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Vuelta-Sieger Fabio Aru : Vom Talent zum Champion

  • -Aktualisiert am

Geschafft! Dem Italiener Fabio Aru gelingt bei der Spanien-Rundfahrt der erste große Coup Bild: dpa

Der italienische Radprofi Fabio Aru schiebt sich auf den letzten Drücker bei der Spanien-Rundfahrt nach vorne. Giant-Profi Dumoulin fällt zutiefst deprimiert zurück.

          3 Min.

          Der Mann im roten Shirt kannte kein Halten mehr. Mit versteinerten Gesicht überquerte der Holländer Tom Dumoulin die Ziellinie, drei Minuten und 46 Sekunden nach dem Italiener Fabio Aru. Der Giant-Profi hielt nicht vor den Fernsehkameras, die ihm folgten wie ein Rudel Wölfe einem verletzten Hirsch. Ein paar Wortbrocken warf er ihnen hin: „Ich bin tief, tief enttäuscht“. Dann rollte er weiter ins Tal, wo in vier Kilometern Entfernung die Mannschaftsbusse warteten und er auf die Ruhe hoffte, seine große Demütigung zu verarbeiten.

          Aru hingegen, wie Dumoulin vom „goldenen Jahrgang“ 1990 – ihm gehören ebenfalls der zweimalige Tour-Zweite Nairo Quintana und der Dauersieger des Grünen Trikots, Peter Sagan, an – , hob beglückt die Faust. Ihm war der Sprung vom Talent zum Champion gelungen. Podiumsplätzen beim Giro d’Italia 2014 und 2015 fügte er nun den ganz großen Coup hinzu. „Diesen Erfolg verdanke ich meinen Team-Kollegen. Sie waren phänomenal“, sagte der erst 25 Jahre alte Sarde.

          Am Tag zuvor war er noch der Unglücksbursche gewesen, dem erst der Spanier Joaquim Rodriguez mit einer Sekunde Vorsprung den Griff nach dem Roten Trikot verwehrt hatte und der dann in Dumoulin seinen knappen Meister gefunden hatte. Der Holländer war am vorletzten Tag als Gesamtführender gestartet. Sechs Sekunden Vorsprung hatte er zwar nur vor Aru. Aber er wirkte stark, zuversichtlich und souverän. Alle Angriffe in den Bergen hatte er bis dorthin abgewehrt und sein winziges Polster aus dem Zeitfahren verteidigt. Den „neuen Miguel Induráin“ nannte man ihn bereits, eben weil er im Zeitfahren glänzte und sich bergauf zu behaupten wusste.

          Dann aber erlitt er eine jener epischen Niederlagen, wie sie nur große Rundfahrten schreiben können. 3207 von insgesamt 3360,1 Kilometern Streckenlänge der Vuelta waren absolviert, als die Astana-Mannschaft zum großen Schlag ausholte. Ausgerechnet Astana, die Truppe mit dem Doping-Dreier in der vergangenen Saison, einem Rennstallgründer Alexander Winokurow, gegen den wegen des Verdachts, sich den Sieg beim Klassikerrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich mit einer sechsstelligen Summe erkauft zu haben ein ordentliches Gerichtsverfahren in Belgien eröffnet wurde, und einem Kapitän Vincenzo Nibali, der wegen allzu offensichtlichem Festhalten an einem Begleitfahrzeug von der Vuelta verwiesen wurde.

          Schaulaufen auf der letzten Etappe: Fabio Aru (Mitte) mit Joaquim Rodriguez (l.) und Rafal Majka
          Schaulaufen auf der letzten Etappe: Fabio Aru (Mitte) mit Joaquim Rodriguez (l.) und Rafal Majka : Bild: dpa

          Aber die im Wettkampf verbliebenen acht Radprofis des kasachischen Staatsrennstalls legten eine Performance auf den Asphalt in der Sierra rings um Madrid, die den Zuschauern den Atem nahm und Tom Dumoulin quasi versteinern ließ. Am Puerto de la Morcuera, 55 Kilometer vor dem Ziel der vorletzten Vuelta-Etappe in Cercedilla, legte erst Dario Cataldo ein höllisches Tempo vor. Dann übernahm Mikel Landa, Arus phänomenaler Kompagnon bereits beim Giro, der am Ende der Saison in den „zero tolerance“-Rennstall Sky wechseln wird.

          Seine Tempoverschärfung forderte den ersten Tribut bei Dumoulin. Der Giant-Mann, auch noch längst verlassen von allen Helfern, kämpfte sich zwar noch einmal mit aller Verbissenheit zurück. „Wir haben es dann etwas ruhiger angehen lassen, um Kraft zu schöpfen. Aber ich habe gesehen, dass Dumoulin müde war. Also habe ich alles in einen Antritt kurz vor dem Gipfel gelegt“, beschrieb Aru die Situation, die diese Vuelta entschied. Mächtigen Tritts setzte er sich ab. Ihm vermochte nicht einmal mehr Landa zu folgen. Der spanische Adjudant versetzte Dumoulin dann den endgültigen K.o., als er sich kurz vor dem Gipfel ebenfalls vom Holländer löste und auch noch weitere Fahrer mitriss, die damit als potentielle Helfer Dumoulins in der Verfolgung ausfielen.

          Bitteres Finale: Giant-Profi Dumoulin fällt zutiefst deprimiert zurück
          Bitteres Finale: Giant-Profi Dumoulin fällt zutiefst deprimiert zurück : Bild: dpa

          Die konzertierte Aktion rundete Astana ab, als sich im Flachstück vor dem letzten Gipfel noch zwei Teamkollegen aus der Fluchtgruppe des Tages – aus der auch Tagessieger Ruben Plaza (Lampre) stammte – zurückfallen ließen und sich vor das Kletterduo Aru und Landa spannten. Sie bauten den Vorsprung schnell auf mehr als eine Minute aus. Dumoulin dagegen verlor schließlich nicht nur fast vier Minuten auf Aru – er fiel nach diesem Desaster noch auf den sechsten Gesamtrang zurück.

          Dumoulin braucht eine stärkere Rundfahrtmannschaft

          Aru hingegen geht aus der Saison der Double-Versuche als der Triumphator hervor. Der Zweite vom Giro kam nun an die Spitze bei der Vuelta. Alberto Contador, der ihn beim Giro besiegt hatte, verpasste in Frankreich bei der Tour das Podium und fehlte nun in Spanien. Toursieger Chris Froome musste seinen Double-Versuch nach einem Sturz am Anfang der Vuelta verletzt aufgeben. Der Tourzweite Quintana landet in Spanien auf Rang vier.

          Die Vuelta, bereits Schauplatz des Aufstiegs von Nibali (Sieger 2010) und Froome (Zweiter 2011, noch vor seinem Kapitän Bradley Wiggins), brachte mit Aru offenbar einen neuen Rundfahrtprotagonisten, mit dem in Zukunft stark zu rechnen sein wird. Und sie diente als Inkubator für einen zweiten, für Tom Dumoulin, der doch noch eine stärkere Rundfahrtmannschaft braucht, um seinem Namen als „neuer Induráin“ auch die entsprechenden Taten folgen zu lassen.

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