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Ernests Gulbis : Der Tennis-Chaot

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Ernests Gulbis und seine Welt: Frauen gehören an den Herd, während er die Tenniswelt erobern will. Bild: AFP

Ernests Gulbis mischt das Männer-Feld der French Open auf. Früher fehlte ihm die Disziplin, nun will der Lette der Beste werden, der er sein kann.

          Es war eine wunderbare Szene. Ernests Gulbis hielt zum zwölften Mal in zehn Tagen ein kleines Referat zum Thema: Wie ich die Ernsthaftigkeit des Seins entdeckte. Er schloss mit den Worten: „Ich muss alles versuchen, um der Beste zu werden, der ich im Tennis sein kann, und dann werde ich mit klaren, leichten Gedanken irgendwann mit 35 an einem Strand sitzen können mit ...“ - es folgten ein paar Handbewegungen, die für alles standen, womit man sich das Leben schöner machen kann. Manche Beschreibungen kommen halt ohne Buchstaben aus, selbst wenn man einen Vornamen trägt, der an einen der berühmtesten Schriftsteller der Welt erinnern soll. Obwohl er gern und viel liest, konnte er sich bisher noch nicht zur Lektüre seines Namensgebers Ernest Hemingway aufraffen. Das „s“ hintendran entspricht der lettischen Grammatik für alle Männernamen.

          Dieser Tage fällt die Entscheidung nicht leicht, ob man Gulbis lieber beim Tennisspielen zuschauen oder ihm beim verbalen Streifzug durch sein buntes Leben zuhören möchte. Nach seinem Sieg bei den French Open neulich gegen Roger Federer zerlegte er im Viertelfinale das Spiel des Tschechen Tomas Berdych mit seiner scharfen Rückhand, die er in aller Bescheidenheit zu Recht für einen der besten und effektivsten Schläge des Männertennis hält. Und mit seiner höchst merkwürdig aussehenden Vorhand, bei der er den linken Arm zur Stabilisierung in Schulterhöhe ausstreckt und mit dem rechten extrem weit ausholt; bevor er zuschlägt, verharrt er den Bruchteil einer Sekunde lang in dieser Position. Ein Radioreporter der britischen „BBC“ beschrieb die Sache neulich so: Dann steht er also wieder da wie ein Verkehrspolizist, der mit der linken Hand die Autos zum Halten auffordert, eher er mit der rechten den Verkehr durchwinkt. Im Laufe der Jahre landete er bei dieser Technik, und es ist ihm völlig egal, wie das aussieht.

          Die vier Großen - alles Langweiler

          Ebenso ist es ihm völlig egal, was die Leute über die Dinge denken, die er von sich gibt. Vor einem Jahr meinte er in Paris, die großen vier des Männertennis seien doch alle langweilig. Und er sagte, dass er seinen Schwestern nicht empfehlen würde, professionell Tennis zu spielen. Eine Frau müsse das Leben mehr genießen, an die Familie denken, an Kinder. „Ich bin ehrlich, und ich sage, was ich denke“, erzählt Gulbis.

          Nun also steht dieser Gulbis im Halbfinale von Paris und trifft dabei auf Novak Djokovic, gegen den er an gleicher Stelle und ebenfalls in der Runde der letzten acht schon vor sechs Jahren gespielt hat. Beide haben einige Zeit gemeinsam in der Münchner Tennisakademie von Niki Pilic verbracht. Beide erzählen hübsche Geschichten aus dieser Zeit, in der der strebsame Serbe schon sehr genau wusste, wohin ihn der Weg als Tennisspieler führen sollte und was er dafür tun musste, und der lettische Millionärssohn mehr daran interessiert war, einen ersten Überblick über das vielfältige Angebot des Lebens zu gewinnen. Gulbis war 19, als er dieses Spiel in Paris gegen Djokovic verlor, aber viele hielten ihn wegen seines krachenden Aufschlags und der mächtigen Grundschläge für einen der kommenden Spieler des Männertennis.

          Mitten im Nirgendwo

          Gut, es dauerte ein wenig. Warum? Unter anderem deshalb, weil er es gewohnt war, dass manche Dinge auch ohne große Mühe funktionieren. Er stammt aus einem reichen Elternhaus, hatte nie Probleme in der Schule, hatte für Ballsportarten aller Art ein gutes Händchen und dachte, das müsse genügen. So flatterte er durch die Welt, gewann gelegentlich, verlor viel zu oft und fand sich im Oktober 2012 in der Qualifikation eines Challengerturniers im mittelfränkischen Eckental wieder. Es war kalt, Eckental ist nicht die Côte d’Azur, er war deprimiert, und obwohl er schließlich das Finale erreichte, stellte er sich eine entscheidende Frage: Das Jahr geht zu Ende, du spielst hier mitten im Nirgendwo - ist es das, was du wirklich willst?

          Doch die Zeiten sind vorbei. Seit er in Wien mit dem Österreicher Günter Bresnik trainiert, hat der einst so wankelmütige Ernie eine Form von Disziplin entwickelt, ohne die im Tennis selbst mit einer üppigen Portion Talent nichts auszurichten ist. „Du kriegst keine Siege ohne harte Arbeit“, sagt er, „das hab ich jetzt erkannt. Wenn ich glücklich sein will, dann muss ich meinen Job gut machen und Erfolg haben auf dem Tennisplatz. Es geht nicht um Geld; es geht nicht um Ruhm - es geht schlicht und einfach um eine Form der inneren Zufriedenheit. Nur dann kann ich mein Leben wirklich genießen.“

          Demolition Man

          Aber zum Glück hat er auf dem Pilgerweg vom Eckental nach Paris nicht allen gefährlichen Gewohnheiten abgeschworen. Wenn er mit sich und seiner Welt nicht im Reinen ist, muss meist der Schläger daran glauben. Es gibt kaum einen, der im Laufe eines Tennisjahres so viele demoliert, aber charmanter, als er dieses unbezähmbare Verlangen in dieser Woche erklärte, kann man das kaum tun. Als Antwort auf die Frage, warum er die Dinger so schlecht behandele, fiel ihm Folgendes ein: „Ich muss auf jedem Tennisplatz der Welt zumindest einen Schläger zerlegen - das ist eine Frage des Respekts gegenüber allen Plätzen.“

          Das sind die Nebengeräusche, sozusagen die Blumen des Bösen, am Rande eines in letzter Zeit bemerkenswert geraden Weges. Die Hauptsache sieht so aus: In der neuen Weltrangliste, die am kommenden Montag erscheint, wird Ernests Gulbis zum ersten Mal zu den Top Ten gehören.

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