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Die Last der Erwartungen : Druckkammer Wimbledon

Eugenie Bouchard, Tennisstar mit Model-Ambitionen bei der Pre-Wimbledon-Party: Nicht hier, um Freunde zu gewinnen Bild: AFP

Für Eugenie Bouchard war der Himmel immer blau, auch Simona Halep gehörte zu den Glücklichen der Tennisszene. Nun haben beide unverhofft früh frei - und müssen erst mal lernen, mit Niederlagen zu leben.

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          So ein paar unverhoffte freie Tage, noch dazu im plötzlich aufgekommenen Hochsommer - was für den normalen Arbeitnehmer eins der größtmöglichen Geschenke darstellen würde, ist für den Tennisprofi dieser Tage in Wimbledon eher das genaue Gegenteil. Die Rumänin Simona Halep etwa, die am Dienstag überraschend in der ersten Runde an der Slowakin Cepelowa scheiterte, ist zwar eine Dauerreisende im Wandergewerbe Profitennis, aber nach Hause zieht es sie erst einmal nicht. Allzu nett, sagte die Weltranglistendritte, werde man dort nicht mit ihr umgehen.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Es ist eine Last mit den Erwartungen, selbst wenn man, wie die Rumänin betonte, aufgrund der letzten Ergebnisse nicht allzu viel davon hatte. Doch wer im vergangenen Jahr erst im Halbfinale scheiterte, rechnet wohl doch mit etwas mehr und steht gleichzeitig unter gehörigem Druck. Denn nirgendwo gibt es so viele Punkte für die Weltrangliste zu gewinnen wie bei Grand-Slam-Turnieren - und eben ein Jahr später auch zu verlieren. „Mit fehlt momentan das Selbstvertrauen“, sagt die Rumänin, die einen famosen Start ins Jahr hatte mit dem Viertelfinale bei den Australian Open, den Siegen in Dubai und Indian Wells sowie der Halbfinalteilnahme in Miami. Dann ging es nach Europa, und seitdem lief wenig zusammen. Nach Wimbledon geht es nun nicht nach Hause, sondern irgendwohin, am liebsten an einen Ort, wo einen niemand kennt.

          Das wird natürlich schwieriger, je prominenter man geworden ist, je mehr man es auch über die Sportseiten hinaus zu Popularität gebracht hat. Eugenie Bouchard war in dieser Hinsicht die doppelte Aufsteigerin des vergangenen Jahres - sie flog nur so durch die Weltrangliste in immer höhere Regionen, und mit ihrer sehr kecken und überaus selbstbewussten Art, idealerweise auch noch gepaart mit einem attraktiven Aussehen, wurde sie zu einer omnipräsenten Figur in der Werbung und den sozialen Netzwerken.

          Die Über-Aufsteigerin des vergangenen Jahres: Eugenie Bouchard lernt plötzlich Schattenseiten kennen

          Viel wurde von ihr erwartet, was aber wohl nur ein Bruchteil dessen ist, was sie selbst glaubt erreichen zu können. Obwohl sie Kanadierin ist, hat sie da ganz die amerikanische Denkweise übernommen - niemand kann dich aufhalten, wenn du es nicht zulässt, und über dir ist nur der Himmel. Der war lange beständig himmelblau, und die paar Wolken, die nach der letztjährigen Finalniederlage in Wimbledon - im Halbfinale hatte sie Simona Halep bezwungen - gegen Petra Kvitová aufgezogen waren, hatten sich bald wieder verzogen.

          Hype in der Heimat ausgelöst

          Sie war 20 Jahre alt, sie hatte bei drei Grand-Slam-Turnieren nacheinander das Semifinale erreicht, und sie war die beste Tennisspielerin, die Kanada je hatte, was in der Heimat einen gewaltigen Hype auslöste. Die Fachschrift „Sports Pro“ kürte sie zum „am besten vermarktbaren Athleten der Welt“, und in der Folge zierte sie diverse Cover großer Magazine und unterzeichnete einen Vertrag bei einer Modelagentur.

          Erfolg verändert ja manchmal eine Menge, und im Erfolg trifft man manchmal auch die größten Fehlentscheidungen. Dass sich Eugenie Bouchard am Ende der Saison, in der sie den Durchbruch schaffte, von ihrem langjährigen Trainer Nick Saviano trennte, könnte so eine gewesen sein - zumindest verläuft 2015 ziemlich ernüchternd für sie.

          Frühe Verliererin Simona Halep (links) beim Shake-Hands mit Jana Cepelova: plötzlich frei, und nun?

          Dem Viertelfinale bei den Australien Open folgte Auftaktniederlage nach Auftaktniederlage - das war auch in Wimbledon nicht anders. Spielen wollte sie dort unbedingt, und zum Privileg der Jugend gehört es ja, Ratschläge jederzeit zu ignorieren. Mit einem Einriss in der Bauchmuskulatur aber anzutreten ist sicher keine gute Idee, und Eugenie Bouchard hatte noch Glück. Gegen die chinesische Qualifikantin Duan Ying-Ying verlor sie zwar in zwei Sätzen, aber die Verletzung verschlimmerte sich nicht, was im günstigen Fall eine mehrwöchige Auszeit zur Folge gehabt hätte.

          Immerhin hat sie nun auch die Zeit, die richtigen Schlüsse aus der bisherigen Saison zu ziehen. „Wenn es gut läuft, schreiben alle nette Sachen über dich, aber wenn die Ergebnisse ausbleiben, geht es genauso rasant andersherum“, sagt sie. Das mag sein, aber in den guten Tagen hatte sie auch nichts ausgelassen, um sich Sympathien zu verscherzen. „Ich bin nicht hier, um Freunde zu gewinnen, sondern um Spiele zu gewinnen“, hatte sie stets betont - weil ihr zuletzt beides nicht gelang, wird sie demnächst nicht mehr zu den besten 20 Spielerinnen der Welt gehören.

          Spaß an der Sache als beste Idee

          Der Druck, die Ergebnisse zu bestätigen oder gar zu toppen, hat Eugenie Bouchard heftig eingebremst - und was Druck in Wimbledon angeht, kennt sich Sabine Lisicki vielleicht am besten aus. An der Church Road und bei den paar Vorbereitungsturnieren zuvor entscheidet sich für sie quasi stets der Verlauf der kompletten Saison - nirgendwo spielt sie erfolgreicher als auf Rasen, wo sie tatsächlich zu den besten Spielerinnen der Welt gehört. Halbfinale, Viertelfinale, Finale, Viertelfinale - die in Wimbledon gewonnenen Punkte hielten sie in den vergangenen Jahren immer in den höheren Regionen der Weltrangliste, ein frühes Scheitern im Londoner Südwesten hätte da fatale Folgen.

          Gegen die unbequeme Australierin Jarmila Gajdosova zog sich die Berlinerin beim 7:5 und 6:4 letztlich aber souverän aus der Affäre. „Es ist schön, wieder in Wimbledon zu sein“, sagt sie - und das findet auch der Mann, auf dem mehr lastet als auf jedem anderen Teilnehmer. Genießen kann Andy Murray diese 14 Tage aber erst, seit er 2013 hier endlich die Trophäe hochhalten durfte - als erster Brite seit 1936. Damit hatte ein britisches Trauma sein Ende gefunden - und mittlerweile sieht man Murray während des Wimbledon-Turniers sogar lächeln. Spaß an der ganzen Sache zu haben ist vermutlich die beste Idee.

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