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Erklärung für Jamaikas Sprintwunder? : Hürdenläufer mit Doping-Mitteln beliefert

  • -Aktualisiert am

Doping-Päckchen empfangen, aber nur Blumen ausgepackt? Delloreen Ennis-London Bild: dpa

Die Wundersprinter aus Jamaika haben bei den Olympischen Spielen die Welt verblüfft - und Misstrauen erregt. Nun gibt es härtere Indizien, dass es bei den Läufern von der Reggae-Insel womöglich nicht mit rechten Dingen zugeht.

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          Zwei Mitglieder des jamaikanischen Leichtathletikteams haben zwischen dem Sommer 2006 und dem Frühjahr 2007 Wachstumshormon, Testosteron und anabole Steroide bezogen. Das haben Recherchen der amerikanischen Zeitschrift „Sports Illustrated“ ergeben, die am Dienstag auf ihrer Website die beiden Sprinter namentlich identifizierte.

          Es handelt sich um Delloreen Ennis-London, die Fünfte von Peking über 100 Meter Hürden, und Adrian Finley, einen 400-Meter-Hürden-Spezialisten, der die landesinterne Olympiaqualifikation allerdings verpasst hatte. Beide leben in den Vereinigten Staaten.

          Ehemann bestätigt Empfang eines Pakets

          Die Informationen gehen offensichtlich auf die Arbeit von amerikanischen Strafverfolgungsbehörden zurück, die seit mehr als einem Jahr in den Vereinigten Staaten ein Netz aus Online-Apotheken und Ärzten ausheben, die Rezepte für Pharmaprodukte ausstellen, ohne die fraglichen Patienten je gesehen zu haben.

          Auch Adrian Finleys Name taucht in den Unterlagen auf

          Nach Angaben des Blattes wurde aus dem Umfeld eines Athleten sogar der Erhalt solcher im Sport verbotenen Substanzen bestätigt. Lincoln London, der Ehemann und Coach von Delloreen, die am Dienstag beim Meeting in Lausanne die amerikanische Olympiasiegerin Dawn Harper schlug, erklärte jedoch, seine Frau habe die Packungen nicht geöffnet. Findlay, der im Bundesstaat North Carolina lebt, bestreitet, die Lieferung bestellt und darüber hinaus jemals Anabolika genommen zu haben. Er habe jedoch eine Theorie, wie es zu der Aussendung gekommen sei.

          Bessere Erklärung für Wunderläufe als die Sklaventhorie

          Die Recherchen von „Sports Illustrated“ bringen erstmals konkret jamaikanische Sprinter mit dem illegalen amerikanischen Markt von Doping-Substanzen in Verbindung. Eine Enthüllung, die ihre Dominanz bei den Olympischen Spielen sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen und die Weltrekorde von Usain Bolt über 100 und 200 Meter sowie in der 4x100-Meter-Staffel nach Expertenansicht sehr viel besser erklären würde als die Einlassungen von Dr. Herb Elliott. Der Chefarzt des jamaikanischen Olympia-Teams und in Personalunion Hauptverantwortlicher für die DopingTests der Mannschaft, hatte folgende Theorie: „Man sagt, dass unsere Aggressivität, unsere Härte aus der Sklaverei kommt. Jamaika hatte mehr Sklavenaufstände als jedes andere Land in der Welt.“ (siehe auch: Jamaika: Die Insel der Sprinter)

          Die Qualität der Sprinter entspringe mithin der Erbmasse. Eine solche Deutung der rapiden Leistungssteigerungen wird etwa von Victor Conte, der einst fast die gesamte amerikanische Sprinterelite mit illegalen Cremes und Tinkturen versorgte und im Rahmen der Balco-Ermittlungen ins Gefängnis musste, als Phantasievorstellungen etikettiert. Er nannte Elliott unlängst einen „Vertuscher“. Der Mediziner schlug zurück: „Victor Conte ist ein Idiot. Er hat ein Laboratorium gegründet, um zu betrügen. Man hat ihn erwischt. Nun beschuldigt er Leute, die seit 40 Jahren im Sport aktiv sind und sauber geblieben sind.“

          Eine Doping-Apotheke kam auf 40 Millionen Dollar Jahresumsatz

          Die Ermittlungsbehörden in den Vereinigten Staaten, die ihr Augenmerk auf die Vertriebskanäle von verbotenen leistungsfördernden Hormonen richten, haben eine Reihe von Anklagen, Geständnissen und Verurteilungen erwirkt. Zu den Überführten gehören kleine Privatimporteure, die sich das Rohmaterial in China besorgen, es in ihren Küchen und Badezimmern weiterverarbeiten und dann verkaufen. Die Behörden waren allerdings durch fingierte Bestellungen in der Lage, mehrere Apotheken und private Hormonbehandlungskliniken zu entlarven, die unter dem Deckmantel regulärer ärztlicher Verordnungen jedem potentiellen Interessenten innerhalb der Vereinigten Staaten die Ware zustellen. Das Geschäft lohnt sich. So betrug der Jahresumsatz der bislang größten, auf Doping-Mittel spezialisierten Apotheke in Orlando 40 Millionen Dollar.

          Die 33 Jahre alte Ennis-London, WM-Zweite von Helsinki 2005, und der 25-jährige Findlay haben keine Sanktionen seitens der Behörden zu befürchten. Die konzentrieren sich auf Mittelsmänner und Dealer und verfolgen nur Athleten wie Marion Jones, von denen sie bei der Vernehmung belogen wurden. Jones wird heute nach Verbüßen einer sechsmonatigen Haftstrafe aus dem Gefängnis in San Antonio entlassen. Am gleichen Tag wird ihr ehemaliger Trainer Trevor Graham in San Francisco erfahren, wie lange er hinter Gitter muss. Graham war im Mai verurteilt worden, die Balco-Ermittler angelogen zu haben.

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