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Ringer-Sportdirektor Zamanduridis : „Es ist eine Art Erlösung“

  • Aktualisiert am

Chancenlos im Finale: Oliver Hassler unterliegt seinem künftigen Mainzer-Bundesligakonkurrenten Artur Aleksanyan aus Armenien Bild: dpa

Oliver Hassler erringt am letzten Tag der Ringer-WM in Taschkent die zweite deutsche Medaille: Sportdirektor Jannis Zamanduridis wertet den Wettbewerb im Interview auch wegen weiterer Achtungserfolge als Aufwärtstrend - hat aber weiter Zweifel am Stellenwert des Sports in Deutschland.

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          Zum Abschluss der Weltmeisterschaft im Ringen haben die deutschen Männer doch noch die ersehnte Medaille errungen: Oliver Hassler vom SV Germania Weingarten hat im usbekischen Taschkent die Silbermedaille gewonnen. Im Finale der Kategorie bis 98 Kilogramm unterlag er am Sonntag dem für den ASV Mainz 88 in der Bundesliga ringenden Artur Aleksanyan aus Armenien mit 0:8. Schon nach 56 Sekunden war das Finale beendet, da der Gegner mit zwei Angriffen zu einem 8:0-Abbruchsieg wegen technischer Überlegenheit kam.

          Hasslers Erfolg bescherte dem Deutschen Ringerbund die zweite Medaille nach dem Weltmeistertitel von Aline Focken, die in der 69-Kilogramm-Klasse der Frauen den ersten deutschen Sieg seit 2002 erkämpfte. Für den Deutschen Ringerbund ist das ein zufriedenstellendes Resultat, auch wenn die wegen Verletzungen ersatzgeschwächten Freistil-Ringer ohne Medaille und gar bei nur einem gewonnenen Kampf hinter den Erwartungen zurückblieben. Sportdirektor Jannis Zamanduridis zieht im Interview dennoch ein positives Fazit.

          Ein Weltmeistertitel bei den Frauen durch 69-Kilogramm-Frau Aline Focken, eine Silbermedaille im Griechisch-Römischen Stil bei den Männern durch Halbschwergewichtler Oliver Hassler. Wie fällt Ihr Fazit der Ringer-Weltmeisterschaft in Taschkent aus?

          Wir befinden uns noch immer in der Aufbauphase. Deshalb schaue ich mehr auf die Ergebnisse in der Breite als auf mögliche singuläre Erfolge. Und da haben mir neben den Medaillen auch die drei Teilnahmen an Kämpfen um Bronze Griechisch-Römischen Stil und einige weitere bemerkenswerte Leistungen bewiesen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir haben so viele Siege gegen Spitzenringer wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr errungen. Ich bin echt stolz auf die Ringer und meine Trainerkollegen. Die Zusammenarbeit funktioniert super und wir haben eine sensationelle Stimmung in der Truppe. Taschkent hat einen klaren Aufwärtstrend bewiesen, wir haben eine gute Ausgangsposition für die kommenden Jahre.

          Der große Hoffnungsträger Frank Stäbler ist allerdings an seinem Ziel des Weltmeistertitels gescheitert und gar ohne Medaille geblieben.

          Frank Stäbler und musste im Bronzekampf einer schweren, kräftezehrenden Auslosung Tribut zollen, aber er war seit 2011 bei jeder großen Meisterschaft immer unter den ersten fünf. Das muss man auch erst mal schaffen. Er hat anderen Mut gemacht, dass es geht bei entsprechender Professionalität. Wir haben um ihn herum bewusst den Teamgedanken bei uns wieder gestärkt, damit eine Dynamik entsteht durch seine Einzelerfolge und auch eine entsprechende leistungsfördernde Stimmung. Eduard Popp und Ramsin Azizsir oder Oliver Hassler haben davon profitiert.

          Sportdirektor Jannis Zamanduridis:

          Warum bleiben diese Achtungserfolge im Freistil noch aus, wo Ihre Ringer insgesamt nur einen Kampf gewannen?

          Wir waren bei dieser Weltmeisterschaft von Verletzungspech gebeutelt und hatten auch durchweg schwere Lose. Aber es ist nicht zu leugnen: Wir sind im Freistil deutlich weiter von der Weltspitze entfernt. Wir haben seit Jahren im Nachwuchs sehr gute junge Leute, die auch Medaillen gesammelt haben bei internationalen Junioren-Meisterschaften. Wir müssen sehen, dass wir diese Potentiale endlich auch wieder ins Aktivenalter bringen können. Das ist ein schwerer Prozess.

          Erstmals seit 2002 gab es eine Goldmedaille für den Deutschen Ringerbund. Ist das eine Erlösung für den Verband?

          Es ist möglicherweise eine Art Erlösung, weil wir schwere Jahre hinter uns haben. Die jetzigen Erfolge sind das Produkt jahrelanger Arbeit, wo sich jeder beteiligte Trainerkollege maximal eingebracht hat. Das Ziel für Aline bleiben aber die Olympischen Spiele. Das ist klar formuliert.

          Wie wertvoll ist der Weltmeistertitel von Aline Focken bei den Frauen in einer sehr männlich geprägten Sportart?

          Frauen-Ringen ist mittlerweile völlig etabliert in unserem Sport. Der Weltmeistertitel von Aline Focken gerade auch in einer olympischen Gewichtsklasse ist ein Wert für uns, den wir nicht unterschätzen sollten. Der Erfolg ist ja auch kein Zufall, sondern hat wie bei den Greco-Männern eine Vorgeschichte, die nun zum Ergebnis geführt hat. 

          Gibt es also einen deutschen Weg wieder zurück in die Spitze?

          Wir orientieren uns immer an der Weltspitze. Bei unserem Weg müssen wir aber auch beachten, dass wir ganz andere Rahmenbedingungen haben als Ringer aus Ländern, in denen Ringen Nationalsport ist. Wir müssen da eigene Strategien entwickeln und Strukturen schaffen, die für uns möglich sind. Wir brauchen da nicht viel drumherum zu reden: Gerade in unserem Sport stellt sich im Vergleich zu anderen Ländern die Frage: „Welchen Stellenwert hat der Sport in unserer Gesellschaft?“

          Nimmt man die Deutschen bei einer WM schon anders wahr?

          Aserbaidschaner, Iraner oder Russen kommen schon zu uns und zollen uns Respekt für unsere Arbeit. Da gibt es positive Rückmeldungen.

          Erlösender Jubel: Aline Focken beschert Deutschland das erste Ringer-Gold seit 2002

          Am Wochenende beginnt die neue Bundesligasaison. Glauben Sie, dass auch dort die Bedeutung der deutschen Kämpfer inmitten internationaler Stars wieder wächst?

          Ich bin ja immer auf den Bundesligatagungen, um dort auch für unsere deutschen Ringer zu werben. Die Vereine haben natürlich eine andere Zielsetzung als wir als Spitzenverband. Aber ich habe trotzdem die Hoffnung, dass die Vereine immer mehr erkennen, wie wichtig das Investieren in den eigenen Nachwuchs ist, statt ständig fertige Athleten aus Schweden oder Polen einzukaufen. Ich finde es gut, dass wir internationale Stars haben, an denen sich unsere deutschen Talente messen können. Aber es muss auch Platz sein für unsere Talente. Denn es macht sich bezahlt, wenn man Talente fördert und ihnen Perspektiven bietet, so wie es vor vielen Jahren war. Ich hoffe auf eine Aufbruchstimmung durch Taschkent auch in der Bundesliga.

          Das Gespräch führte Daniel Meuren.

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