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Extremradfahrer Martin Neitzke : 24 Stunden rund um den Henninger Turm

  • -Aktualisiert am

24 Stunden im Sattel: Neitzke will damit Spenden sammeln Bild: Lando Hass

Afrika und Südamerika hat er schon durchquert. Auf das „Race Across America“ trainiert er hin. Martin Neitzke liebt Radsport in extremen Dimensionen. Mit seiner „Fahrt in den Mai“ hilft er Kindern in Not.

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          Wer fährt so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Martin Neitzke mit seinem Rad. Am 1. Mai stehen die Räder coronabedingt zwar still, Eschborn-Frankfurt, das einstige Henninger-Rennen, ist auf den 19. September verschoben worden. Die seit 1962 bestehende Tradition, dass sich am Tag der Arbeit Tausende Radler vom Profi bis zum Junior beim Radklassiker miteinander messen, setzt abermals aus. Neitzke aber fährt. Er ist in seinem Sport längst so weit, dass er solo gegen sich selbst und die auferlegten enormen Distanzen fährt. Der Darmstädter rollt in keinem Peloton mit, denn Rennen in seiner Kragenweite gibt es kaum. „Ultracycling“ nennt sich der Kreis derer, die Radfahren nicht als Angelegenheit für ein paar Stunden betrachten, sondern als extreme Herausforderung über Tage oder sogar Wochen am Stück.

          Afrika und Südamerika hat er bei (Etappen-)Rennen schon komplett durchquert. Die 4455 Kilometer des „Transcontinental“ von Flandern bis nach Istanbul, bei denen jeder Teilnehmer sein Gepäck dabei hat und sich um Schlafgelegenheiten selbst kümmert, bewältigte er in unter 16 Tagen. Beim „Race across Germany“, bei dem es nonstop von Flensburg nach Garmisch geht, wurde er Zweiter. Und doch hat er schon lange nur ein Ziel vor Augen, das vermutlich ultimative: das „Race Across America“ (Raam). Die Fahrt von der amerikanischen West- an die Ostküste, „die Mutter aller Ultra-Radrennen“, wie Neitzke sagt. Für Solisten der reine Wahnsinn, blickt man auf die reine Distanz (5000 Kilometer), die zu bewältigenden Höhenmeter (über 52000) und die klimatischen Veränderungen zwischen Wüste und Hochgebirge. Bei der 2021er Ausgabe dieser Strapaze im Juni will Neitzke dabei sein. Und so ist sein persönlicher Tanz in den Mai eine verschärfte Trainingseinheit auf zwei Pedalen für das große Ziel. Und für den guten Zweck.

          Der 40-Jährige wird sich an diesem Freitag um 16 Uhr im südhessischen Einhausen auf den Sattel schwingen und will 24 Stunden später wieder absteigen. „vier&zwanzig“ heißt das auch vom Veranstalter von Eschborn-Frankfurt unterstützte Projekt. Am 1. Mai um 16 Uhr dann, wenn an normalen Maifeiertagen vor der Frankfurter Alten Oper von Tausenden Zuschauern der Zieleinlauf des Profirennens erwartet wird, will Neitzke mindestens 60 Runden des elf Kilometer langen Rundkurses bewältigt haben, also 660 Kilometer in den Beinen haben. 60 Runden, weil an diesem 1. Mai eigentlich das 60-jährige Jubiläum des Frankfurter Radklassikers gefeiert werden sollte.

          Mit seinem Ritt will Neitzke aber nicht nur eine Belastungsspitze in seiner Raam-Vorbereitung setzen, sondern auch Spenden sammeln, „um denen zu helfen, die ernstere Probleme haben als ein verschobenes Radrennen“, sagt er. Gesammelt wird für ein Projekt in Afrika des Kinderhilfswerks Plan International. Den Kurs in Einhausen kennen Rennfahrer aus der Region von diversen dort ausgetragenen Veranstaltungen. 2019 fanden dort die deutschen Meisterschaften der Elite statt. Neitzke wird sich im normalen Verkehr bewegen – eine Ampel liegt nicht auf der Strecke, nur dreimal gilt es, rechts vor links in einem Wohngebiet zu beachten. Am Einhausener Sportplatz wird der Camper geparkt, aus dem seine zweiköpfige Crew ihn mit Speis und Trank versorgt.

          Das klassische 1. Mai-Radrennen Eschborn-Frankfurt wird diese Jahr verschoben.
          Das klassische 1. Mai-Radrennen Eschborn-Frankfurt wird diese Jahr verschoben. : Bild: dpa

          Nur kam nun die coronabedingte Ausgangssperre dem Projekt in die Quere. So wird Neitzke am Freitagabend voraussichtlich vom Rundkurs abbiegen Richtung Darmstadt (und die Nacht auf dem Rollentrainer daheim verbringen), um im Morgengrauen wieder nach Einhausen zurückzukehren. Von den südhessischen 24 Stunden auf dem Rad verspricht sich Neitzke weitere Erkenntnisse für das Raam. „Wir wollen den Ablauf weiter optimieren. Beispielsweise die Verpflegung, den Klamottenwechsel und auch das Wiegen“, erzählt Neitzke.

          Die Kontrolle des Gewichts wird bei der Durchquerung der Vereinigten Staaten wichtig werden. Problematisch ist dann keine große Gewichtsabnahme, sondern vielmehr die Zunahme. Denn das würde bei solch einer Extrembelastung auf Wassereinlagerungen im Körper hindeuten. Während des Raam plant Neitzke mit 500 Kilometern je Tag, was ihn in knapp unter zehn Tagen ans Ziel brächte. Um zu ermessen, welche Leistung vonnöten sein wird, um im Zeitlimit der Veranstaltung zu bleiben: Abzüglich der kurzen Pausen für Schlaf und Pflege, muss Neitzke Tag und Nacht mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Kilometern unterwegs sein. Drum herum braucht es eine enorme Logistik. Neun Personen und zwei Fahrzeuge wird seine Crew umfassen – wenn Corona das Projekt nicht noch zunichtemacht.

          Die Frage, warum man sich so etwas antun möchte, hört der Sportwissenschaftler, der Vollzeit in einem Immobilienbüro arbeitet, natürlich häufig. Für ihn sind extreme Touren keine aufgeblasenen Missionen, sondern das pure, pralle Leben. „Wenn sich die Landschaften und das Klima ändern, erlebt man das auf dem Rad sehr nahe und eindringlich. Und das Glück und die Härten viel intensiver“, sagt Neitzke. Geprägt worden ist er als kleiner Junge von der Erzählung seines Großvaters, der nach dem Krieg losgeradelt ist. Von Süddeutschland bis nach Hause nach Hamburg, ohne etwas in der Tasche. Nachts habe er sich unter einen Baum gelegt, das Rad mit einem Schnürsenkel verbunden.

          Neitzke bringt so schnell nichts aus seiner Ruhe. Unlängst nahm er sich das „Race around Germany“ vor, eine Route, die grenznah einmal rund um die Republik führt. Beim Start in Pirmasens waren es minus sieben Grad Celsius kalt. Die zweite Etappe führte über knapp 500 Kilometer mit stetigem Gegenwind vom Niederrhein bis Flensburg. Nach sechs Tagen und 2400 Kilometern machte Neitzke mit leichten Kniebeschwerden Schluss. Aber mit der Erkenntnis, dass 400 Kilometer je Tag „relativ entspannt, ohne in Sachen Erschöpfung und Schlafmangel nahe ans Limit zu kommen“, zu leisten seien. Beste Voraussetzungen also für eine relaxte Einhausener Fahrt in den Mai.

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