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Sport-Kommentar : Lückenfüller in der Fußball-Pause

Der britische Schwimmer Adam Peaty tritt bei den European Championships in Glasgow an. Bild: AP

Wenn der Ball einmal nicht rollt, wittern andere Sportarten ihre Chance. Blanke Not schafft dabei olympischen Zusammenhalt. Doch das bringt auch eine Gefahr mit sich.

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          Um zum Kern des Großereignisses vorzudringen, das die Fernsehsender Europas uns derzeit vorsetzen, wird man einige Tage lang auf der Fernsehcouch knabbern müssen. Erst an diesem Dienstagabend beginnt im Berliner Olympiastadion die Leichtathletik so richtig, mit Sprints und Kugelstoßen. Doch schon seit vergangenen Mittwoch senden ARD und ZDF täglich vom Turnen und Schwimmen, vom Radfahren und Rudern – aus Glasgow. European Championships heißt das, Europäische Sommerspiele sagen manche, Olympia light ist es.

          Witze über Schneemangel haben Konjunktur, das liegt nicht nur am Wetter. Vom Winter lernen heiße siegen lernen, scherzte Thomas Fuhrmann, der Sportchef des Zweiten, als er in Berlin „Die Finals“ vorstellte: ein Wochenende im August 2019, an dem er und seine Kollegen von morgens bis abends zehn deutsche Meisterschaften zugleich aus Berlin übertragen wollen. Die geballten Titelkämpfe sind das Nachfolgeprojekt der aktuellen Premiere: sieben Europameisterschaften auf einen Streich. Schon dieser Kombi-Pack ist ein Remake – der Weltcup-Staffetten nämlich, mit denen die deutschen Fernsehsender denjenigen, die Biathlon sehen wollen, noch dazu die Nordische Kombination verabreichen, zu Bob und Rodel auch noch Eisschnelllauf packen, alles in einer Mischung aus Jubel und Beschaulichkeit in Weiß.

          Die Konzentration großer Sportveranstaltungen an einem Ort ist ein Bonus für Romantiker geworden; sie können mal diesen Wettbewerb besuchen, mal in jenen reinschnuppern. Sie kann aber selbst bei Olympia – Obacht, Gigantismus! – dazu führen, dass für fünfzig Milliarden Dollar ganze Landstriche neu gestaltet werden, und das war, wie wir wissen, nicht mal das Schlimmste an den Olympischen Winterspielen von Sotschi 2014. Berlin jedenfalls winkte dankend ab, als in diesem Jahr zusätzlich zu den Leichtathleten noch ein paar Verbände mit ihren Europameisterschaften in die Stadt kommen wollten.

          Dem Zuschauer am Bildschirm kann’s egal sein. Das Fernsehen hat längst bewiesen, dass es mühelos zusammenschaltet, was für ein lückenloses Programm zusammengehört, ob Skispringen in den Alpen, Biathlon in Sibirien und Slalom in den Rocky Mountains oder, bei den Olympischen Spielen vom Februar, Ski nordisch in Alpensia, Ski alpin in Jeongseon und Eislauf in Gangneung. Einerlei, wo Athleten kämpfen, jubeln und weinen, ihr Ziel erreichen sie stets problemlos: das Publikum vor dem Bildschirm. Das soll, lehrt die Erfahrung aus dem Winter, umso größer werden, je mehr Sportarten sich zusammentun.

          Diesen olympischen Zusammenhalt schafft nicht sportliche Solidarität, sondern blanke Not. Kaum eine olympische Sportart ist noch regelmäßig im Bild. Die Lückenfüller nutzen die Chance, die das Fernsehen ihnen gewährt – in der Spielpause des Fußballs.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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