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Fall Goldmann : Neue Debatte über Amnestie für DDR-Doper

In der Diskussion um die Entlassung des dopingbelasteten Diskus-Bundestrainers Werner Goldmann übt nach einigen namhaften Athleten nun auch der Leiter der DLV-Trainerschule, Wolfgang Killing, Kritik und fordert eine „längst fällige Amnestie für DDR-Doping-Verstrickungen“.

          Die Forderungen nach einem Schlussstrich im Umgang mit Unrecht und Verfehlungen im DDR-Sport gewinnen am Schärfe. Dem Offenen Brief, in dem zwanzig Leichtathleten Partei für den vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) nicht weiterbeschäftigten Bundestrainer Werner Goldmann ergreifen (F.A.Z. vom Mittwoch), hat der Leiter der Trainerschule des DLV, der ehemalige Hochsprung-Bundestrainer Wolfgang Killing, am Dienstag einen Aufruf zum Standesrecht folgen lassen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es sei naheliegend, schreibt Killing im Fachblatt Leichtathletik, anstelle von Juristen, Politikern und Verwaltungsfachleuten „einen Ausschuss aus Trainern, in diesem Fall sogar überwiegend aus ostdeutschen Trainern zu bilden, um die Vorwürfe sachgerecht und fair zu beurteilen“. Der Artikel trägt die Überschrift „Sündenbock Trainer“.

          DLV hatte Goldmann nicht weiter beschäftigt

          Der DLV hatte den Vertrag mit Goldmann, der in der DDR Ulf Timmermann betreute und derzeit den Diskuswerfer Robert Harting trainiert, zum Jahreswechsel auslaufen lassen. Eine vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingesetzte unabhängige Kommission unter Leitung des ehemaligen Verfassungsrichters Udo Steiner hatte empfohlen, ihn wegen Verstrickung in das Doping-System der DDR nicht weiterzubeschäftigen.(siehe: Leichtathletik: Deutscher Verband trennt sich von Doping-Trainer)

          DLV-Präsident Clemens Prokop sagte der Tageszeitung „Welt“, Passagen des Athletenbriefes seien nicht akzeptabel. Auf die Art und Weise, wie mit dem Zeugen Gerd Jacobs ins Gericht gegangen werde, dürfe man sich nicht mit dem Schicksal eines Doping-Opfers auseinandersetzen. Eine Amnestie, wie die Athleten und Killing sie fordern, setze voraus, dass man sich zunächst mit der Vergangenheit offen und ehrlich auseinandersetze.

          Unwissenheit Killings

          Killing schreibt zum Thema Doping: „Den Trainern Mitläufertum zu unterstellen ist sicher berechtigt. Sie für die gesundheitsschädlichen Folgen verantwortlich zu machen, die sie selber nicht überblicken konnten, doch wohl nicht.“ Er fordert, statt der Trainer Politiker, leitende Sportfunktionäre und Sportwissenschaftler, besonders Mediziner aus der DDR zur Verantwortung zu ziehen sowie diejenigen, „die nach der Wende gerne auf diese Trainer zurückgegriffen haben oder das immer noch tun“.

          Offenbar ist Killing juristisch unbedarft. Unwissenheit schützt nach deutschem Recht nicht vor Strafe. Auch behauptet er, die Bundesrepublik Deutschland sei Rechtsnachfolgerin der DDR. Killing greift den Fall des einstigen Stasi-Zuträgers Ingo Steuer auf. Man habe Steuer wie Goldmann längst verjährte Vergehen aus einem ganz anderen politischen System vorgehalten und ihn gezwungen, sich juristisch zu verstricken.

          Vesper: „Für das Unbehagen der Athleten habe ich Verständnis“

          Wie schon der ungelenke Brief der Leichtathleten um Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch (siehe: Fall Goldmann: Leichtathleten protestieren gegen „Bauernopferjagd“ und Spezial zum Fall Goldmann: Versagen der Athleten) drückt Killings Aufsatz das Unbehagen mit dem Umgang oder besser: dem fehlenden Umgang mit der Vergangenheit aus. Killing greift wie die Athleten den DOSB an: „Obwohl spätestens seit den Publikationen von Berendonk/Franke Anfang der 1990er-Jahre bewiesen ist, dass im DDR-Spitzensport flächendeckend gedopt wurde, ließ und lässt man die Kollegen Ehrenerklärungen unterschreiben, nichts mit Doping zu tun gehabt zu haben.

          Man zwingt sie zur Lüge, die angesichts des drohenden Existenzverlustes verzeihlich erscheint, vom selbstgerechten juristischen System aber zur Nagelprobe stilisiert wird. Die längst fällige Amnestie für DDR-Doping-Verstrickung - Körperverletzung verjährt immerhin schon nach zehn Jahren - schiebt man angesichts zu befürchtender politischer Diskussionen und Widerstände hinaus.“ Die Individualisierung des systematischen Dopings verschleppe die Lösung des Problems. DOSB-Generaldirektor Michael Vesper wirft er mangelnde Fürsorge vor. „Für das Unbehagen der Athleten habe ich Verständnis“, sagt Vesper und erwidert auf den Vorwurf: „Wir zwingen niemanden zur Lüge.“ Goldmann hätte nach den Vorwürfen Jacobs' die Möglichkeit gehabt, sich dem Votum der Kommission zu unterwerfen. Dies sei bei Stasifällen wie dem von Steuer so gehandhabt worden.

          Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums für Doping-Prävention an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, versteht die Diskussion ebenfalls als Ausdruck mangelnder Vergangenheitsbewältigung. „Die Athleten wissen nichts von damals“, sagt er. „Das ist die Folge der Versäumnisse von zwei bis drei Jahrzehnten.“ Einen Trainerverband mit Standesrecht lehnt er ab. „Es waren seine Bundestrainerkollegen, die Thomas Springstein 2002 zum Trainer des Jahres gewählt haben“, sagt er. Zehn Jahre zuvor waren Katrin Krabbe und Grit Breuer aus Springsteins Trainingsgruppe der Manipulation überführt worden, 2006 wurde Springstein in Magdeburg wegen Dopings von Minderjährigen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

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