https://www.faz.net/-gtl-902v6

Fecht-Präsidentin Bokel : Die WM als Funke

  • -Aktualisiert am

Die Präsidentin und ihre Fechter: Claudia Bokel (links) fühlt sich im Kreise der Athleten wohl Bild: dpa

Keine Struktur, keine Erfolge, dafür viele Konflikte. Der deutsche Fechter-Bund war ein Sanierungsfall. Die neue Präsidentin Claudia Bokel kämpft für Ruhe, Professionalität und den Blick in die Zukunft.

          3 Min.

          Die etwas weitschweifenden Ausführungen von Alisher Usmanov, dem ebenso schwergewichtigen wie schwerreichen Präsidenten des Internationalen Fecht-Verbandes (FIE), zur Zukunft des Fechtsports waren sicherlich bedeutend. Doch Claudia Bokel hielt es nicht auf ihrem Podiumsplatz bei dieser Pressekonferenz. Im Hintergrund tobte das Publikum in der Arena Leipzig, und da Bokel wusste, dass eine deutsche Fechterin kämpfte, entschuldigte sie sich und rannte auf die Tribüne. Im kurzen, schwarzen Abendkleid auf hohen Absätzen, denn die 43-Jährige trug schon das Outfit für ihre Begrüßungsrede bei der anschließenden Eröffnungsfeier. Gerade rechtzeitig tauchte sie in der Halle auf, um zu sehen, wie sich Anne Sauer auf der grünen Planche schlug: prächtig. Die Florett-Fechterin aus Tauberbischofsheim hatte in ihrem Achtelfinale gegen die Koreanerin Jeon schon 2:8 zurück gelegen, nun stand es 10:10 und es liefen die letzten Sekunden der Verlängerung. 1,7 Sekunden vor Ultimo stach Sauer zu, und Bokel jubelte mit ausgestreckten Armen und einem lauten „Jaaah“.

          Seit einem knappen Dreivierteljahr ist die einstige Weltklassefechterin Präsidentin des Deutschen Fechter-Bundes. Die WM im eigenen Land ist ihre erste große öffentliche Aufgabe. Zumeist in Jeans, Turnschuhen und Team-T-Shirt gekleidet, wirkt sie im Kreise der Athleten authentisch. „Hier fühle ich mich wohl“, sagt die Degen-Weltmeisterin von 2001. Sie fiebert mit bei jedem Gefecht, und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sie fast noch für eine Aktive halten. Vor kurzem hat sie es auch selbst noch mal probiert, musste sich allerdings eingestehen, dass sie zwar die Technik noch beherrschte, „aber etwas langsam“ geworden ist, und ihr nach drei Treffern die Puste ausging. Von den Sportlern erhält die Chefin Vertrauensvorschuss, wie es Aktivensprecher Max Hartung ausdrückt: „Für uns ist es cool, zu wissen, es ist jemand da, der weiß, wie es geht.“

          „Wir müssen den Sportlern etwas anbieten“

          Claudia Bokel, die frühere Vorsitzende der Athletenkommission im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), wurde im Herbst gerufen, als die Not im nationalen Fecht-Verband am größten war. Es gab kein funktionierendes Präsidium, keine moderne Struktur und keine aktuellen Erfolge, dafür jede Menge interner Konflikte. Bokel trat nach mehrwöchiger Bedenkzeit an und wurde in November einstimmig zur Präsidentin gewählt.

          Seitdem kämpft sie, vor allem hinter den Kulissen. Professioneller muss der Verband werden. Personalentscheidungen müssen getroffen und begründet werden. Zugleich soll Ruhe einkehren und bis Tokio 2020 der Anschluss an die Weltspitze wieder hergestellt und danach gehalten werden. Gespräche mit potentiellen Sponsoren sind nicht gerade Selbstläufer, wie sie zugibt. Seit Monaten ist sie „extrem beschäftigt mit der Leistungssportreform“. Die Fechter sollen sich auf drei Bundesstützpunkte beschränken: Dormagen als Säbel-Standort, Bonn und Tauberbischofsheim für Degen und Florett. Bokel befürwortet einerseits die Konzentration der Kräfte, sieht andererseits die Notwendigkeit, in der Fläche präsent zu bleiben. Sonst bluten die kleinen Vereine aus, die die großen Könner liefern sollen. Außerdem sei es nicht damit getan, Spitzenkräfte an einen anderen Standort zu verpflanzen: „Wenn wir Sportler aus ihrer Heimat abziehen, müssen wir ihnen auch etwas anbieten, damit sie sich gut entwickeln können.“ Die propagierte duale Karriere liegt ihr am Herzen: „Ich selbst habe ewig studiert, aber ich wusste, ich habe etwas in der Tasche für die Zeit danach.“

          In den Niederlanden geboren, für Deutschland am Start: Bokel war selbst Degen-Weltmeisterin

          Die in den Niederlanden geborene Doppelstaatsbürgerin arbeitet seit 2016 für die Adecco Group, einen Personaldienstleister. Da passt auch die Professionalisierung eines in die Jahre gekommenen Verbandes gut ins Portfolio. Die Rückwärtsorientierung des Fechter-Bundes, der von der Last längst verblasster Erfolge schier erdrückt scheint, versucht Bokel aufzulösen. „Bei aller Freude darüber, dass man weiß, man war schon einmal richtig gut“, dürfe man nicht vergessen: „Die Welt hat sich gedreht.“ Bei der WM in Leipzig sind Sportler aus 118 Nationen am Start. Das Knowhow, zu Zeiten von Emil Beck konzentriert in Tauberbischofsheim, ist dank Wissenstransfer und Videotechnik global verfügbar.

          Dass Fechten auch in Deutschland eine Zukunft haben kann, sehe man in Leipzig, sagt Bokel. Die Halle ist gut gefüllt, das Publikum verhält sich fair und geht begeistert mit. Auch Max Hartung ist angetan, warnt aber: „Ein Funke ist noch kein Feuer.“ Das zum Teil verjüngte deutsche Team unter Führung einiger neuer, hungriger Trainer schlug sich in den Einzelwettbewerben beachtlich. Doch ein paar Medaillen mehr würden helfen, das Interesse nachhaltiger zu entfachen. Bokel setzt ihre Hoffnungen auf die Mannschaftswettbewerbe, die aber am Montag schon mal von den Säbel-Herren enttäuscht wurden, die im Achtelfinale Frankreich 44:45 unterlagen und am Ende Neunte wurden. Die Florett-Damen kamen zwar weiter, verloren aber das Bronzegefecht gegen Russland. Nach dem frühen Ausscheiden von Säbel-Damen und Degen-Herren am Dienstag bleibt es nach fünf von sechs WM-Tagen aber bei einer einzelnen deutschen Medaille, die Degenfechter Richard Schmidt holte. Claudia Bokel selbst gewann sieben WM-Medaillen im Team, nur eine als Solistin. Und auch ein Verband führt sich nicht allein.

          Weitere Themen

          Harlem Globetrotters zeigen online, wie es geht Video-Seite öffnen

          Basketball-Tricks : Harlem Globetrotters zeigen online, wie es geht

          Die Ballakrobaten aus den Vereinigten Staaten mussten ihre Welttournee wegen der Coronakrise beenden. Trainer Handles Franklin macht von zu Hause aus weiter und zeigt jungen Menschen, wie ihre Tricks funktionieren.

          Topmeldungen

          Ein Bild aus besseren Tagen: Olaf Scholz, Christine Lagarde, Paolo Gentiloni und Bruno Le Maire Mitte Februar in Brüssel

          Ideen von Scholz und Le Maire : EU-Kompromiss zu Corona-Hilfen in Sicht

          Die Politik will den schrillen EU-Streit um Maßnahmen in der Coronakrise deeskalieren. Deutschland und Frankreich verständigen sich auf drei Schritte, die Niederlande machen ein Friedensangebot. Umstritten bleiben die Corona-Bonds.
          Bald alleine? Jörg Meuthen

          AfD in der Krise : Dann lieber ohne Meuthen

          Der eine Parteivorsitzende ist einmal ehrlich, der andere ist von ihm menschlich enttäuscht: Die AfD-Führung kämpft lieber gegeneinander als gegen die Pandemie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.