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Extremklettern : Auf den Spitzen des Eisbergs

  • -Aktualisiert am

Herausforderung „Nunataks”: Aus dem Eis ragende Gipfel Bild: www.huberbuam.de / PLANET TALK

Die Huber-Brüder und der Schweizer Stephan Siegrist schaffen in der Antarktis bei minus 46 Grad zwei spektakuläre Gipfelstürme. Für sie zählt nicht nur das Ankommen auf der Bergspitze. Wichtiger noch ist das „Wie“.

          3 Min.

          Klirrende Kälte. Strahlendes Weiß. Zeitlose Stille. Und ein Zeltplatz mit grandiosem Ausblick. Auf der Suche nach neuen alpinistischen Herausforderungen sind die bayerischen Extremkletterer Alexander und Thomas Huber in der Antarktis auf riesige, bizarre Pfeiler aus Granit gestoßen. Felswände ihrer Träume. Prüfsteine der physischen Belastbarkeit.

          Wie nirgendwo sonst in der Antarktis ragen in den Drygalski-Bergen in Queen-Maud-Land Pfeiler und Türme wie Zähne in die Luft. Diese „Nunataks“, wie die aus dem Eis ragenden Gipfel in der Sprache der Inuit heißen, sind lediglich die Spitzen eines Gebirges, das zu zwei Dritteln von Eis bedeckt ist. Im Mittelpunkt der Expedition der „Huberbuam“ standen der Ulvetanna (Wolfszahn, 2931 Meter) und der acht Kilometer entfernte Holtanna (Hohlzahn, 2650 Meter). Dort gelang einer internationalen Expedition 2001 nach vielen Schwierigkeiten eine Erstbesteigung über den Südpfeiler. Der Ulvetanna wurde bisher von zwei norwegischen Expeditionen bestiegen. Beide Gipfel wurden nur mit hakentechnischen Hilfsmitteln erreicht. Doch der Gipfel allein genügt den „Huberbuam“ nicht. Auf das „Wie“ kommt es an.

          Verzicht auf technische Hilfsmittel

          Das Ziel war, völlig neue Routen an den glatten und brüchigen Big Walls des Holtanna und des Ulvetanna unter Verzicht auf technische Hilfsmittel zu eröffnen, diese also bestenfalls frei zu beklettern. Im Gegensatz zum „Free Solo“ ist man beim sogenannten freien Klettern zwar über ein Seil gesichert, bewegt sich aber ausschließlich aus eigener Körperkraft nach oben. „So schön diese Berge sind, bei Schlechtwetter verwandelt sich die Region in den Vorposten zur Hölle“, beschreibt der Extrembergsteiger Ralf Dujmovits, 2001 Mitglied des Erstbesteigerteams des Holtanna-Gipfels, das kühne Vorhaben. „Die Kälte in dieser Mega-Gefriertruhe kostet enorm viel Kraft. Ich habe damals acht Kilogramm in sieben Wochen abgenommen.“

          „Kletterst du vorwiegend im Schatten, kannst du es gleich vergessen”, sagt Thomas Huber

          Die Antarktis ist die niederschlagsärmste, windigste und mit einem Jahresdurchschnitt von minus 55 Grad Celsius kälteste Region der Erde. Geschützt nur durch Zelte und die eigens für diese Expedition entwickelte Hightech-Kleidung, waren die Huber-Brüder, die vom Schweizer Alpinisten Stephan Siegrist und dem Kameramann Max Reichel begleitet wurden, wochenlang auf sich alleine gestellt. Eine mobile Mini-Solaranlage lieferte gerade einmal den Strom, um die Akkus der Kameras aufzuladen. Ein Mehrzweck-Iglu konnte bei minus 40 Grad bedenkenlos als Speisekammer mit integrierter Toilette genutzt werden. Unentbehrlich war das Satellitentelefon, um aktuelle Wetterprognosen abzufragen. Als Luxus gab es ein paar Bücher, Schokolade und Tüten voller Gummibärchen. Was es nicht gab, war eine Dusche oder eine Rasur - sechs Wochen lang.

          Plan A: ohne Handschuhe, Plan B: klobige Bergschuhe

          Als das Basislager stand, ging die Arbeit erst richtig los. Trotz lähmender Kälte arbeiteten sich die Bergsteiger Stück für Stück an der Felswand in die Höhe. Um eine Kletterroute abzusichern, muss tagelang in Schwerstarbeit Ausrüstung nach oben transportiert werden. Um Ab- und Wiederaufstieg zu sparen, verbringt man auch die Nächte in „Portalegdes“ (Hängebiwaks) in der Wand. Nach sechs Tagen „harter Plackerei“, so Siegrist, gelang es den Männern schließlich, die 750 Meter hohe Vertikale an der Holtanna-Westwand zu durchsteigen. Die neueröffnete Route wurde „Eiszeit“ getauft.

          Plan A war, zumindest in schwierigen Kletterpassagen auf Handschuhe zu verzichten. Erste lokale Erfrierungen an Zehen und Fingern riefen dann Plan B ins Leben. Bei Temperaturen von 46 Grad unter null, die sich durch den Wind auf gefühlte minus 56 Grad steigerten, waren nicht nur Handschuhe, sondern anstelle leichter Kletterschuhe auch vergleichsweise klobige Bergschuhe erforderlich. „Mit Schwierigkeitsgraden von sieben und acht, sonst null Problem für uns, waren wir hier am absoluten Limit“, sagt Alexander Huber. Die eisige Kälte, trotz Polarsommers in der Antarktis, hielt die Alpinisten jedoch nicht davon ab, auch den Nordpfeiler des Granitriesen Holtanna erstmals zu besteigen. Die gesamte Route wurde frei geklettert.

          Gefroren, geschuftet, gefeiert

          Auf Tourenski umrundeten die Bergsteiger das Massiv des Ulvetanna, um dort eine begehbare Route auszuspähen. „Obwohl im Sommer in der Antarktis die Sonne nie wirklich untergeht, ist es unvorstellbar kalt. Kletterst du vorwiegend im Schatten, kannst du es gleich vergessen“, sagt Thomas Huber. Kaum war die Route festgelegt und abgesichert, drängte auch schon die Zeit. Trotz einer aufkommenden Schlechtwetterfront gelang auch am Ulvetanna eine Erstbegehung über den Nordwestpfeiler. „Wir haben gefroren, geschuftet, aber auch gefeiert“, sagte Stephan Siegrist.

          Beinahe noch abenteuerlicher als die Kletterei empfand Thomas Huber freilich den sechs Stunden dauernden Flug von Kapstadt in die Antarktis. „Der Flug mit der russischen Iljuschin, einem Transportflugzeug für tonnenschweres Gerät, war schon heftig“, sagt er. „Erst wollte der Vogel in Kapstadt nicht abheben. Und bei der Landung kam unser Flieger erst nach einer rund sechs Kilometer langen Schlitterfahrt irgendwie auf dem Blaueisfeld des Flughafens der russischen Forschungsstation Nowolasarewskaja zum Stehen.“

          „Die Wochen in der Antarktis waren extrem schön und erfüllend“, sagt Alexander Huber. Ihr Ende freilich - auf ihre Art - auch: Die erste Dusche nach sechs Wochen sei, so Alexander Huber, „unvorstellbar wonnig“ gewesen.

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