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Fall Goldmann : Leichtathleten protestieren gegen „Bauernopferjagd“

Gehört zu den Unterzeichnerinnen des Briefs: Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch Bild: AP

Namhafte Leichtathleten protestieren gegen die Entlassung des Leichtathletik-Trainers Werner Goldmann. Sie sprechen in einem offenen Brief von einer „Bauernopferjagd“. Der DOSB könnte unterdessen Goldmanns die Ausgaben für die Reisekosten für die Spiele in Peking zurückfordern.

          Die Trennung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) von Bundestrainer Werner Goldmann wegen dessen Doping-Verstrickung zu Zeiten der DDR schlägt hohe Wellen. Am Dienstag haben zwanzig Leichtathleten den Umgang des deutschen Sports mit der DDR-Vergangenheit und dem damit verbundenen Doping-System beklagt. „Die Gründe der Anschuldigungen sind 25 Jahre her. Mörder sind nach solchen Zeiten amnestiert, entlassen oder ,rehabilitiert‘, aber im Fall Goldmann gibt es keine Frist“, schreiben sie in einem offenen Brief, den sie per E-Mail verbreitet haben.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aufgrund einer Empfehlung der Doping-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) mit der Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl und dem Bundestagsabgeordneten Steffen Reiche (SPD) unter Leitung des ehemaligen Verfassungsrichters Udo Steiner hat der DLV den zum Jahresende auslaufenden Vertrag mit dem 58 Jahre alten Goldmann nicht verlängert. Leichtathletik: Deutscher Verband trennt sich von Doping-Trainer

          DOSB könnte Reisekosten für Peking zurückverlangen

          Der Trainer betreute in der DDR die Berlinerin Irina Meszynski, die 1984 in Prag mit 73,36 Metern Weltrekord warf. Robert Harting setzte, als er bei den Weltmeisterschaften von Osaka 2007 die Silbermedaille gewonnen hatte, durch, dass der DLV die Reisekosten für den ihn begleitenden Trainer Goldmann übernahm. Nun könnte der DOSB, wie er vor den Olympischen Spielen für den Fall einer erwiesenen Doping-Belastung angedroht hatte, die Reisekosten für Peking zurückverlangen.

          Trainer mit Dopingvergangenheit: Werner Goldmann

          Im Juli hatte der ehemalige Kugelstoßer Gerd Jacobs, ein vom Bundesverwaltungsamt anerkanntes Doping-Opfer, der mit einem Spenderherz lebt, Goldmann im Fernsehen vorgeworfen, ihm in der DDR das Doping-Mittel Oral-Turinabol verabreicht zu haben. Der DOSB rief daraufhin die Steiner-Kommission an. Bereits 1997 und 1998 hatten zwei ehemalige Athletinnen Goldmann gegenüber der Polizei belastet. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldbuße von 4000 Mark eingestellt.

          Athleten vermissen Respekt

          Zu den Unterzeichnern des teilweise unglücklich formulierten Briefes, der mit den Kürzeln BMI, DOSB und DLV an das Bundesinnenministerium, die relevanten Verbände sowie „Presse“ adressiert ist, gehören unter anderen Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch (Neubrandenburg), die Olympia-Zweite im Kugelstoßen, Nadine Kleinert (Magdeburg), die Olympia-Dritte im Speerwerfen, Christina Obergföll (Offenburg), der aus Chemnitz stammende zweimalige WM-Zweite im Kugelstoßen, Oliver-Sven Buder, sowie die noch aktiven Kugelstoßer Petra Lammert, Ralf Bartels (beide Neubrandenburg) und Peter Sack (Leipzig).

          Sie wollten „zum Nachdenken anregen und dem Menschen Werner Goldmann vermitteln, dass da Sportler sind, die eine solche ,Bauernopferjagd‘ nachdenklich stimmt, stark betroffen macht und Ängste schürt“, schreiben die Athleten. „Wer aus der ,alten Riege‘ wird der Nächste sein?“ Und weiter: „Auch die Abhängigkeit des DOSB und des DLV gegenüber der Presse ist kritisch zu betrachten.“

          Dem Dachverband werfen die Athleten vor: „Wie kann der DOSB einem sportverrückten Trainer eine Ehrenerklärung vorlegen, von der man weiß, dass sie nicht erfüllt werden kann?“ Die Art und Weise der Entlassung, drei Sätze und kein Wort des Dankes, lasse den nötigen Respekt und die Anerkennung der seit der Wende geleisteten Arbeit vermissen. „Man nimmt hier nicht nur einem sehr guten Trainer seinen Job weg, sondern zerstört ein Leben, welches einer Passion gewidmet ist, und erschwert einigen Athleten und Athletinnen den Weg zu ihrer Passion“, heißt es weiter. Die Vergangenheit der meisten Trainer aus der DDR sei aufgearbeitet und bekannt. (siehe: Spezial zum Fall Goldmann: Versagen der Athleten)

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