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Carlsen verliert Schach-WM : Beim Zufall keine Chance

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Hand drauf: Magnus Carlsen (l) verliert das Endspiel der Fischer-Random-Weltmeisterschaft gegen Wesley So. Bild: dpa

Beim WM-Turnier im randomisierten Fischer-System geht der beste Schachspieler der Welt im Finale gegen Wesley So wie ein Anfänger unter. Danach will Magnus Carlsen nur noch weg.

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          Mit abwesendem Blick gewährte Magnus Carlsen Selfies und schrieb Autogramme. Es war pure Pflichterfüllung. Jeder spürte, dass er eigentlich nur weg wollte. Seit Teenagertagen hatte er kein solches Match verloren. Und nun gleich auf krachende Weise: Vier Niederlagen, zwei Remis. Kein einziger Sieg gelang ihm im Finale der Fischerschach-WM.

          Schon nach sechs von zwölf angesetzten Spielen lag sein amerikanischer Gegner Wesley So uneinholbar mit 13,5:2,5 Punkten vorn. Zwei weitere Schnellpartien und vier Blitzpartien blieben Carlsen erspart. Die norwegischen Schachfans hätten gerne mehr gesehen. Und vor allem den sieggewohnten Carlsen, den sie kennen.

          Fischerschach wird nicht mit der gewohnten Anfangsstellung gespielt. Wo die Figuren auf der Grundreihe stehen, wird ausgelost. Eröffnungstheorie und Vorbereitung spielen nahezu keine Rolle. Für ihre Anhänger ist die Erfindung des legendären amerikanischen Weltmeisters Bobby Fischer die sportlichste Art, Schach zu spielen. Während des Halbfinals, das er gegen Fabiano Caruana, seinen Herausforderer bei der vergangenen WM im klassischen Schach, noch eindrucksvoll gewann, ließ sich Carlsen mehrmals darüber aus, wie sehr er Fischerschach liebe. Von Beginn an auf sich selbst gestellt zu sein statt gewohnten Mustern und ausgetretenen Zugpfaden zu folgen, das liegt Carlsen.

          Es liegt aber auch So. Der gebürtige Philippino, der 2014 zum amerikanischen Schachverband wechselte, gilt als großes Talent. Kurze Zeit war er im klassischen Schach die Nummer zwei der Weltrangliste. Doch er arbeitet ganz allein. Ohne Trainer und Analysehelfer fehlt seinem Repertoire der letzte Schliff. Wer sich am Anfang besser auskennt, kriegt chancenreichere Stellungen und spart Bedenkzeit. Im Fischerschach gibt es solche Vorteile nicht.

          Laut den Analytikern spielte So in den vergangenen Tagen begnadet. Kein einziger Fehler sei ihm unterlaufen. Besonders die zweite Finalpartie, in der er einen Turm opferte, begeisterte. Aus Carlsens Sicht war vielleicht schon ihre erste Begegnung von entscheidender Bedeutung, denn er schaffte es nicht, seinen Vorteil in einen Gewinn umzumünzen. Auf ein Remis folgten für ihn drei Niederlagen. Weltmeisterlich war Carlsens Spiel am Ende nicht mehr. In seinem Frust begann er eine Partie mit drei Randbauernzügen und überließ Wesley So das wichtige Brettzentrum. So spielen sonst nur Anfänger.

          Es war die erste vom Weltschachbund anerkannte Fischerschach-WM. Bis 2009 wurden einige inoffizielle Weltmeisterschaften in Mainz ausgetragen. Voriges Jahr haben zwei norwegische Geschäftsleute den Wettbewerb wiederbelebt. Sie luden den letzten Sieger von Mainz, Hikaru Nakamura, als Quasi-Titelverteidiger ein und setzten Carlsen als Herausforderer. Der Norweger gewann ein abwechslungsreiches Match. Dieses Jahr kam nicht nur die offizielle Anerkennung dazu, sondern auch eine ausgeklügelte Qualifikation. In der einzigen Runde, nach der Verlierer eine zweite Chance bekamen, unterlag So gegen Nakamura und gewann sechs Spiele, um ins Finale zu gelangen.

          Mit der unerwarteten Schlappe bestätigte Carlsen, wie schwer es ihm fällt, vor heimischem Publikum zu spielen. Schon früher lieferte er einige seiner schwächsten Resultate in Norwegen. Im Juni drohte er sogar, nicht anzutreten, wenn die Weltmeisterschaft 2020 im klassischen Schach nach Stavanger vergeben werde. Daraufhin zog die Hauptstadt der norwegischen Öl- und Gasindustrie ihre Kandidatur zurück. Die Fischerschach-WM war Carlsens erster größerer Auftritt in der Heimat, seit er im Juni in die Kritik geraten war, als er sich für einen Deal seines Verbands mit einem Glücksspielspielkonzern stark machte. Norwegens Schachverband winkte als Lobbyist gegen das staatliche Monopol eine Million Euro jährlich. Damals gründete Carlsen den Verein Offerspill, um mit dessen Stimmrechten die Entscheidung zu beeinflussen. Der Deal fiel aber mit großer Mehrheit durch. Offerspill aber gibt es noch. Am Sonntag, dem Tag nach seiner Niederlage gegen So, vertrat Carlsen seinen Verein pflichtbewusst am Spitzenbrett der zweiten norwegischen Liga.

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