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Fabian Cancellara : Den Schmerz überwunden

Solo in Oudenaarde: Fabian Cancellara, Klassiker-Spezialist aus Bern Bild: dpa

Radsport ist härter als Fußball: Fabian Cancellara meldet sich als Sieger der Flandern-Rundfahrt eindrucksvoll zurück nach einem schwierigen Jahr. Er gilt nun auch als großer Favorit für den nächsten traditionsreichen Klassiker.

          3 Min.

          Was ist schon Fußball im Vergleich zum Radsport? Das Radfahren erfordert deutlich mehr Härte von seinen Protagonisten, findet jedenfalls Fabian Cancellara, gar nicht zu messen mit dem Fußball, „wo du 90 Minuten spielst und es ein wenig schmerzt“. Die Strapazen bei einem Radrennen sind wesentlich größer, das will der Radprofi Cancellara damit ausdrücken.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Überhaupt übt er einen sehr anstrengenden Beruf aus, daran lässt der Familienvater ebenfalls keinen Zweifel. „Als Radsportler muss man viel entbehren“, sagte der Schweizer am Sonntag, „ich war in den letzten fünf Monaten nur zehn Tage zu Hause.“ Immerhin erlebte er am Sonntag auch wieder eine schöne Seite des Radsports als glorreicher Sieger der Flandern-Rundfahrt, er musste dafür allerdings mächtig buckeln.

          „Das hier sind 250 Kilometer“, sagte Cancellara über die Beschaffenheit dieses Frühjahrs-Klassikers, „wir gehen regelmäßig über das Limit.“ Es waren exakt 256,5 Kilometer, und es war, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, eine wahre Zitterpartie. Cancellara meldete sich dabei eindrucksvoll zurück nach einem schwierigen Jahr, und er gilt nun auch als großer Favorit für den nächsten traditionsreichen Klassiker, für Paris - Roubaix am kommenden Sonntag.

          Rennen wie die Flandern-Rundfahrt, die vor 100 Jahren erstmals ausgetragen wurde, werden als Monumente des Radsports bezeichnet, und Stars wie Cancellara oder Tom Boonen genießen Kultstatus beim Publikum. Die Belgier mussten diesmal jedoch ein schmerzliches Erlebnis hinnehmen, weil Boonen früh stürzte: Der Arbeitstag war für den Nationalhelden, der die Flandern-Rundfahrt schon dreimal, zuletzt 2012, gewonnen hatte, nach knapp 20 Kilometern vorbei. Boonen erlitt Prellungen und Schürfwunden, er wird bei Paris - Roubaix vermutlich nicht starten können.

          Über das gefürchtete Kopfsteinpflaster zum Erfolg

          Cancellara kennt solche Fährnisse, in der vergangenen Saison zum Beispiel war der 32 Jahre alte Berner gleich mehrmals aus dem Gleichgewicht geraten. Bei der Flandern-Rundfahrt, die er schon 2010 für sich entschieden hatte, war er durch eine auf der Straße liegende Trinkflasche zu Fall gekommen; Cancellara hatte sich bei diesem Malheur einen dreifachen Schlüsselbeinbruch zugezogen. Auch bei den Olympischen Spielen in London landete der Schweizer unfreiwillig auf dem Asphalt; er beendete daraufhin, auch psychisch angeschlagen, im August die Saison.

          „Es war alles ein bisschen viel“, sagte Cancellara kürzlich gegenüber der „NZZ“, „ich musste Abstand nehmen und zu mir selbst finden.“ Zwar spürte er dabei Widerstand in seinem Team RadioShack, doch Cancellara glaubt, richtig gehandelt zu haben. „Im Rückblick kann ich sagen: Es hat gut getan.“ Er präsentiert sich nun auf alle Fälle in einer herausragenden Form, und die Konkurrenz zollt höchste Anerkennung.

          Der Lohn für die Mühen beim Klassiker

          So sagte der Thüringer John Degenkolb, der am Sonntag Neunter geworden war: „Das war Wahnsinn, richtig stark. Ich hatte keine Chance, da mitzufahren. „Es sieht so aus, dass er wieder der überragende Mann des Frühjahrs ist.“ Der Deutsch-Australier Heinrich Haussler, der Sechster wurde, nannte es „krass“, mit welchem Tempo Cancellara seinen Rivalen enteilt war. „Das kann man nur, wenn man Cancellara heißt.“

          Wie er das nur schafft, noch dazu im Schlussbogen seiner Karriere? „Ich rücke dem Pensionsalter näher“, sagte Cancellara neulich. Vielleicht wird er noch ein einziges Mal die Mannschaft wechseln, denn RadioShack zieht sich vermutlich als Teamsponsor zurück. Es hatte in dieser Equipe einige Turbulenzen gegeben, 2012 etwa, als Fränk Schleck bei der Tour de France positiv auf ein Diuretikum getestet wurde. Außerdem hatte sich RadioShack von dem belgischen Teamchef Johan Bruyneel wegen dessen Verwicklung in den Dopingskandal um Lance Armstrong getrennt.

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          Cancellara war selbst mehrmals ins Gerede gekommen, zuletzt Anfang 2013, als es vermeintliche Andeutungen des geständigen Amerikaners Tyler Hamilton gegeben hatte, Cancellara sei ein Kunde des spanisches Dopingarztes Eufemiano Fuentes gewesen und in dessen Kartei mit dem Decknamen „Clasicomano (Luigi)“ geführt worden. Der Schweizer, der ein Spezialist für Eintagesrennen ist und sich einst von dem umstrittenen italienischen Trainer Luigi Cecchini hatte betreuen lassen, wies Dopingvorwürfe stets zurück.

          Er tat das auch diesmal mit aller Entschiedenheit. Der Radsport verlangt tatsächlich großen Einsatz, nicht nur, wenn man im Sattel sitzt. In dem Örtchen Oudenaarde aber, nach mehr als sechsstündiger Rackerei, fühlte Cancellara sich wie befreit. Das Ende der Leidenszeit? Generell mag das so sein. Spätestens am nächsten Sonntag aber, bei der Hatz über das Kopfsteinpflaster im Norden Frankreichs, wird der spezifische Schmerz des Radsports wieder zu spüren sein.

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