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Alexander Waske im Gespräch : „Zufriedenheit ist der größte Killer im Sport“

Auf der Tribüne: Waske 2014, als Trainer von Tommy Haas Bild: Picture-Alliance

Der ehemalige Tennisprofi Alexander Waske spricht im FAZ.NET-Interview über fehlendes Geld für den Nachwuchs, seine Akademie in Offenbach – und die ewige Frage, warum Deutschland keine absoluten Topspieler mehr hervorbringt.

          Das deutsche Tennis gilt als schlafender Riese – der erwacht, wenn wir wieder einen Topspieler haben sollten. Warum schaffen wir es nicht, einen hervorzubringen? Oder ist Alexander Zverev das große Hoffnungssignal?

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Alexander ist mehr als ein Hoffnungssignal - ein 17-Jähriger, der unter den ersten 85 der Welt steht und bei einem 500er-Turnier schon das Halbfinale erreicht hat, das ist ganz stark. Aber er hat ja auch alles anders gemacht als die anderen. Er ist mit 13 schon mit seinem Bruder Mischa herumgereist, hatte immer eine Anbindung ans Profitennis.

          Spielen wir zu lange Jugendturniere?

          Ich glaube, dass Deutschland mit den Tennis-Leistungszentren eine tolle Struktur hat. Über die Landesverbände besteht die Möglichkeit, flächendeckend auf hohem Niveau zu trainieren. Aber ist ein Landesverband dafür zuständig, einen Profi hervorzubringen? Oder ist es sein Auftrag, einen Zehnjährigen aus einem Bezirk zu übernehmen und ihn auf das nächste Niveau zu heben, ihn vielleicht zum deutschen Jugendmeister zu machen und in die Jugend-Nationalmannschaft zu führen? In einem Landesverband trainieren hauptsächlich Jugendliche. Ich muss schauen, dass ich die Allerbesten dieser Jugendlichen früh neben den Profis trainieren und manchmal mit ihnen spielen lasse. Zufriedenheit ist der größte Killer im Sport. Also muss ich den Top-Nachwuchskräften zeigen: Wenn du später mit den ersten 100 konkurrieren willst, musst du schneller und härter spielen. Das muss der Jugendliche spüren.

          Tennis ist eine populäre Sportart ab der Mittelschicht. Und da hat das Abitur einen hohen Stellenwert – passt das zusammen?

          Wir bekommen es einfach nicht hin, dass es richtig passt. Normal sieht es heute so aus: Die Kinder gehen bis 13 oder 15 Uhr in die Schule, dann werden sie irgendwo hingefahren zum Training, auf dem Weg wird gegessen, um 16 Uhr stehen die Kinder auf dem Platz, spielen zwei Stunden Tennis, haben noch eine Stunde Konditionstraining – ab nach Hause, Abendessen, Hausaufgaben und ins Bett. Dass diese Kinder irgendwann kaputtgehen, ist doch klar. Andere Länder haben andere Systeme und Kulturen, dort gehen die Kinder weniger in die Schule, teilweise gar nicht mehr, sie können mehr trainieren und sich mehr erholen. Einige werden richtig gut, einige fallen runter und haben dann eine schlechtere oder sogar gar keine schulische Bildung.

          Bräuchten wir ein Tennisinternat, ein zentrales System wie in Frankreich, wo der Übergang zwischen Jugend und Profitum offenbar besser klappt?

          Frankreich hat einen Verband, der mit seinem Grand-Slam-Turnier im Jahr einen großen zweistelligen Millionenbetrag Gewinn macht – dort ist im Gegensatz zum DTB genügend Geld für die Nachwuchsarbeit vorhanden. Wir sind eine Kooperation mit dem Kurpfalz-Gymnasium in Mannheim eingegangen. Unsere Kids können dort mit weniger festen Schultagen als an anderen Schulen Abitur machen. Sie gehen einmal in der Woche in die Schule, haben ihr Hausaufgabenpensum, das wird dann kontrolliert, und die Kinder gehen gut vorbereitet in die Klausuren. Ich denke, dass wir den Schulcode ein bisschen geknackt haben, dass sie ihr Abi machen und trotzdem ganztägig trainieren können. Natürlich werden sie nicht all das lernen, was ein normaler Schüler in einer normalen Schule lernt, aber es geht uns vor allem darum, dass sie ihr Abi schaffen. Wenn einer absackt, streichen wir Turniere. Unsere Verantwortung ist es, diese Jugendlichen auf die Zukunft vorzubereiten, die Persönlichkeitsentwicklung steht an erster Stelle. Ich krieg' nicht jeden Spieler dahin, dass er später Tennismillionär wird. Ich muss absichern, dass er auch etwas lernt, mit dem er im späteren Leben etwas anfangen kann.

          Wie hoch ist der Anteil deutscher Spieler in Ihrer Akademie?

          Die Hälfte ungefähr. Der Jüngste ist 13 Jahre alt, deutscher Meister in seinem Jahrgang. Wir haben hier 30 Spieler, da hast du jeden Tag andere Impulse, einen anderen Konkurrenzdruck. Das ist ein anderer Ansporn als in einem Landesverband, wo vormittags nur wenige Trainingspartner da sind, weil die meisten ja in der Schule sind.

          Das ist aber letztlich eine Kostenfrage – die Eltern müssen es bezahlen können...

          Definitiv ist das ein Kostenfaktor. Deswegen ist es toll, dass es Verbände gibt, in denen man für wenig Geld trainieren kann. Die Ganzheitlichkeit des Trainings ist dann in vielen Bereichen aber nur schwer darzustellen. Und ich brauche Profis beim Training - es ist ja auch viel einfacher, sich zu motivieren, wenn man gegen einen spielt, der besser ist als ich. Wenn der beste Jugendliche eines Verbandes gegen den zweitbesten im Training 6:3, 6:2 gewinnt, wie hart trainiert er wohl beim nächsten Mal?

          „Mehr als ein Hoffnungssignal“: Alexander Zverev

          Eines der Probleme im deutschen Tennis ist, dass Kinder mit Migrationshintergrund fehlen. Da gehen viele Talente verloren, wie man im Fußball sieht.

          Wir haben ja ein paar, Zverev ist genannt worden, wir haben Andrea Petkovic, Angelique Kerber und Sabine Lisicki. Das ist zwar nicht die breite Masse, aber man muss das auch verstehen: Was kostet die Eltern ein Fußballtraining? Man müsste erst einmal an die breite Masse der Jugendlichen rankommen, um die Besten dann durch den Verband fördern zu können. Wir werden uns im Gegensatz zum Fußball aber nie an Brennpunktschulen durchsetzen und da Talente finden.

          Wir haben die drei Damen mit deutsch-serbischen und deutsch-polnischen Wurzeln, wir haben Zverev mit deutsch-russischen Wurzeln, und die hat auch Rudolf Molleker, unser vielleicht größtes Jugendtalent. Ist das Zufall oder auch eine Mentalitätsfrage?

          Wahrscheinlich ein bisschen von beidem. Natürlich hat der kulturelle Hintergrund der Jugendlichen damit was zu tun. Wir haben in unserer Akademie ein Problem mit Thailändern oder Indern, was Intensität und harte Arbeit angeht. Wir haben aber überhaupt keine Probleme mit Taiwanesen oder Japanern, auch wenn die beiden Länder räumlich nicht aus ganz anderen Regionen kommen. Der Kopf ist halt ganz anders gepolt, und das hat etwas damit zu tun, wie die Kinder erzogen worden sind. Aber entscheidend ist: Willst du das wirklich, Profi werden? Bist du bereit, am Geburtstag deiner Freundin nicht da zu sein? Bist du bereit, dein Essen umzustellen, keine Pizza zu bestellen? Bist du derjenige, der abends nicht weggeht, der keinen Alkohol trinkt?

          Muss ein Jugendlicher diesen Willen nicht schon mitbringen?

          Es sind alles verschiedene Charaktere. Für mich war es als Spieler völlig normal, immer zu kämpfen. Du trainierst stundenlang, du reist stundenlang irgendwohin, du nimmst viel auf dich und verzichtest auf viel – um dann auf dem Platz zu stehen und sich nicht anzustrengen? Das macht für mich keinen Sinn. Aber es gibt unglaublich viele, die so viel investieren und dann abschenken, weil irgendwas nicht stimmte, die Saite, die Bälle, das Wetter. Es ist so einfach, sich auf dem Platz in eine Negativität zu flüchten. Dann erklären wir es den Betroffenen immer wieder, machen Extraschichten, Straftraining, aber du musst immer sehen, was funktioniert.

          Was ist die Erfahrung aus fünf Jahren Akademie?

          Ich möchte immer, dass man bei uns eine besondere Energie spürt, wenn man über die Plätze läuft, dass immer überall Dampf ist. Unser größter Feind ist Bequemlichkeit. Es gibt Spieler, die supertalentiert sind, sich aber selbst im Weg stehen und am Schluss das große Ganze gefährden. Ich hatte bei uns beispielsweise einen jungen Polen, der eine tolle Technik hatte; aber er hat zu viele Matches wegen seiner negativen Einstellung verloren. Ich habe ihm mehrfach gesagt, wenn du das mit dem Kampfgeist nicht schaffst, dann hast du hier nichts zu suchen, dann können wir dir nicht weiterhelfen. In Endeffekt haben wir uns von ihm trennen müssen, und er hat mich beschimpft – ich würde schon sehen. Aber entweder wird er nicht gut, weil er seine Schwäche nicht behebt, dann hatte ich recht. Oder er will es mir zeigen, haut sich rein, wird die Nummer eins der Welt und kann dann sagen: Siehst du, Waske! Dann habe ich aber auch alles richtig gemacht - denn bei mir wäre er nicht gut geworden. Ich habe es ihm zehnmal erklärt, und wir haben es nicht hinbekommen.

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