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Extremradfahren : Irrwitz und Instantkaffee

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Auf zwei Rädern durch Afrika: Hardy Grüne ist in einem exklusiven Tross unterwegs Bild: Hardy Grüne

Die Tour d'Afrique ist das längste Radrennen der Welt. Die Wegstrecke mit ihren 12.000 Kilometern führt auch durch Krisengebiete. Hardy Grüne erklärt uns in den kommenden Monaten, warum sich ein Hobbyradfahrer das antut.

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          Frühmorgens ist es am schlimmsten. Dann stehen wir alle leicht übermüdet und kaum erholt von den Strapazen des Vortages vor der notdürftigen Feldküche und warten auf den Kaffee. Mit den Stirnlampen auf den Köpfen sieht unsere Gruppe irgendwie merkwürdig aus. Und der mit schwer chlorhaltigem Wasser zubereitete Instantkaffee schmeckt ebenso. Die Tour d'Afrique ist kein Abenteuer für Gourmets und auch keines für Morgenmuffel. Früh um fünf Uhr klingelt der Wecker, spätestens um sieben sind wir auf der Straße.

          Wir, das sind 63 Radsportenthusiasten aus allen Winkeln der Welt, die am 15. Januar in Kairo zu ihrem Abenteuer des Lebens aufgebrochen sind: von Kairo nach Kapstadt mit dem Fahrrad. Über 12 000 Kilometer führt das längste Radrennen der Welt. In vier Monaten durch Ägypten, Sudan, Äthiopien, Kenia, Tansania, Malawi, Sambia, Botswana, Namibia und Südafrika. Wenn wir am 14. Mai in Kapstadt ankommen, werden wir täglich durchschnittlich 123 Kilometer geradelt sein. Hoffentlich.

          Die Tour d'Afrique ist eine Melange aus Abenteuerlust, Neugierde, Bereitschaft zur Qual und Entdeckergeist. Wie geschaffen für Menschen, die das Bedürfnis haben, die Komfortzone zu verlassen und zu schauen, wo die eigenen Grenzen verlaufen, oder die Afrika aus einer ungewöhnlichen Perspektive entdecken und bereisen wollen. Seit neun Jahren wird das Abenteuer, das zugleich Rennen wie Expeditionsreise ist, von einem kanadischen Unternehmen organisiert.

          Gesunde Nahrung: Afrikanische Verpflegungsstation

          Der schiere Wahnsinn des allumfassenden Abenteuers

          Es war ein Zufall, der mich zur Anmeldung verführte. Im Internet entdeckt, packte mich der schiere Wahnsinn dieses allumfassenden Abenteuers und ließ mich nicht mehr los. Von da an beherrschte die Tour d'Afrique meinen Alltag. Aus beiläufigen Feierabendrunden wurden gezielte Trainingseinheiten zur Förderung der Kondition. Im Fitnessstudio stählte ich all jene Muskeln, die beim Radfahren zu kurz kommen, und meinen Urlaub verbrachte ich damit, in den Alpen die Berge hoch- und runterzuradeln.

          Wir fahren mit eigenen Fahrrädern. Ich bin auf einem Crossrad unterwegs, mit dem ich im Gelände mangels Federung ordentlich leide, dafür aber auf der Straße alle Vorteile auf meiner Seite habe. Genächtigt wird in Zeltlagern, und die Verpflegung erfolgt über die Feldküche. Wasser zum Waschen steht nur sporadisch zur Verfügung, Internet ist ein ferner Traum, und was nach Erreichen des Etappenziels an Tageslicht noch übrig ist, geht für die Radpflege drauf. Erholungsurlaub ist das nicht.

          Von 20 bis 65

          Das Teilnehmerfeld schlängelt sich vom abenteuerlustigen zwanzigjährigen James aus Hongkong bis hin zum gesetzten 63 Jahre alten Engländer Bob, der seit langem in Australien lebt und dem sein Leben im Ruhestand zu langweilig geworden ist. Aus Deutschland sind neben mir fünf weitere Teilnehmer angereist. Darunter Beate Weiland, eine von insgesamt 13 Frauen auf der diesjährigen Tour d'Afrique. Für die 45 Jahre alte Architektin vom Bodensee ist die Afrikadurchquerung auf dem Rad eine „Herausforderung, die ich brauchte. Ich habe drei Jahre in den Vereinigten Arabischen Emiraten gearbeitet und konnte kaum reisen. Da wollte ich was richtig Großes zur Belohnung.“ Als Hobbyradlerin stellt sich ihr durchaus die Frage, wie sie die 12 000 Kilometer durchstehen will: körperlich „und psychisch, denn Afrika ist vor allem eine mentale Herausforderung“.

          Im Gegensatz zu Beate (und auch mir selbst) sind Horst Schlenker, Dennis Kipphardt und Jörg Hartmann ambitionierte Amateurradsportler, die reichlich Rennerfahrung auf ihren Buckeln haben. Der 48 Jahre alte Schlenker (“Ich habe Spaß an körperlicher Herausforderung“) ist bereits zweimal beim Marathonrennen Paris-Brest-Paris mitgefahren und träumt von der Teilnahme am Race Across America, dem mit 4800 Kilometern längsten Nonstop-Rennen der Welt. „Ich bin gespannt, ob ich das schaffe, ohne den Luxus zu leben, an den man sich gewöhnt hat“, sagte er. Auch für ihn gilt die Tour d'Afrique vor allem als eine mentale Herausforderung.

          Afrika aus der Perspektive des Radfahrers

          Für Jörg Hartmann, einen 45 Jahre alten Entwicklungsökonomen aus Hamburg, ist Leben ohne Luxus kein Neuland. Hartmann empfindet sich als „Weltenbürger“, der „überall zu Hause ist, wo meine Freunde sind“. Der weitgereiste Entwicklungshelfer war schon in den meisten der zu durchquerenden Länder und will sie nun „aus der Perspektive des Radfahrers und nicht des Autofahrers“ kennenlernen.

          Dennis Kipphardt ist mit 38 der Jüngste in unserer Riege. Immer lustig und vergnügt, hat der gebürtige Ruhrpottler nicht nur rasch Kontakt zu nahezu allen Teilnehmern geknüpft, sondern sich mit konstant guten Leistungen auch Respekt unter den Rennfahrern verschafft. „In Ägypten ist es flach, und wir fahren auf Asphalt. Das ist mein Terrain. Wenn es erst mal in die Berge geht, falle ich zurück“, behauptet er und schaut grinsend auf seinen Bauch, über dem das Trikot spannt.

          Radfrei nach einer Woche

          Während Horst, Jörg und Dennis die Tour ambitioniert angehen und durchaus auf ihre Plazierung im Rennen schauen, ist dem 53-jährigen Michael Netzsch sein Abschneiden völlig egal: „Ich will vor allem Land und Leute kennenlernen.“ Ihm gefällt, dass Unterkunft, Verpflegung und Strecke organisiert sind und er sich um nichts kümmern muss. „Alleine würde ich nie durch Afrika radeln.“

          Nach einer Woche und 780 Kilometern auf der Straße stand in Luxor der erste radfreie Tag an. Dort konnten wir unseren müden Knochen endlich etwas Ruhe gönnen. Die Zahl der Eindrücke ist ähnlich groß wie der Grad der Erschöpfung. Und doch guckt man überall in stolze, zufriedene Gesichter. Die Tour d'Afrique ist offenbar ein Virus, das jeden Teilnehmer erfasst.

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