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Weltmeisterin Moellhausen : Die Welt mit dem Degen berühren

Fassungslose Weltmeisterin! Nathalie Moellhausen Bild: AP

Sie bezeichnet Fechten nicht als Sport, sondern als Kunst. Ein Gefecht empfindet sie als Tanz. Gewinnen will sie trotzdem. Nathalie Moellhausen holt Degen-Gold für Brasilien.

          Nathalie Moellhausen bezeichnet Fechten nicht als Sport, sondern als Kunst. Ihre Bewegungen auf der Planche im Einklang mit einer Gegnerin empfindet sie nicht als Gefecht, sondern als Tanz. Und ihren Degen benutzt die 1,77 Meter große Linkshänderin, „um die Welt zu berühren“. Gewinnen will sie trotzdem.

          Am Donnerstag spürte die Brasilianerin mit deutschen und italienischen Wurzeln in Budapest eine besondere Magie. Der tänzelnden Sportlerin gelang es, ihre Kunstform zur Vollendung zu führen. Sie wurde nach dem Finalsieg gegen die Chinesin Sheng Lin Weltmeisterin im Degenfechten und gewann damit die erste Goldmedaille im Fechten für ihre Wahlheimat Brasilien überhaupt.

          Überwältigt sank die 33-Jährige auf der Planche zu Boden, ehe sie von Teamkolleginnen und Betreuern, aufgerichtet, umarmt und ausgelassen mehrmals in die Luft geworfen wurde. Es wurde viel gefeiert und gelacht an diesem Tag im brasilianischen Lager, aber auch viel geweint. Vor allem die Siegerin überwältigten ihre Emotionen, ihren Weg zum Sieg bezeichnete sie selbst als „ein Wunder“. Denn erst im Januar hatte sie nach längerer Trauerphase wieder den Degen zur Hand genommen.

          Nathalie Moellhausen verlor im vergangenen Jahr ihren Vater. „Er hat stets an mich geglaubt“, erinnerte sie an ihn mit zum Himmel gerichteten Blick im Siegerinterview, bei dem sie gleichzeitig weinte und lachte: „Er sagte mir: ,Gib niemals auf im Leben‘.“ Und sie gab niemals auf.

          Mit fünf Jahren hatte die gebürtige Mailänderin mit dem Fechten begonnen. Schnell erzielte sie Erfolge. Mit 18 zog sie nach Paris, um sich bei dem französischen Erfolgscoach Daniel Levavasseur, dem sie noch heute vertraut, weiterbilden zu lassen. Mit 22 gewann sie ihre erste EM-Medaille mit den italienischen Degendamen. Schon 2010 holte sie WM-Silber als Solistin. Doch für die Olympischen Spiele in London wurde sie nur als Reservistin nominiert. Moellhausen empfand dies als Degradierung und nahm eine Auszeit vom Fechten. Stattdessen gestaltete sie als künstlerische Leiterin die Gala zum 100-Jährigen Bestehen des internationalen Fechtverbandes im Grand Palais von Paris.

          Auf Händen getragen von Teamkolleginnen und Trainern Bilderstrecke

          Zurück auf der Planche, beschloss sie, künftig für das Land ihrer Großmutter anzutreten: Brasilien. Die Rochade hatte neben dem emotionalen Hochgefühl den sportlichen Vorteil, dass ihr praktisch eine Wildcard für Rio zufiel, denn im Gastgeberland gab es im Gegensatz zu Italien keine nennenswerten Konkurrentinnen. Dass der Nationenwechsel für sie kein Jux war, bewies sie aber schon, als sie bei Olympia Platz sechs belegte. Nun erfolgte die Krönung mit WM-Gold. „Fechten ist meine Form, mich auszudrücken“, sagt sie, „und meine Therapie fürs Leben.“

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