittwoch zum Kampf um die Medaillen antritt und die erste Runde souverän meisterte, wird es dann mit Gegnern zu tun bekommen, die auf Rosen gebettet sind. Die Europameisterschaften in seiner Heimatstadt Leipzig im vergangenen Jahr hatten einen Etat von rund einer halben Million Euro - die Italiener lassen sich die WM in Catania fünf Millionen Euro kosten. Ein Zeichen dafür, wie viel ihnen der Fechtsport wert ist. Insgesamt stecken neun Millionen Euro in dem dreijährigen Projekt, mit dem der europäische Fechtverband Fechten in Sizilien noch weiter voranbringen will; die Junioren-Weltmeisterschaften 2008 und die Titelkämpfe in diesem Jahr sind Teil davon.

          Die Begeisterung der Italiener ist nicht nur an der Lautstärke auf den Tribünen im Palaghiaccio, einer umfunktionierten Eishalle, zu erkennen, wenn Landsleute auf den Bahnen stehen - wie etwa Valentina Vezzali, die fünfmalige Florett-Olympiasiegerin. Auch die riesigen Zelte, in denen Vorrundenkämpfe stattfinden, platzen mit ihren Behelfstribünen aus allen Nähten. In Kämpfen, in denen es eng zugeht, kann diese Unterstützung Gold wert sein.

          Keine Chance

          Fiedler, derzeit Zweiter der Weltrangliste, hat sich seine Extraportion Selbstvertrauen bei der EM geholt. "Und trotzdem geht jedes Turnier wieder bei null los", sagt er. Mit einer Plazierung unter den acht Besten wäre er fast sicher bei den Olympischen Spielen in London dabei. Denn die Degenherren dürfen 2012 nur im Einzel antreten; jeweils zwei Fechtteams, diesmal auch die Säbeldamen, müssen pausieren. Die deutschen Florettfechterinnen bekommen in Catania eine zweite Chance - und sie brauchen sie. "Unser Hauptziel ist auch eindeutig die Mannschaft", sagt Bundestrainer Lajos Somodi. Als Einzelkämpferinnen hatten seine vier Tauberbischofsheimerinnen keine Chance; spätestens im Achtelfinale schieden sie alle aus. Als Beste kam Carolin Golubytskyi auf Platz 13. Und muss zusammen mit Katja Wächter, Anja Schache und Sandra Bingenheimer nun am Freitag auf die Medaille hoffen, die den Weg nach London ebnen soll. Vielleicht erleben dann auch deutsche Fechterinnen den Vulkan an Gefühlen.

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