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Fecht-Weltmeisterschaft : Ein verschworenes Quartett

Ein verschworener Haufen: die Säbelfechter Benedikt Wagner, Matyas Szabo, Nikolas Limbach und Max Hartung Bild: AFP

Die Säbelfechter von Bayer Dormagen präsentieren sich als verschworene Gemeinschaft und erobern dank ihres Teamgeists die Weltbühne. Nur der Ausblick auf Olympia trübt ein wenig die rheinische Fröhlichkeit.

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          Die vier rheinischen Musketiere aus Dormagen kommentierten die Art und Weise, wie sie ihren WM-Sieg im Säbelfechten gewonnen hatten im Sinne von Fußball-Weltmeister Thomas Müller - nur in einer ihnen vertrauteren Sprache: „Dat intressiert misch emohl nit im jeringsten, dä Driss. Mer sinn Weltmeister jewoode. Schönfeschte kannste dir hinger et Öhrsche klemme!“, schrieben Nicolas Limbach, Benedikt Wagner, Max Hartung und Matyas Szabo auf ihrer gemeinsamen Facebook-Seite „dormagen-fechten“. Mit Ausrufezeichen!

          Wer des rheinischen Dialekts nun nicht so mächtig ist, dem sei sinngemäß übersetzt: Die Jungs sind mächtig stolz auf ihren Erfolg, den sie sich am Montag bei den Weltmeisterschaften im fernen Tatarstan mit Siegen über China, die Vereinigten Staaten, Titelverteidiger und Gastgeber Russland sowie Olympiasieger Südkorea hart erkämpft hatten. Dass sie dabei nicht auch noch einen Schönheitspreis gewonnen hatten, war ihnen angesichts des Gesamterfolgs nicht weiter wichtig.

          Vier Eigengewächse aus Dormagen gegen den Rest der Welt

          Dormagen ist eine mittelgroße Gemeinde mit gut 60.000 Einwohnern, eingeklemmt im Städtedreieck der rheinischen Metropolen Düsseldorf, Köln und Mönchengladbach. Von der Bundesregierung erhielt die Stadt vor fünf Jahren den Ehrentitel „Ort der Vielfalt“, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass im Stadtrat gleich neun Fraktionen vertreten sind. Und das rege Gemeinschaftsleben zählt immerhin 400 verschiedene Vereine. Im Sport haben - wenn überhaupt - bislang aber nur die Handballspieler auf sich aufmerksam gemacht, die eine Weile in der Bundesliga mitwirkten. Und nun der Coup von Kasan: „Vier Eigengewächse aus der Fechthalle des TSV Bayer Dormagen besiegen die zweit- und drittbesten Fechter der Welt“, kommentierten die „Säbler“ stolz ihre eigene Leistung.

          Der Moment der Erlösung: Nicolas Limbach setzte den entscheidenden Hieb

          Für Sven Ressel, den Sportdirektor des Deutschen Fechter Bundes (DFeB), war Dormagen schon vorher „die deutsche Hauptstadt des Säbelfechtens“. Und auch international gehöre die Kleinstadt in jedem Fall zu den „Säbel-Metropolen“. Ressel wäre froh, wenn auch in anderen Waffengattungen eine ähnliche Konzentration der Kräfte möglich wäre, doch bislang ist dies den Fechtern nur in Ansätzen gelungen. Anders in Dormagen: „Die Jungs fechten seit Jahren zusammen, und der Bundestrainer kann sie intensiv auf die Wettkämpfe vorbereiten“, sagt Ressel, für den der Goldgewinn nicht mal völlig überraschend kam: „Wenn man die letzten Jahre verfolgt, dann hat sich dieses Team immer fester in der Weltspitze etabliert.“

          Vater des Erfolgs ist Vilmos Szabo, ein 49 Jahre alter Rumäne, der selbst bis Mitte der neunziger Jahre ein erfolgreicher Fechter war, ehe er mit seiner Frau nach Deutschland zog und in Dormagen das Säbelzentrum etablierte. Nun ist er Bundestrainer, und einer seiner besten Schüler sein eigener Sohn Matyas, mit 22 Jahren der Jüngste des Kleeblatts. Auch Wagner und Hartung sind erst 24, nur Limbach ist mit 28 schon in den „besten Jahren“ angekommen. Der Einzel-Weltmeister 2009 gilt als Anführer des verschworenen Quartetts. Doch auch er stellt wie alle anderen den Teamgeist als erstes Kriterium des gemeinsamen Erfolgs heraus. „Diese Goldmedaille mit der Mannschaft war das, wofür ich weiterfechten wollte“, sagte er.

          Kein Säbel-Teamwettbewerb bei Olympia

          Limbach hatte die EM in Straßburg im Juni ausfallen lassen, um sich nach einer Verletzung gezielt auf die WM vorbereiten zu können. Auch ohne ihn hatten seine jungen Kollegen dort mit dem Gewinn der Bronzemedaille schon überzeugt.

          Von Dormagen in die Welt: Jubel bei der deutschen Säbel-Mannschaft über die Goldmedaille

          So trübt eigentlich nur der Ausblick in die Zukunft ein wenig den aktuellen Genuss. Denn ausgerechnet bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro können die Dormagener 2016 nicht gemeinsam angreifen. Gemäß dem olympischen Rotationsprinzip der drei Waffengattungen wird in Brasilien kein Teamwettbewerb für die Säbel-Herren ausgetragen. Doch auch da hilft der rheinische Realismus: „Klar sind Olympische Spiele wichtig - aber es ist nicht der einzige wichtige Wettkampf“, sagt Max Hartung. Da müsse man nicht wehmütig sein: „Man kann so eine WM auch für sich feiern.“ Die Mannschaft, so versicherte er, mache sich da ohnehin „nicht zu viel Kopfzerbrechen - und die Regeln, die es gibt, können wir sowieso nicht ändern“. Und Ressel fügt trocken an: „Dann muss eben eine Einzelmedaille her.“

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