https://www.faz.net/-gtl-9w10x

Darum begeistert der Super Bowl so sehr

JAN EHRHARDT, Miami
Foto: AFP

2. Februar 2020 · Verteidiger wie Bulldozer, Sprinter mit Olympiareife und Spielmacher als Superhirne: Der Super Bowl spiegelt die Vielfalt des Football. Um das American-Football-Spektakel zu gewinnen, braucht es ganz spezielle Fähigkeiten.

D

ie Wortfetzen klingen dumpf durch den eng sitzenden Helm. Den Augen entgeht nichts. Sie sind auf ihr Ziel gerichtet. Nur darauf. Alles andere: Hintergrundrauschen. Aber plötzlich klingt es ganz deutlich: „Ready, Set, Hut!“ Schon wird die Welt zu einem Wirbel aus Farben. 

Nick Bosa ist ein Jäger. Ein verdammt guter. Kürzlich wurde er – in seiner ersten Saison – zum besten Rookie gekürt. Wenn Bewegung ins Spiel kommt, funktioniert er. Wie eine Maschine. Kraftvoll. Präzise. Wenn es sein muss: vernichtend. Sobald der Football gepasst wird, setzen sich 22 Spieler in Bewegung. Wie an Schnüren gezogen. Die Hälfte will vorwärts. Die andere will, muss sie daran hindern. Das ist den Spielern immer und immer wieder eingetrichtert worden. Mit Drill, fast wie beim Militär. Blocken ist ihre Mission. Bosa ist einer von ihnen, sein Ziel der Quarterback. Der Kopf des Gegners. Er lenkt das Spiel, von ihm geht die Gefahr aus. Also sucht sich Bosa seinen Weg zur Königsfigur, wühlt und schlägt sich durch, um den Quarterback am Pass zu hindern, ihn Matt zu setzen. Wer sich durchsetzt, gewinnt. Erst den Spielzug, später das ganze Spiel. Mission erfüllt.

Spielzug um Spielzug: Nick Bosa hat eine Mission.
Spielzug um Spielzug: Nick Bosa hat eine Mission. Foto: AFP

In der Nacht zu Montag (0.30 Uhr MEZ bei ProSieben und DAZN) steht in Miami das Finale der National Football League (NFL) an, der Super Bowl. Es ist ein durchkommerzialisiertes Spektakel mit Millionen Fans weltweit, jedes Jahr Anfang Februar wirtschaftliches Zugpferd der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Das wichtigste Spiel im American Football gilt als Lebensziel vieler Profis. Ein Erfolg im Super Bowl ist in dieser Sportart durch nichts zu übertreffen. Er verleiht den Siegern in den Augen der Fans einen Heldenstatus.

Nick Bosa ist wie eine Maschine. Wenn es sein muss: vernichtend.
Nick Bosa ist wie eine Maschine. Wenn es sein muss: vernichtend. USA TODAY Sports
Nick Bosa ist wie eine Maschine. Wenn es sein muss: vernichtend. USA TODAY Sports

Bosa lächelt. Der Defensivspieler der San Francisco 49ers auf der Position des „Defensive End“ ist höflich, zuvorkommend. Ein Gentleman. Er freue sich, erzählt er, dass er den Super Bowl in Miami spielen kann. Dort, wo er aufgewachsen ist. Eine Kampfansage? Forsche Töne? Kraftmeiergehabe? Fehlanzeige. „Ich will zeigen, was ich kann.“ Bosa ist 22 Jahre alt, 1,93 Meter lang, wiegt rund 120 Kilogramm. Er bewegt sich leichtfüßig wie ein Tänzer und pfeilschnell wie ein Sprinter. Sein „Trikot“ betrachtet er als seine „Uniform“; seine Arbeit im Spiel als Auftrag, perfekt zu sein auf dem Weg zum Quarterback. Fehler sind nahezu unverzeihlich. Höflichkeit wäre auf dem Feld ein grober Fehler.

&showHeadline=0" name="IFrame für Audio oder Video" border="0" frameborder="0" scrolling="no" allowfullscreen>
Video: F.A.Z.

Ortswechsel. Gegenseite. Im Fokus von Bosa wird am Sonntag Patrick Mahomes stehen, Quarterback der Kansas City Chiefs. Ein besonderes Talent, ein Alleskönner. Was er mit dem Football anstellt, verzaubert Fans wie Experten. Mit 1,91 Metern ist er vom Gardemaß eines NFL-Spielmachers ein kleines Stück entfernt. Sein Hang zum Unkonventionellen, zum Risikoreichen aber macht ihn nahezu unberechenbar. Dazu kommen seine wahnsinnig schnellen Beine, seine große Übersicht, seine Ruhe, als wäre er alleine auf dem Rasen. Mahomes entspricht nicht dem Klischee eines Quarterbacks. Er ist dunkelhäutig. Lange war die Spielmacher-Position überwiegend mit weißen Athleten besetzt, denen mehr Arbeitseifer und mentale Stärke zugeschrieben worden war.

Kansas-City-Quarterback Patrick Mahomes will inspirieren.
Kansas-City-Quarterback Patrick Mahomes will inspirieren. Foto: AFP

Erst seit ein, zwei Dekaden deutet sich ein Wandel an. Neben Mahomes standen Lamar Jackson (Baltimore Ravens), Russell Wilson (Seattle Seahawks) und Deshaun Watson (Houston Texans) mit ihren Teams in den Play-off-Spielen, vier dunkelhäutige Spielmacher. Prompt schrieb das Internetportal „The Undefeated“ von einem „Jahr des schwarzen Quarterbacks“. Es bewegt sich etwas in der NFL. Von Gleichberechtigung kann aber nicht die Rede sein. Immer noch sind alle 32 Teambesitzer weiß. Die meist millionen- oder gar milliardenschweren Unternehmer werden gerne als „Owner“ („Eigentümer“) bezeichnet und angesprochen. Als würden sie die Spieler und Trainer ihrer Mannschaft besitzen und nach Geratewohl über sie verfügen können.

Schon lange vor Colin Kaepernick und seinem Kniefall bei der amerikanischen Nationalhymne, der ihn zur persona non grata bei fast allen Teams machte, ließ sich das Ungleichgewicht erkennen. Die Einschränkung ihrer Redefreiheit machte es den Spielern lange nahezu unmöglich, auf dieses Problem hinzuweisen. Bis heute, das zeigt das Beispiel des ehemaligen Quarterbacks Kaepernick. Er prangert die Gewalt von Polizisten gegenüber Schwarzen mit seinem Kniefall symbolisch an. Seitdem hat er keinen Vertrag mehr erhalten.

Mahomes könnte, wenn er denn wollte, als Vorbild einer neuen Spielergeneration voranschreiten. Bislang jedoch ist abseits des Feldes nichts Eindeutiges zu hören gewesen von ihm. „Ich konzentriere mich voll auf das Spiel“, sagt er im Gespräch vor dem Super Bowl: „Ich bin glücklich, in dieser privilegierten Position zu sein, und wenn ich dabei andere inspirieren kann, ist das umso besser.“

Mahomes ist eine der entscheidenden Figuren in diesem Super Bowl.
Mahomes ist eine der entscheidenden Figuren in diesem Super Bowl. Foto: AFP
Mahomes ist eine der entscheidenden Figuren in diesem Super Bowl. Foto: AFP

Auf dem Rasen ist Mahomes nicht alleine zuständig dafür, dass Gegner regelmäßig von Albträumen geplagt werden. Dabei unterstützen ihn zum Beispiel Tight End Travis Kelce und Wide Receiver Tyreek Hill, brillant eingesetzt von ihren Trainern, Genies in diesem Sport. Sie denken sich für jedes Spiel einen viele Seiten füllenden Plan aus. Ein Buch, so dick und umfassend wie lange Romane. Während Kelce mit seiner Physis (1,98 Meter, 118 Kilo) als ein Art „Hybrid“ gilt unter den Block-Spielern, Läufern und Passempfängern, lebt Hill (1,78 Meter, 84 Kilogramm) von seiner außergewöhnlichen Geschwindigkeit. Er gilt als einer der schnellsten, wenn nicht sogar der schnellste Spieler der NFL.

Nach dem Super Bowl möchte sich der Amerikaner für die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio qualifizieren. „Vielleicht trommeln wir ein paar Leute aus dem Team zusammen und schauen, ob wir eine Staffel zusammenbekommen, um den Leichtathletik-Jungs zu zeigen, dass wir es immer noch drauf haben.“ In seiner Schulzeit lief der inzwischen 25 Jahre alte Sprinter Spitzenzeiten, brauchte für 100 Meter nur 9,9 Sekunden. Auch auf dem Football-Feld muss er die vor jeder Partie exakt festgelegten Laufrouten mit maximalem Speed in ganz genauen Schrittfolgen umsetzen, um dann nach Möglichkeit genau da zu stehen, wo die Pässe von Mahomes ankommen, als seien die von einer computergesteuerten Zielerfassung geleitet worden. Jeder Windhauch, jede Unebenheit im Rasen kann eine Rolle spielen. Football ist filigran.

Wide Receiver Tyreek Hill zieht anderen davon.
Wide Receiver Tyreek Hill zieht anderen davon. Foto: EPA
Wide Receiver Tyreek Hill zieht anderen davon. Foto: EPA

Aufhalten soll den gefürchteten Angriff der Chiefs die nicht minder gefürchtete Verteidigung der 49ers. Bosa wird dabei eine tragende Rolle spielen, auch der Deutsche Mark Nzeocha will und soll seinen Beitrag leisten. Kopf der Defensive aber ist Richard Sherman. Der ehemalige Star der Seattle Seahawks ist einer der besten sogenannten Cornerbacks der gesamten Liga. Auf ihn wird es ankommen, möchte San Francisco das effektive Passspiel der Chiefs auch nur ansatzweise zunichtemachen.

Kopf der Defensive der San Francisco 49ers ist Richard Sherman.
Kopf der Defensive der San Francisco 49ers ist Richard Sherman. Foto: AFP

Mit seinen nur knapp 90 Kilogramm Körpergewicht bei einer Größe von 1,90 Metern traut man dem smarten Profi auf den ersten Blick seine große Spezialität nicht zu: die Spielzüge schon vor deren Ausführung zu antizipieren und dann blitzschnell und mit allergrößter Konsequenz einzugreifen. Koste es, was es wolle. Verletzungen, vor allem an den Bändern und im Kopfbereich, sind an der Tagesordnung. Alleine im Jahr 2019 wurden 224 Gehirnerschütterungen registriert. Dennoch gilt Sherman als einer der Gründe, warum sich die NFL in Deutschland einer immer größeren Beliebtheit erfreut. 

Richard Sherman (links) verteidigt die 49ers.
Richard Sherman (links) verteidigt die 49ers. AFP
Richard Sherman (links) verteidigt die 49ers. AFP


Gerüchte über Spiele in Deutschland

Vom Nischensender ProSieben Maxx sind zumindest die Play-off-Spiele mittlerweile in das Hauptabendprogramm bei ProSieben gewandert, die Einschaltquoten steigen. „Football ist in Deutschland auf dem Sprung von einem Nischensport zu einer akzeptierten Massensportart“, behauptet „ran“-Sportchef Alexander Rösner. „Weil es schnell, dynamisch, unglaublich athletisch und sehr häufig unfassbar spannend ist.“ 

Grafik: DPA

Die Mitgliederzahl der Vereine im Deutschen Football-Verband stieg in den vergangenen Jahren deutlich. Anfang Januar 2019 zählte der Verband rund 67295 Mitglieder. Damit liegt Football in der Rangliste von 2019 auf Position 32 unter 67 Sportverbänden des Deutschen Olympischen Sportbundes. 

Shermans früheres Team, die Seattle Seahawks, gelten als eines der beliebtesten in Deutschland. Mit den „German Seahawkers“ existiert sogar ein eigener, mehr als 1000 Mitglieder zählender Fanklub. Dessen Gründer Maximilian Länge sieht nach anfänglichen Startschwierigkeiten mittlerweile eine große Gemeinschaft in Deutschland: „Football ist auf dem Vormarsch.“

Grafik: DPA

Und die NFL? Freut sich über klingende Kassen. Durch die seit Jahren mit voller Kraft vorangetriebene Internationalisierung geht es der Liga und ihrem Premiumprodukt Super Bowl bestens. Mehr und mehr will die Organisation „neue Märkte“ erschließen, es ist viel von „Zielgruppen“ und „Wachstum“ und „Absatzzahlen“ die Rede, wenn man sich mit Verantwortlichen der NFL unterhält. Vier Saisonspiele haben im vergangenen Jahr in London stattgefunden. Es sollen mehr werden in Europa. Auch in Mexiko wird regelmäßig gespielt. Brasilien und China gelten als aussichtsreiche Kandidaten. Die NFL ist schon lange keine rein nordamerikanische Liga mehr. Gerüchte über die Ansetzung von Spielen in Deutschland und die Etablierung eines NFL-Teams in London kursieren.

Über all das aber werden Bosa und Co. kaum nachdenken. Sie haben nur ein Ziel vor Augen, ihre Mission. Alles andere ist Hintergrundrauschen.



Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 02.02.2020 16:27 Uhr