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Fabian Cancellara : Batterie zu groß, Motorengeräusch zu laut

Moped oder Fahrrad? Fabian Cancellara (l.) beim Frühjahrsklassiker „Paris–Roubaix” Bild: REUTERS

Hat Fabian Cancellara etwa nachgeholfen? Hat der Schweizer sein Rennrad mit einem kleinen Motor ausgestattet? Die Autoren eines kleinen „Youtube“-Filmchens sind sich da sicher. Anno Hecker aber erklärt, warum Fabian Cancellara kein Mopedfahrer ist.

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          Das hätten Sie nie geglaubt? Die Phantasie des Sportfreundes reicht nicht, um alle Manipulationen erfassen zu können: Dass der Formel-1-Rennstall Honda 2005 einen zweiten Tank im Auto versteckte, um das Gewichtslimit unterlaufen zu können, verblüffte selbst versierte Fahnder. Marathonläufer steckten ihre Chips für die Zeitmessung einem schnelleren Mann in den Schuh und fuhren mit Bahn und Bus zum Ziel. Rodler schütteten heißes Öl in ihre hohlen Kufen, und deutschen Schwimmern füllte der Olympiaarzt bei den Sommerspielen 1976 Pressluft in den Mastdarm – für eine bessere Wasserlage. Warum sollte man also an einem gedopten Fahrrad zweifeln?

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die halbe Welt hat auf das „Youtube“- Filmchen vom Mittwoch reagiert. Selbst der Internationale Radverband (UCI) will Ermittlungen einleiten. Denn der Autor des Beitrags behauptet ziemlich unverblümt, Radprofi Fabian Cancellara sei beim Frühjahrsklassiker „Paris–Roubaix“ und bei der Flandern-Rundfahrt mit einem Elektro-Moped unterwegs gewesen. Davongesaust auf Knopfdruck und nicht nur mittels Muskelkraft. Weil im Rahmenrohr unter seinem Sattel ein Elektromotor gesteckt habe, den der Schweizer angeblich für seine erfolgreiche Attacken nutzte. „Schwachsinn“, sagt der Schweizer.

          Auch neutrale Radsportkenner wie die Spezialisten der Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte in Berlin schüttelten die Kopf. Aber Hybridmobile sind keine Hirngespinste. Die Tiroler Firma Gruber versenkt seit 2007 künstliche Antriebe in allerlei Drahteseln. 900 Gramm wiegt der 22 Zentimeter lange Motor, bringt 100 Watt auf die Kurbelwelle und kann je nach Beanspruchung bis zu einer Stunde lang arbeiten. Was einem Gelegenheitsfahrer auch am Berg Beine macht und für den Laien auf den ersten Blick nicht gleich zu erkennen ist. Nur in einem Punkt widerspricht das Unternehmen Gruber dem aufsehenerregenden Beitrag: „Dem Profisport bringt das nichts.“

          Hinweis auf die Plazierung der Energiequelle fehlt

          Ein Extraantrieb ohne Wirkung für Berufsradler? Die Erklärung ist simpel: Das Motörchen erreicht nur 90 Umdrehungen pro Minute, schafft also nicht, was der mit welchen Mitteln auch immer gestählte Homo Sapiens auf die Pedale bringt. 110 Umdrehungen kurbeln Profis wie Cancellara im Schnitt. Und treten minutenlang 500 Watt, bei Sprints bis zu 1400. „Na ja, bei den Werten nutzt der Motor nichts“, sagt die Sprecherin von Gruber.

          Von diesen Anmerkungen zum Moped im Fahrrad ist aus dem dreiteiligen Internet-Beitrag gegen Cancellara nichts zu hören. Im ersten Teil werden Sequenzen des staatlichen Fernsehens Rai eingespielt, in denen der ehemalige Profi Davide Cassani die Moped-Technik anpreist und behauptet, so ein Rad sei im Profisport eingesetzt worden. Der zweite Teil zeigt Bilder aus dem Werbefilm der Firma Gruber. Eine Einstellung fehlt: der Hinweis auf die Plazierung der Energiequelle. Gruber deponiert die Batterie von der Größe einer Werkzeugtasche unter dem Sattel – unübersehbar. Cassanis Behauptung, die Batterie sitze in der Nähe der Pedale, wird nicht weiter erläutert.

          Das schließt zwar nicht aus, dass ein begabter Hinterhofbastler den rund 1,5 Kilogramm schweren Akku an einer anderen Stelle im Rahmen verbaut haben könnte. Aber dieser Trick würde die Kenner nicht täuschen. Denn das Fahrrad müsste 2,5 Kilogramm unter dem Mindestgewicht (6,8 Kilogramm) liegen, um den Nachteil des schweren Motors auszugleichen. Alles längst machbar, aber eben auch sichtbar bei einem Vehikel ohne Motorhaube. Ultraleichte Fahrradteile erkennt man sofort. Experten rechnen im Handumdrehen das Gewicht aus und würden sich fragen, warum ein Fahrrad augenscheinlich nur 4,5 Kilogramm wiegt, die Waage aber 6,8 anzeigt.

          „Für Cancellara ist das bestimmt nicht schön“

          Man muss aber nicht unbedingt genau hinschauen. Gut zuhören reichte auch. „Das Geräusch des Motors ist nicht überhören“, sagt die Mitarbeiterin des einzigen Anbieters. Denn so ein Fahrradrahmen wirkt wie ein Resonanzkörper, falls der Motor am Knöpfchen eingeschaltet wird. Cancellara soll entsprechend unübliche Handbewegungen gemacht haben. Die vom sogenannten Enthüllungsautor angebotenen Bildbeweise wirken aber nicht überzeugend.

          Zudem passt der Elektromotor nicht in das Rad des Profis. Er hat auf ganzer Länge den gleichen Durchmesser. Das Sitzrohr des von Cancellara genutzten Bikes verengt sich aber. Trotzdem könnte der Erfolg des Schweizers auch mit dem Untersatz zusammenhängen. Er fuhr ein neues, gefedertes, mit Karbonfelgen und Reifen von 27 Millimetern Breite (statt 23) ausgerüstetes Rad. Davon hat der Youtube-Nutzer nichts erfahren. Bis Freitagmittag schauten sich 1,7 Millionen Menschen die Moped-Geschichte an. „Für Cancellara“, sagt die Dame von Gruber, „ist das bestimmt nicht schön.“

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